Brasilien (Geographie)

Brasilien (Geographie). Dieß Land von 140,000 Quadrat Meilen liegt im Schooße der südlichen Halbinsel Amerika's. Unermeßliche Urwaldungen, endlose Savannen, breite Ströme, unersteigliche Gebirge, ein an der Oberfläche von Segen und Fruchtbarkeit, in den Tiefen von Goldadern und Diamanten strotzender Boden, die riesige Vegetation, einzelne Pflanzungen in ungeheuern Wildnissen, angebaute Küstengegenden, einzelne Handelsplätze mit schönen Häfen etc. charakterisiren das Land und seine tropische Lage. Der Hauptstrom Brasiliens ist der Amazonenstrom (s. d) oder Maranhon; er ist so breit, daß die ersten Entdecker sich staunend die Frage zuriefen: mar a non? (Meer oder nicht?). Das Brasilienholz gab dem Lande den Namen, nicht umgekehrt, denn brasil heißt portugiesisch eine glühende Kohle. Die bedeutendsten Provinzen lassen sich nicht besser bezeichnen, als mit dem Sprichwort, womit der Brasilianer die Frage: »Wo sind die Männer, wo die Frauen am schönsten?« beantwortet. In Bahia heißt es: Elles, não Ellas? (Die Männer, nicht die Frauen); in Pernambuco: Ellas, não Elles (die Frauen, nicht die Männer), und in St. Paulo: Elles e Ellas (Männer und Frauen). – Brasiliens Hauptstadt, Rio de Janeiro (s. d.), liegt malerisch reizend, wie ein geschmücktes Amphitheater im Hintergrunde eines der schönsten Meerbusen der Erde. Das tropische Klima des Landes wird durch den regelmäßigen Wechsel von See- und Bergwinden gemildert. Während der Mittagszeit strömen glühende Sonnenstrahlen senkrecht vom wolkenlosen, glänzend klaren Himmel, und Alles sucht Schutz im Schatten der Häuser und Bäume. Der tropische Sommer fällt bekanntlich in die Jahreszeit unsers Winters. Letztern aber kennt man dort nicht; zwei Regenzeiten vertreten das Frühjahr und den Winter Regentropfen, so groß wie Taubeneier, stürzen vom Himmel herab und füllen die 50 Fuß tiefen Flußbetten und überschwemmen so ganze Länderstrecken von vielen 100 Meilen. Sie sind von den furchtbarsten Gewittern begleitet, die kolossal, wie die ganze amerikanische Natur, den Tag in eine grausige Wolkennacht verwandeln, die im Gegensatz wieder grell erleuchtet wird von den Flammenblitzen des Himmels, der zu brennen scheint. Das Meer kocht, tausend Donnerstimmen erfüllen Tag und Nacht die Ebenen und Wälder mit ihrem Krachen; Wochen lang dauert dieser wilde Kampf empörter Elemente. Aber wenn der Himmel sich endlich aufklärt, wenn die Erde dampft in der feuchten Glühhitze, und die ausgetretenen Ströme zurückkehren in ihre tiefen Betten, wenn aus dem Spiegel der Ueberschwemmungen neu verjüngt die Vegetation wieder auftaucht, erst wie Inseln, dann ganze Landstrecken; – alsdann werfe man einen Blick auf die unermeßliche Pflanzenwelt, die nie abzusterben scheint, weil sie sich stets erneut. Wie unaussprechlich wunderbar ist dort die Farbenpracht der Blumen und Vögel, und doch fehlen den Meisten die süßesten Reize der Unsrigen, den Blumen der Duft, den Vögeln der Gesang. Und welche Vegetation! Man denke sich ein Gewächshaus, dessen durchsichtige Kuppel der unermeßliche, krystallreine Himmelsdom ist. Geblendet vom Glanz desselben senkt sich das Auge auf die Pflanzenwelt eines Urwaldes und findet bekannte tropische Pflanzenbildungen wieder; aber die Phantasie vermag nicht, sich unsere verkümmerten Cactusarten, Palmen, Aloen im