Brief, Briefstyl

Brief, Briefstyl. Brief ist eine Mittheilung, welche die Unterredung zweier, von einander entfernter Personen vermitteln und ersetzen soll. Der Brief muß demnach in der Art abgefaßt sein, als spräche man selbst mit der betreffenden Person. Da die Schrift aber das ausgeprägte, feststehende, gefesselte Wort ist, so muß der Brief auch der Form und dem Inhalte nach sorgfältiger den zu behandelnden Gegenstand auffassen, durch größere Wahl im Ausdrucke, weisere Kürze, logischen Zusammenhang und Klarheit sich von der flüchtigen Rede unterscheiden. Die Rede kann geschwätzig, voll Partikularitäten und Abschweifungen sein, nicht so aber der Brief. Er sei ein klares, ganzes Bild der Mittheilungen, Empfindungen, Gedanken, Wünsche etc, welche wir darstellen und aussprechen wollen. Nach der Art alles dessen, nach den wechselseitigen Verhältnissen der betreffenden Personen, nach dem Interesse der Mittheilung, Bitte, Erkundigung modificirt sich der Briefstyl. Ueber das Aeußere des Briefstyls (die Form, Anrede, Titulatur, etc.) gibt jeder guter Briefsteller Auskunft; das Innere richtet sich je nach dem Geist der Mittheilung, nach der beiderseitigen Individualität der Schreibenden. Wir können hier nur einige Briefarten aphoristisch zu charakterisiren versuchen; so ist z. B. der Liebesbrief ein geflügelter Amorett, der verwundet oder rührt, erobert oder sich gefangen gibt; das billet-doux ein duftiger Schmetterling, der als Bote von der einen Blume zur andern fliegt; der Gratulationsbrief ein Hofmann, ein Mann à quatre épingles, voll Anstand, steifer Grazie und Feierlichkeit; der Mahnbrief ein graues Gespenst, das wie eine Erscheinung im Traume den sorglosen Schlummer stört; der Gevatterbrief ein Ceremonienmeister, dem fromme Worte feierlich von den Lippen tönen; der vertraute Brief ein gefälliger Schwätzer, der oft das Interesse der Neigung opfert; der bittende Brief, (BittschriftBittgesuch) ein schüchterner Mann, der demüthig antichambrirt und nur mit vielen Bücklingen eintritt; der Empfehlungsbrief ein Passeport, der nach Befinden Thüren und Herzen öffnen soll; der wissenschaftliche, gelehrte Brief ein öffentlicher Redner, ein Professor, der Gedanken sorgsam ordnet und Worte abwägt; der Beileidsbezeigungsbrief ein freundlicher Tröster, der Thränen trocknet und einen Epheukranz um die Urne windet etc. – Sendschreiben (Depechen) haben schon ein höheres, wichtigeres Interesse, einen politischen Charakter; der poetische Brief (s. Epistel) erfaßt einen idealern Gegenstand; er ist häufig didaktisch, aber auch oft galant, ein Scherz, eine Aufgabe des Witzes. – Frauen schreiben anders Briefe als Männer; es herrscht in ihren Schreiben oft eine graziöse Flüchtigkeit, eine Gleichgiltigkeit gegen die strenge Form; sie erscheinen im reizenden Negligé doppelt liebenswürdig, sie sind hinreißend, wenn sie sich munter, unbefangen, herzlich gegen Freundinnen aussprechen, voll von Zweifeln und Fragen, wenn sie an einen theuren Gegenstand schreiben, sie behaupten und argwöhnen nur, um widerlegt zu werden; sie verlangen Betheuerungen auch da, wo es derselben nicht mehr bedarf, sie wollen befürchten, um desto freudiger zu besitzen. – Viele Damenbriefe können in jeder Hinsicht als Muster aufgestellt werden. – Unter den deutschen Schriftstellern, deren Briefe in unserer Literatur für klassisch gelten, nennen wir: Klopstock, Lessing, Winckelmann, Gellert, Jakobi, Lichtenberg, v. Müller, Matthisson, Goethe, Schiller, Fr. Schlegel, die Briefe eines Verstorbenen etc. Von Damen zeichnen sich Sophie Laroche, Caroline Pichler, Johanna Schopenhauer, Carol. v. Woltmann, Amal. Schoppe, Charl v. Ahlefeldt, die Briefe der Rahel van Ense (durchweg geistreich, ganz vernachlässigt in der Form) aus. Bei den Engländern glänzen die Lady Montague und Lady Morgan, die Franzosen haben die Stael, die Mad de Genlis etc. – Bekannt ist, daß der Brief auch als Kunstform im Romane gebraucht wird: aber nur die gewandteste Behandlung kann hier vor Monotonie, Breite und Verworrenheit bewahren. Die Unzahl Romane in Briefen hat gemacht, daß diese Form jetzt unbeliebt geworden ist. – Die Griechen und Römer schrieben Briefe auf Baumrinde, später auf Holz- und Wachstäfelchen, dann auf Pergament und Papyrusblätter. Die Adresse enthielt zugleich auch den Namen des Absenders. Die Römer bedienten sich auch schon der Geheimschrift. – Die Briefform der Orientalen (Türken, Perser) ist schwülstig, bombastisch; der Briefstyl bildet bei ihnen einen eigenen Unterrichtszweig, und wird in zahllosen Handbüchern gelehrt. Der Name des Ausstellers und das beziehende Fürwort desselben muß immer ganz klein, oft nur am Rande, der des Adressaten aber sehr groß, mit vielen Verzierungen geschrieben werden. – Briefsteller ist eine wissenschaftliche Anweisung zum Briefschreiben, ein Buch, worin Briefformulare im Allgemeinen und zu besondern Zwecken als Muster aufgestellt sind. Es gibt Briefsteller für Liebende, kaufmännische, militärische, allgemeine: für alle Fälle des Lebens. Die besten sind von Moritz, Claudius, Baumgarten etc.

–n.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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