Afghanen, Afghanistan

Afghanen, Afghanistan, asiat. Hochland, die Pforte zu Ostindien und Persien (im Alterthum Drangiana, Ariana und Arachosia), an Persien, das Land der Beludschen, an die engl. Provinzen Sind und Pendschab, an den Hindukusch und die turkoman. Steppen gränzend, 12–16000 QM. groß mit vielleicht 10 Mill. E., von denen vielleicht 3 Mill. eigentl. Afghanen, eben so viele Hindus, über 11/2 Mill. Perser, die anderen Turkomanen und Beludschen sein mögen. Afghanistan hat als Hochland trotz seiner südl. Lage kalte Winter und deßwegen die Erzeugnisse der gemäßigten Zone, namentlich vortreffliches Obst, da es sich aber südlich in die Wüsten der Beludschen, westlich gegen die persischen abdacht, so haben diese Theile einen afrikanischen Charakter. Afghanistan war der Reihe nach ein Bestandtheil der großen asiat. Reiche, des persischen, macedonischen, parthischen, neupersischen, des Kalifats; unter den Ghazneviden und Ghauriden (11–13. Jahrh.), türkischen Herrschern, war es ein Reich, das gegen Persien und Hindostan erobernd vordrang. Dann wurde es von dem Großmogul unterworfen, dem es wieder Schah Abbas d. Gr. im 17. Jahrh. abnahm. Unter Mir Weis empörten sich die Afghanen gegen die pers. Despotie, eroberten und verwüsteten Persien, unterlagen aber dem Schah Nadir. Als nach dessen Tode das persische Reich wieder zerfiel, gründete Achmed Khan von Kandahar aus ein neues Afghanenreich, das der Duranis (weil Achmed diesem Stamme angehörte), und eroberte einen Theil von Indien. Aber schon seine Enkel verdarben Haus und Reich durch blutige Zwietracht; einer derselben Schah Mahmud siegte über den andern, Schah Schudscha, durch Fathi Khan aus der Familie der Barekschis, ermordete ihn aber treulos 1818. Seine Brüder vertrieben ihn dafür nach Herat, wo er 1829 starb und die Herrschaft seinem Sohne Schah Kamram hinterließ, der sich auch gegen die persischen Angriffe behauptete. Die Barekschis verjagten auch den Schah Schudscha, entsetzten den jüngsten der Duranis, Eyub, und theilten Afghanistan unter sich. Obgleich gegen einander selbst häufig im Kriege, behaupteten sie sich gegen Schah Schudschah, verloren aber an Rundschid Sing von Lahore das Peschawer. Als aber die russische Politik sich des unternehmendsten Barekschiden, Dost Mohammed Schah von Kabul, gegen Ostindien bedienen wollte, schickten die Engländer den Schah Schudschah mit 12000 Mann gegen Afghanistan. Anfangs 1839 brachen sie von Schikarpoor am untern Indus auf und drangen in äußerst mühseligen Märschen, 3000 Kameele trugen die Heeresbedürfnisse, gegen Kandahar vor. Sie besetzten es Anfangs Mai ohne Widerstand, erstürmten am 22. Mai Ghazna, schlugen Dhost Mohammed und setzten am 7. Aug. Schah Schudscha in Kabul ein, worauf der größere Theil des englischen Heeres über das Peschawer heimkehrte. Die Afghanen ertrugen aber Schudschas Herrschaft oder vielmehr die englische Herrschaft nicht; sie empörten sich Ende Oktob. 1841, vertrieben die engl. Besatzungen aus Kabul und Ghazna und machten sie nieder oder nahmen sie gefangen; den Schah Schudscha erschossen sie; nur Gen. Nott in Kandahar und Sale in Dschellalabad behaupteten sich. Anführer des Aufstandes war Akbar Khan, Dost Mohammeds Sohn, denn Dost Mohammed hatte sich früher den Engländern ergeben, da er dem Usbeken Sultan in Bokhara sich nicht anzuvertrauen wagte. Im J. 1843 nahmen aber die Engländer Rache unter Gen. Pollok; dieser forcirte die Khyberpässe, die aus dem Peschawer nach Kabul führen, zog Nott aus Kandahar an sich, zerstörte Ghazna und Kabul, verwüstete alles Land mit überlegter Wuth und räumte dann dasselbe. Dost Mohammed wurde von den Engländern später entlassen und 1846 machte er Miene, sich mit den Shiks gegen die Engländer zu verbünden, floh jedoch nach den Siegen der Engländer in sein Land zurück. – Die Afghanen werden allgemein als edles, gastfreies und tapferes Volk gerühmt, allein ihre Stammverfassung stürzt sie wie die Araber in unaufhörliche Fehden und hindert das Aufkommen einer kräftigen Monarchie. Dost Mohammed hat ein zu geringes Einkommen, um ein Heer besolden zu können, und ohne Sold ziehen ihm die Häuptlinge nur in das Feld, wenn es ihnen beliebt.


http://www.zeno.org/Herder-1854.

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