Baukunst

Baukunst oder Architektur. Je nach dem Zweck, den sie in den einzelnen Fällen zu erreichen strebt, kann die B. unterschieden werden in die höhere B. und die bürgerliche. Jene gehört mehr als diese in das eigentliche Gebiet der Kunst, weil bei den Gebilden, die sie zu schaffen hat, das Moment der gemeinen Nützlichkeit mehr in den Hintergrund tritt, und ihre Bestimmung eine erhabenere, geistigere ist; so der Tempel- und Monumentenbau. Indeß auch die bürgerliche B., wenn sie gleich mehr den Zwecken des gemeinen Lebens dient, bietet der Kunst noch ein weites Feld, am wenigsten jedoch der Theil der bürgerlichen B., der es mit Brücken-, Straßen-, Schiffsbauten etc. zu thun hat. Die B. ist die älteste der Künste, begründet in dem Bedürfnisse des Menschen nach einer Wohnung, und wie die Kunst überhaupt, so ist besonders diese der Ausdruck der jeweiligen Culturstufe der Völker und das Abbild ihrer geistigen Eigenthümlichkeiten; kein Wunder daher, daß die christl. Zeit das Höchste, was hierin bisher erreicht wurde, geleistet hat. – Die noch übrigen architektonischen Denkmäler aus den frühesten Zeiten haben alle den Charakter der größten Einfachheit, es sind aufgerichtete Erdhügel, Steine und Felsblöcke, bei Anhäufungen in der natürlichsten Form der Pyramide oder des Kreises, ohne genauere Maßbestimmung. Viel höher stehen schon die mehr abgemessenen und ausgeschmückten Monumente in Mittelamerika und den Südseeinseln. Eine kunstvollere Gestaltung der Architektur finden wir zuerst bei den Aegyptern und Indiern. Die Aegypter hatten ebenfalls die Pyramide als Grundform, doch schon die Verbindung mit einem ausgebildeteren Säulenbau, der Malerei und Bildhauerkunst, so mangelhaft auch die Ausführung im Einzelnen ist, gaben überall Zierde und Schmuck. Im Ganzen herrscht indessen das Massenhafte vor mit düsterem, strengem Charakter. Solche Reste ägypt. B. sind die Ruinen colossaler Tempel und Paläste und die riesigen Pyramiden bei Memphis, Gizeh etc. – Auch bei der B. der Indier herrscht im Freibau die Pyramidenform vor, aber überladen mit Zierathen und Schnörkeln; ihre großartigsten Bauten indeß sind die massenhaften, in Felsen ein- und ausgehauenen Gebäude und Tempel. – Die höchste Vollendung u. freieste ästhetische Ausbildung erhielt der Säulenbau bei den Griechen, u. geschah in zwei selbstständigen Richtungen, der dorischen und jonischen. Bei den Dorern war Einfachheit, Ernst und Würde der Charakter ihres Baustyls, während bei den griechisch-jonischen Völkern das weichere asiat. Element, die anmuthigere Gestalt, vorherrschte. Den höchsten Grad von Schönheit und Vollendung erhielten aber beide Baustyle in Athen selber während seiner Blüthezeit unter Perikles. Zu den zwei genannten kam später noch die korinthische Bauweise, eine Modification des jonischen Styls, indem an die Stelle des jonischen Capitals ein höheres u. reicher geschmücktes trat, in Form eines Akanthuskelches. – Eine andere Gestaltung fand der Säulenbau in Oberitalien bei den Etruskern, bei denen auch schon das Gewölbe vorkommt; doch zu höherer Ausbildung gelangte ihre B. nicht. – Die Römer vermischten Säulenbau u. Gewölbe; sie hielten sich vorzüglich an die griech. Bauweise und die korinth. Säulenform, die jedoch ihrer Liebe zu Glanz und Pracht noch nicht genügte, weßhalb sie dieselbe noch reicher verzierten, und zuletzt mit dem korinthischen auch noch das jonische Capital verbanden. Die Blüthezeit röm. B. fällt in das 1. Jahrh. der Kaiserzeit und die noch vorhandenen vielen Denkmale derselben charakterisiren sich besonders durch Großartigkeit und Glanz. – Mit der Ausbreitung des Christenthums geht auch die B. einer gänzlichen Umgestaltung entgegen. Der Ernst und die Einfachheit der ersten christl. Zeiten konnte an der Pracht der spätröm. Bauweise nicht Gefallen finden u. suchte daher zunächst das Einfachere der alten B. wieder auf. Aber es mußten Jahrhunderte vergehen, bis die christl. Baukunst die ihrer würdige u. dem Christenglauben entsprechende Form u. Ausdrucksweise gefunden. Im Anfang war es der röm.