Carneval

Carneval, vom italienischen »carne vale,« Fleisch, leb' wohl! weil nach dem Carneval die große Fastenzeit beginnt, während welcher das Fleischessen verboten ist. Der Carneval, italienischen Ursprungs, und eine Nachahmung der altrömischen Saturnalien, hat sich bei uns als Fasching, Fastnacht, acclimatisirt, ohne aber allgemein einen öffentlichen Charakter anzunehmen. Von Rom ging diese Volksblustigung aus. Man zeigt sich in der ersten Zeit nur in den Masken des Harlekin, Polichinell, Scaramuz, der Colombine etc.; später kamen die Domino's als eine bequemere Tracht für diejenigen, welche unerkannt Zuschauer abgeben wollten, auf. – Der heutige Carneval in Rom (welchen Goethe meisterhaft geschildert) hat zwar viel an seinem frühern Glanze und der vormaligen kecken Luft und Freimüthigkeit verloren, gewährt aber immer noch ein Schauspiel, zu welchem Italiener aus allen Städten und reiche Fremde aus vielen Ländern herbeiströmen. – Er dauert 3 Tage. – Vom Capitol tönt eine Glocke und gibt das Zeichen zum Anfang desselben. In vorkommenden Fällen wird an diesem Tage ein Verbrecher hingerichtet, weil das Volk dann der Luft ergeben, und zu Excessen, die man zu andern Zeiten befürchten müßte, nicht geneigt ist. Alles maskirt sich – man sieht die buntesten Trachten, es herrscht die größte Luft, die zügelloseste Ausgelassenheit. Der Ständeunterschied hört auf, der Geschäftsmann vergißt seine Sorgen, der.Arme seine Noth; man ergibt sich der allgemeinen Freude, die sich in karikirten Aufzügen, Possen, wechselseitigen Neckereien, Verkleidungen etc. gefällt. An den letzten beiden Tagen wird das Pferderennen auf dem Corso gehalten. Hier strömt Alles maskirt herbei, Hunderte von Wagen fahren in zwei Reihen langsam auf und nieder: Herrschaften, Kutscher, Bediente, Pagen, Alles ist verkleidet, Fenster und Balkone sind mit verkleideten Herrn und Damen besetzt; jedes hat ein Körbchen mit Gipskügelchen in der Hand, die nach den Masken auf der Straße geworfen werden, welche diese Kanonade in scharfen Ladungen erwidern. Jeder treffende Schuß erweckt unauslöschliches Gelächter. Nichts wird übel genommen. Polichjuels laufen neben den Wagen einher, klettern auf den Tritt und sagen den Damen Schmeicheleien und pikante Neckereien. Hier sitzt ein Fürst als Polichinell im Wagen, neben seiner Gemahlin, die als Schäferin verkleidet ist. Von allen Seiten hagelt es weiße Kügelchen auf ihn, die seinen Anzug binnen Kurzem einpudern. Er revangirt sich lachend, indem er Hände voll Gips nach den Balconen schleudert. Mitten durch das Maskengewühl ziehen oft fromme Brüderschaften in Procession, um für die Vergebung der Sünden, welche während dieser tollen Zeit vorfallen mögen, zu beten – ohne jedoch die bunten Harlekinszüge zu stören. Das Volk feiert seinen Festtag, es ras't sich aus in Lust und Muthwillen, um in der Fastenzeit wieder strenge Pönitenz und Buße zu üben. – Wenn die Promenade auf diese Art ein Paar Stunden gedauert hat, beginnt das Pferderennen. Zu beiden Seiten machen die Zuschauer Platz, um den Pferden die Mitte des Corso frei zu lassen. Hinter einem ausgespannten Seile stehen die Rosse ungeduldig, die Kanonen von der Engelsburg geben das Signal, Trompeten schmettern, die Pferde werden losgelassen und fliegen mit Windesschnelle durch die Rennbahn bis an's Ziel, wo eine ausgespannte Leinwand den weitern Lauf hemmt. Hier werden die Rosse wieder eingefangen, und der Besitzer des Siegers erhält den Preis, der in einem Stück Goldbrokat von 20–30 Dukaten im Werth besteht. Das Volk bringt dem Eigenthümer des Rosses ein donnerndes Lebehoch. Gewöhnlich lassen nur Prinzen ihre Pferde wettlaufen, welche zu diesem Zwecke förmlich abgerichtet werden. – Aehnlich dem römischen Carneval sind die von Venedig und Neapel. In den übrigen italienischen Städten wird der Fasching weniger durch öffentliche Spektakel, als durch neue Opernaufführungen, Concerte etc. Bälle, gefeiert. – In Venedig herrscht zu dieser Zeit das größte Gewühl auf dem Markusplatze; statt des Wettrennens findet hier eine Wettfahrt in Böten, Regattag genannt, Statt. – Zur Zeit der Republik gab es hier am Himmelfahrtstage noch einen zweiten Carneval, wo die Vermählung des Dogen mit dem Meere gefeiert wurde. – Der pariser Carneval versammelt in den letzten Tagen des Faschings die reiche und müßige Bevölkerung zu Wagen, zu Rosse und zu Fuß auf den Boulevards. Man kommt. um zu sehen und egesehen zu werden. Zahlreiche Masken laufen umher, man bietet Caricaturen feil, gefällt sich in politischen Anspielungen und Grotesken; doch herrscht keine italienische Lebhaftigkeit, kein eigener Volksjubel des südlichen Himmels von Rom und Neapel. Nur einige reiche Engländer machen sich manchmal das Vergnügen, größere Maskeraden zu Wagen aufzuführen. – In Deutschland kennt man den Carneval bloß als die Zeit, wo Bälle, Maskeraden, Concerte, neue Opern etc. aufgeführt werden: die glänzende Wintersaison der Hauptstädte, die Zeit, wo die jugendliche Welt vorzugsweise der Tanzlust fröhnt. Einen öffentlichen Charakter hat nur der Carneval von Cöln. Hier besteht ein eigener Comité zur Anordnung des Festes, die Maskenzüge spielen auf den Straßen und in öffentlichen Sälen, im Theater etc., man ernennt einen Narrenkönig, führt Komödien und Concerte, die eigens zu dieser Veranlassung gedichtet werden, auf, und der deutsche Charakter zeigt sich in dieser Lustbarkeit von seiner heitern, gutmüthigen und drolligen Seite auf eine zugleich liebenswürdige Art.

–n.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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