Brun, Friederike Sophie Christiane

Brun, Friederike Sophie Christiane, geborne Münter. Unter die Schriftstellerinnen Deutschlands, in denen sich eine edle Weiblichkeit mit den Gaben der Musen verbindet, dürfen wir mit vollem Recht auch Friederike Brun zählen. Ihrer Geburt nach gehört sie Sachsen an, obgleich sie, noch an der Brust der Mutter nach Dänemark versetzt, in jenem Lande ihre früheste Entwickelung begann und in seinem Boden die eigentlichen Wurzeln ihres Daseins schlug. Ihr Vater war der als Mensch so wie als Gelehrter rühmlichst bekannte Balthasar Münter, Superintendent zu Gräsen-Tonna im Herzogthum Gotha. Als Prediger der deutschen Gemeinde nach Kopenhagen berufen, folgte er dieser ehrenvollen Bestimmung, sobald seine Gattin nach ihrer Niederkunft am 3. Juni 1765 mit Friederiken ohne Gefahr für ihre Gesundheit diese weite Reise unternehmen durfte. Friederike war, als sie Sachsen verließ, noch nicht völlig fünf Wochen alt. In Kopenhagen, wo man sehr schnell erkannte, wie trefflich die Wahl eines solchen Geistlichen sich rechtfertigte, und wo Balthasar Münter, von Hohen und Niederen geehrt und geliebt, bald die höchste geistliche Ehrenstelle Dänemarks erstieg, indem er zum Bischof von Seeland ernannt wurde, fand die junge Friederike reichliche Gelegenheit zu ihrer Bildung. Früh schon regte sich in ihr der Hang zur Poesie, der sich durch leise Töne des Gesanges unwillkürlich kund that, in welchen sich ihre innersten Empfindungen aussprachen. Ein ländlicher Sommeraufenthalt ihres Vaters wurde für sie zum Paradiese. Hier sehr viel sich selbst überlassen und fern vom Geräusch der Stadt und ihren Störungen schloß sie sich der Natur wie einer mütterlichen Freundin an, die ihr Lehrerin und Vertraute wurde, und an deren Busen sie die Erstlingsversuche ihrer Lieder in trauter Heimlichkeit ausathmete. Noch in späteren Jahren, ja noch jetzt, im Abendroth des Lebens wandelnd, gedenkt Friederike gern jener Zeit und Einsamkeit, wo sie träumte und dichtete. Ihr für Freundschaft so empfängliches Herz schloß mit den Dichterbrüdern Stolberg, den Familien Bernstorff, Reventlow und Schimmelmann einen dauernden Bund. Vorzüglich fest knüpfte sich das Band der reinsten Zuneigung zwischen ihr und Charlotte, Gräfin von Bernstorff, (jetzt verwitwete Gräfin von Dernath). Ihre Erziehung war einfach, ihr Untericht wurde nicht pedantisch betrieben, und schloß keineswegs jene untergeordneten Kenntnisse der Haushaltung und jene wirthschaftliche Thätigkeit aus, die der einstige Beruf als Hausfrau von ihr forderte, und wozu sie neben dem lebendigsten Streben nach höheren Dingen doch durch den sichern Tact einer künftigen Nothwendigkeit Luft bezeigte. Sie las mit der größten Begierde, und da man ihr nur Gutes zu lesen gab, und ihr trefflicher Vater dann über das Gelesene mit ihr sprach, ihre Aufmerksamkeit auf den Kern desselben hinlenkte, ihr schwankendes Urtheil berichtigte, und ihren Geschmack leise und ihr selbst kaum bemerkbar zu bestimmen und zu bilden suchte, so war ein solches Lesen der beste Wegweiser für sie in das Gebiet des Wissens. In ihrem 16. Jahre unternahm sie mit ihren Eltern eine Reise nach Gotha, wo sie die Bekanntschaft von Männern machte, wie Klopstock, Gerstenberg, Claudius, Jerusalem, Herder und viele Andere. Im Jahr darauf wurde sie