-christl. Basilikastyl, eine Nachahmung der antiken Basilika, der von Italien aus auch zu allen anderen Völkern des Abendlandes drang und durch viele Jahrhunderte dauerte. Selbstständiger entwickelte sich die byzantinische B., die besonders die Formen des Gewölbes zur Geltung zu bringen suchte, im Einzelnen aber an orientalische Elemente sich haltend; das würdigste Monument aus ihrer Blüthezeit ist die Sophienkirche Konstantinopels, unter Justinian erbaut. Gleichzeitig mit der altchristl. bildete sich die maurisch-arabische B. aus, noch mehr hinneigend zu orientalischen Formen, mit Hufeisenbogen, Spitzbogen, leichten Säulen und Schlankheit der Thürme, mit phantastischer Ausschmückung und üppiger Pracht, aber ohne das Ganze durchdringenden Organismus. Spanien und Persien bieten die hieher gehörigen Monumente. – Aus der B. der Abendländer bildete sich im 10. Jahrh. ein neuer Baustyl, der romanische; mit der Grundform der Basilika nämlich wurde hier das Gewölbe verbunden, das jetzt erst und jedenfalls weit mehr als in der byzantinischen B., in seiner ganzen charakteristischen Eigenthümlichkeit auftrat, und auf dessen Durchführung schon in der ganzen Anlage des Baues Rücksicht genommen wurde. Dieser Styl dauerte bis zu Ende des 12. Jahrh. – Zu dieser Zeit hatte sich bereits eine neue Entwickelung der B. Bahn gebrochen, die germanische oder gothische. Mit dem Säulenbau der christl. Basilika nämlich und dem Gewölbe der roman. B. verband sich jetzt der arab. Spitzbogen; die Formen wurden nun leichter und aufstrebender, Säule und Gewölbe konnten in leichtere harmonische Verbindung treten, die Masse des Mauerwerks wurde verringert, u. die übrigen bildenden Künste vereinigten sich, den Bau zu schmücken und zu verherrlichen. So entstanden jene erhabenen Denkmale der B., die wundervolle Blüthe deutschen Sinnes und tiefer Glaubenskraft, hervorragend unter allen der Dom zu Cöln. Diese Denkmale der B. sind ein streng durchgeführter Organismus; überall Zusammenhang und Bezug, das Innere und Aeußere, das Größte und Kleinste daran beseelt von Einem Geiste, und das Ganze der Träger einer erhabenen Idee, der Ausdruck der Erhebung aus dem Irdischen zum Himmel. Die Zeit der Blüthe der germanischen B. ist das 13.–15. Jahrh. Die moderne B. stammt aus Italien. Das antike Element der B. konnte hier, besonders bei den vielen Resten der klassischen Vorzeit, nie ganz verdrängt worden; der germanische Baustyl kam deßhalb nie zu reiner Ausführung und wurde auch schon in der ersten Hälfte des 15. Jahrh. verlassen, um zu den Formen der classischen Vorzeit zurückzukehren. So entstanden die ernstere toskanische und die gefälligere venetianische Schule, jene begründet von Brunelleschi, diese von Lombardi. Auch aus diesen Schulen, wenngleich gestützt auf das Alte u. daher ohne Originalität, gingen bedeutendere Werke hervor. Bald wanderte die italien. Bauweise auch nach Frankreich über, und dann weiter nach fast allen Ländern. So bildete sich der sogenannte Renaissancestyl, der, abgesehen von viel Unpassendem, Zierlichkeit und Eleganz besitzt, aber gegen das Ende des 16. Jahrh. in Verflachung gerieth. Nach England kam der moderne Baustyl erst mit Anfang des 17. Jahrh., in Deutschland wurde er schon früher aus Frankreich eingeführt; das königl. Schloß in Berlin, hie St. Karl Borromäuskirche in Wien, sind größere Bauten dieser Art. – Die B. der neuesten Zeit, ohne eigene Originalität, ist bemüht, das Altclassische wieder zur Geltung zu bringen. Vor Allen ist hier zu nennen Karl Friedrich Schinkel in Berlin, der die Formen aus der Blüthezeit des classischen Alterthums in der ihm eigenen Weise wieder zur Geltung brachte (das königl. Museum, das neue Schauspielhaus in Berlin). In gleichem Sinne wirkte Klenze in Baiern (Walhalla, Glyptothek). Den romanischen u. röm. Styl brachte Gärtner wieder vor (Ludwigskirche in München, Bibliothek, Universität), den altdeutschen Styl Heideloff.


http://www.zeno.org/Herder-1854.

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