Aristophanes

Aristophanes, aus Athen geb. umʼs J. 452, ist als Komödiendichter der erste Meister des alten Griechenlands. Die Natur hatte ihm eine unerschöpfliche Ader des Witzes verliehen und die Kunst ihn gelehrt, mit wenigen treffenden Zügen die Charaktere seiner Personen aufʼs glücklichste zu zeichnen. Gleiche Meisterschaft entwickelte er in der Kühnheit und Genialität der Erfindung und Anlage seiner Stücke, in der Verbindung, dem Wechsel und dem wahrhaft komischen Effekt der einzelnen Scenen; endlich handhabt er die Sprache mit einer Kunst, welche für das Muster des reinsten Atticismus gelten muß. Seine Komödien enthalten ungemein viel burleske niedrig komische Elemente und Invectiven. So wenig nun auch solche Derbheiten bisweilen mit unsern Begriffen von Bildung und Anstand harmoniren, so darf anderseits doch nicht vergessen werden, daß eben die trunkene Luft der Bachusfeste dem Dichter erlaubte, über die in jener Zeit sonst streng festgehaltenen Gesetze der sittlichen Würde hinauszugehen. Sodann ist anerkannt, daß häufig ein tiefer, bitterer Ernst den Hintergrund dieser possenhaften Ergießungen bildet. A. war ein Athener von altem und ächtem Schrot und Korn, in dessen Herz das wärmste Gefühl für das Wohl und Wehe seiner Mitbürger lebte. Nach allen Seiten hin fand sich aber zu Athen des Widersinnigen und Verkehrten eine solche Fülle, daß bei einem Manne wie A. der sittliche Unmuth nothwendig mit der dichterischen Begabung in Bund treten mußte, um unter dem Schutze einer unbedingten, durch Gesetz und Volkssitte garantirten Freiheit der Rede die Geißel der Satyre ohne Unterschied über Personen und Verhältnisse in einer Weise zu schwingen, die ihres Gleichen nie mehr gefunden hat. A. hat bekanntlich den peloponnes. Krieg überlebt. Eine so ernste Zeit konnte nicht verfehlen, das Genie des patriotischen Dichters zu poetischen Erzeugnissen zu begeistern, in denen er Hoffnung und Klage, Wunsch und Sehnsucht des Herzens aussprach. Daher haben zwei seiner Stücke, die Acharner und der Frieden, dasselbe Thema: eben den Wunsch nach Frieden. Hatte A. sich nicht gescheut, schon in der erstgenannten Komödie tüchtige Geißelhiebe gegen den Demagogen Kleon zu führen, so hat er in seinen Rittern die ganze Demagogie Kleons angegriffen, was nicht weniger patriotische Kühnheit als dichterischen Geist erforderte. In den Wolken persiflirte A. die neue schulgemäße Erziehung, welche so viel zur Untergrabung der alten Sitte und damit zum Verderben des Staates austrug. Der Dichter ist in dieser Komödie gegen Sokrates ungerecht geworden, indem er ihn als einen Sophisten angriff, wiewohl es anderseits genügend dargethan worden ist, daß A. sich wenigstens keine bewußte Fälschung des Charakters von Sokrates zu Schulden kommen ließ, sondern denselben wirklich für einen Redekünstler und Rabulisten ansah. Die Wespen, eines der vollendetsten Stücke des A., halten dem athenischen Volke seine Prozeßsucht vor, während er in den Vögeln sich über die Leichtfertigkeit und Leichtgläubigkeit seiner Mitbürger lustig macht. In drei weitern Komödien warf sich der Dichter auf das Feld der literarischen Kritik und geißelte in den Thesmophoriazusen und in den Fröschen insbesondere die neue, das ganze Gepräge der Zeit an sich tragende Manier des Euripides. In den Ekklesiazusen werden die Weiber rebellisch und wollen auch einmal den Staat regieren. Dieses Stück ist ein Spaß, den sich A. mit den damals in Umlauf gekommenen idealen Staatsformen, insbesondere mit der Republik Platos machte. Das letzte, nach dem peloponnes. Krieg gedichtete Stück des A. ist der Plutus, welcher verräth, daß mit dem Sturze der athenischen Macht auch der freie, keck und kühn in die wichtigsten Verhältnisse des öffentlichen Lebens eingreifende Geist des Dichters gebrochen war. Im Plutus sagt sich A. von den großen Staatsinteressen entschieden los und verfolgt bereits nach der Weise der mittlern Komödie eine mehr allgemeine Tendenz, deren Grundgedanken der ist, daß der Reichthum denen zukomme, die ihn nicht verdienen.


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