mit dem jetzigen königlichen Conferenzrath Constantin Brun verheirathet, der früher als dänischer Consul in St. Petersburg, jetzt als Director der westindischen Compagnie in Kopenhagen lebt. Sie gebar ihm fünf Kinder, von welchen ein Sohn starb; der andere aber, nebst drei Töchtern, glücklich verheirathet ist. Noch nicht 24 Jahre alt, hatte Friederike das Unglück, in einer einzigen scharfen Winternacht auf Zeitlebens das Gehör zu verlieren. Mit seltener Standhaftigkeit ertrug sie diesen Verlust, und war die äußere Welt für sie verstummt, so regten sich nun desto gewaltiger in ihrem Innern die Laute der Poesie. Im Jahr 1791 begleitete Friederike ihren Gatten auf einer Reise über Paris durch das südliche Frankreich nach Genf. In Lyon begegnete ihr zum ersten Mal Mathisson, in Genf Bonstetten. Beiden wurde sie innige Freundin, und führte mit ihnen einen lebhaften Briefwechsel. Ihre letzte Niederkunft mit Ida, jetzt vermählter Gräfin von Bombelles, hinterließ eine Folge von Schwächen und Nervenleiden, auf die das scharfe Klima ihres Wohnorts feindlich einwirkte. Dazu gesellte sich der frühe Tod ihres so unbeschreiblich geliebten und verehrten Vaters, der damals in seinem neun und funfzigsten Jahre endete. Krank an Leib und Seele wäre sie körperlichen Leiden. so wie dem tiefen Gram über diesen Verlust erlegen, wäre sie nicht dem glücklichen Rathe eines Arztes gefolgt, eine Reise nach dem Süden zu unternehmen. Begleitet von ihren beiden ältesten Kindern brach sie im Lenz 1795 auf, war so glücklich, in Lugano die rühmlichst bekannte Fürstin von Anhalt-Dessau, welche vereint mit Mathisson ein gleiches Ziel hatte, zu treffen, und ging mit beiden nach Rom, wo sie den Winter zubrachte. Doch erst im Sommer 1796 erlangte Friederike durch die Schwefelbäder von Ischia Linderung ihrer Leiden. Seitdem aber war ihr Dasein ein steter Kampf mit der Rauheit des nördlichen Himmelsstrichs, dem sie noch mehrere Male als unerläßliche Bedingung ihrer Erhaltung entfliehen mußte, um im Süden wieder aufzuleben. Von den reif gediegenen Geistesfrüchten, die sie in Italien und in der Schweiz einerntete, in dem belehrenden Umgang eines Zoega, Fernow, Johann von Müller, Necker und seiner genialen Tochter Anna Germaine von Stael, Humbold, Sismondi, und noch manchen Andern geben ihre Schriften ein rühmliches Zeugniß. Aus ihren Gedichten weht die Glut einer reinen Begeisterung, so wie ein tiefes, mildes und doch lebhaftes Gefühl sie charakterisirt. Auch sind sie nicht bloß lyrischer Wohlklang, sondern reich und ernst mit Gedanken ausgestattet, welche uns die Gediegenheit ihres Geistes verbürgen. Was sie aber höher im Leben stellt, als das Talent, das die Natur ihr zur Morgengabe verliehen, ist: Zuverlässigkeit des Charakters, Treue des Herzens, Mitgefühl für Anderer Wohl und Wehe, und eine Güte, die – obzwar oft schon getäuscht und verkannt, – doch nimmer ermüdet, sich von Neuem zu bewähren, wo es gilt, zu wirken und zu helfen. Und ob daher aus dem reichem Kranze ihrer Freunde bereits manches Blatt verdorrt vnd abgefallen, wird sie doch nie allein stehen, denn Liebe und Dankbarkeit umgeben ihr Alter, das selbst der Winter des Lebens nicht zu entblättern vermag.

A.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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