hundert-, ja tausendmal vergrößerten Maßstab zu denken; sie faßt nicht die Vorstellung einer so riesigen Wirklichkeit, nicht die Möglichkeit von 60 Fuß hohen Gräsern, 30 bis 40 Fuß hohen Farrenkräutern, von Mimosen, deren zartbefiederte Zweige hoch oben im blauen Aether zu schwimmen scheinen. Und doch gehören diese Pflanzengattungen noch lange nicht in das Geschlecht der Bäume. Die schlanke Palme (in 20 Arten vorhanden) spielt mit ihrer Fächerkrone in der höhern Lustregion. Ihre Höhe erreicht fast die ficus gigantea (Riesenfeige), deren Stamm auf zerklüfteten, zwanzig Fuß hohen Wurzelstämmen ruhend, wie auf kolossalen Elephantenbeinen zu stehen scheint. Erst sechszig Fuß vom Boden beginnen seine Zweige und überschatten die ungeheuer dicken Malven, die Asonien, die wunderlichen Loababs, deren Stamm bei 26 Fuß im Umfange, nur eine Höhe von 10–12 Fuß erreicht. Wunderschön dagegen erhebt die musa paradisiaca ihren 50 Fuß hohen, glatten Schaft aus der tieferen Pflanzenwelt und breitet wie einen Sonnenschirm ihre 30 Fuß langen, wie Atlas glänzenden Blätter über den ermüdeten Wanderer aus. Und welche groteske Pflanzengestalten drängen sich unter ihrem Schatten empor! Blühende Lianen umstricken den Cactus, die Euphorbien, die spinnbeinie Aloe, und ranken sich zu den höchsten Zweigen, um diese durch Blumengehänge unter einander zu verbinden. Der Boden scheint nicht Platz zu haben für diese schwellende Vegetation. Jeder Baumstamm wird zur Welt im Kleinen für hundert Arten Schmarotzerpflanzen. Ein undurchdringliches Gewebe von Wurzeln und Schlingpflanzen überspinnt tausendjährige, vermodernde Stämme und bildet nur Schlupfwinkel für die zahllosen Reptilien. – Um das Bild zu vollenden, denke man sich über diese Wunderwelt einen Blumenteppich gebreitet, so prachtvoll und glänzend wie ein Mährchengebilde. die lustigen Zweige belebt von neugierigen Affen aller Art, daneben goldgrüne, kletternde Papageien, das in der Luft schwimmende Prachtgefieder der Paradiesvögel, den leicht hinschwirrenden Colibri, der wie ein Diamant funkelt und sein fadenförmiges Saugschnäbelchen in die Trichterkelche der Blumen taucht; ferner die handgroßen brasilianischen Schmetterlinge mit ihren Goldsammtflügeln, die Smaragdkäfer, welche jeden Edelstein an Glanz und Feuer übertreffen und daher von den Damen des Landes als Haarschmuck getragen werden. – Wenn nun so aus dem Seespiegel der Ueberschwemmung die verjüngte Pflanzenwelt wieder aufgetaucht ist, dann blitzt es rings wie Feuerflammen in der Luft. Die rothen Flamingos lassen sich nieder an der Grenze der zurückweichenden Wasser, umgeben von den prächtigen Federbuschreihern, dem Ibis und dem ganzen storchbeinigen Geschlechte, das die Wasserschlangen, Gewürme, Eidechsen etc. zu tilgen bemüht ist. In den Savannen, den weiten Grasebenen, weiden unzählbare Herden von halbwilden Pferden und Rindern, in den Wäldern wohnen Schwärme wilder Waldbienen, die den trefflichsten Honig im Ueberflusse liefern etc. Dieß die Lichtseiten des reichen, prächtigen Landes, aber Brasilien hat auch seine Schattenpartieen. Im Dickicht lauert der glänzende Tiger, im Röhricht die Boa (Boa constrictor) 10–20 Mal größer, als die Boa der Pelzhändler, die sich den Damen schmeichelnd um den weißen Nacken legt, unter dem Wurzelgeflecht warnt die Klapperschlange vor ihrer entsetzlichen Nähe, oder die Brillenschlange schießt ihre giftigen Blitze, in den Strömen packt der riesige Alligator den herabhängenden Rock oder Arm des Unvorsichtigen und zieht ihn unter das Wasser. Wonne wäre es, im krystallreinen Seespiegel zu baden, aber der Hay, »des Meeres Hyäne,« der den Neger verschont, verschlingt den Europäer Die Kühle des Abends, die erfrischende Nacht, werden von Myriadenschwärmen Muskitos vergiftet und zahllose Arten von Stechfliegen, Scorpione, Sandflöhe, die ihre Larven in die Füße der Menschen legen, vereinigen sich zur Qual derselben. Tausendfüße, riesige Ameisen, blutsaugende Vampyre gehören auch noch zu den Plagen dieses schönen Landes. Tropische Fieber und andere Krankheiten raffen den Europäer häusiger als den Eingebornen hinweg. In den Wäldern gibt es wilde Indianerstämme (Indios bravos), die gleichfalls auf das Verderben der einsam wohnenden Pflanzer, der Reisenden etc. lauern. – Brasiliens Einwohner, mit Ausnahme der wilden Bevölkerung, schätzt man auf 5 Millionen. Sie besteht aus weißen Eingebornen (Creolen), Negern (Freien und Sklaven), Mulatten, Mestizen und Indianern, welche sich angesiedelt haben. Nach Maßgabe dieser Abstammung ist auch die Cultur verschieden; die Creolen sind die Herren des Landes, Besitzer der Bildung, der Wissenschaft und Kunst, in wie weit sie dort gediehen ist. – Brasilien wurde von den Portugiesen Don Pedro Alvarez Cabrel 1500 entdeckt. Anfangs deportirte man Juden und Verbrecher dahin; als man aber den ergiebigen Boden gewahrte und Gold fand, strömten bald Scharen von Abenteurern hin; man schleppte zu tausenden Negersklaven herein, verfolgte die Indianer mit Feuer und Schwert, that aber nichts für ihre Civilisation. Später kam Brasilien an Spanien, ohne durch diesen Tausch zu gewinnen; die Holländer, bereits Herren in Ostindien, wurden es 1624 auch von Brasilien. Philipp IV vertrieb sie, aber Moritz von Nassau eroberte das Land 1630 mit einer holländischen Flotte wieder. Ihnen entriß es abermals Don Juan Fernandez Vieira für Portugal, dem es nach dem Friedensschluß von 1661 endlich verblieb. Als Kolonie lieferte es von diesem Zeitpunkte seine ungeheuern Reichthümer an das Mutterland ab; die Jesuiten thaten viel für die Cultur des Landes, für die Civilisation der Eingebornen; aber man fürchtete ihre Macht und entzog ihnen die Mittel. König Don João IV. mußte, von Napoleon entthront 1808 in seiner Colonie einen Zufluchtsort suchen, 11,000 Auswanderer begleiteten ihn, nicht um der Industrie des Landes, dem Ackerbau einen Aufschwung zu geben, sondern um zu genießen, aus Goldadern zu schöpfen im Müßiggang und Anmaßung. Als König Johann 1821 wieder nach Europa zurückkehrte, blieb sein Sohn Dom Pedro als Statthalter zurück, der zum Kaiser von Brasilien ausgerufen wurde, das sich vom Mutterlande auch für unabhängig erklärte. In Folge der Revolution mußte Dom Pedro 1831 der Krone entsagen und nach Europa zurückkehren; sein minderjähriger Sohn blieb als Dom Pedro II. zurück, dessen Vormundschaft nunmehr zugleich die Regentschaft führt. Seitdem ist das Land ruhig – seine reichen Quellen strömen ungehemmt und so wird bald unter einer weisen Verwaltung ringsum Segen, Wohlstand, Reichthum, Frieden herrschen.

B–i.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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