Cenci, Beatrice

Cenci, Beatrice, die schöne Vatermörderin, deren Reize Guido Reni's Pinsel verewigt hat, erregte nicht nur zu ihrer Zeit in ganz Rom und Italien das allgemeinste Aufsehen, sondern verdient auch noch jetzt wegen der Verkettung eines grausamen Schicksals, welches ein schuldloses, sanftes, mit allen Reizen des Körpers und der Seele geschmücktes Mädchen zu dem schrecklichsten aller Verbrechen trieb, die Thräne des theilnehmenden Mitleids. Graf Nicolo Cenci, der letzte Abkömmling eines alten, berühmten Geschlechts, war in seiner Jugend in den geistlichen Stand getreten, bis zur Prälatenwürde gestiegen und unter Pius V. Schatzmeister des päpstlichen Stuhles geworden; um aber seinen Namen nicht untergehen zu lassen, hatte er noch im späten Alter sich vermählt, und bei seinem Tode seinem einzigen Sohne ein ungeheures Vermögen hinterlassen. Francesco Cenci war einer von den wenigen Menschen, welche die ewig gerechte Natur gleichsam im Zorn, in einem Augenblick erschöpfter Langmuth nur selten hervorzubringen pflegt; sein ganzes Leben und jede einzelne seiner Handlungen trug das Gepräge der rohesten Bosheit und der gewissenlosesten Härte. Durch ganz Italien war er wegen seiner Tücke und Verworfenheit bekannt; der schändlichsten Verbrechen überwiesen, war mehrmals sogar die Todesstrafe über ihn verhängt worden; seine unermeßlichen Schätze befreiten ihn. Er war jung vermählt gewesen, und besaß von seiner frühverstorbenen Gattin, deren Tod ihm gleichfalls zugeschrieben wurde, sieben Kinder, unter ihnen Beatri ce, die jüngste Tochter. Mit der unnatürlichsten Grausamkeit wurden diese von ihm behandelt, es war nicht die Strenge eines Vaters, es war die ausgesuchte Bosheit eines Henkers, die er ihnen zeigte; eine ältere Tochter, die er auf eine Weise, die jedes menschliche Gefühl empören mußte, gemißhandelt, und die sich deßhalb an den Papst gewendet hatte, sah er sich genöthigt, zu verheirathen; um so ausgesuchter wurde die Unmenschlichkeit, mit der er der jüngern begegnete. So lange Beatrice Kind war, sah der lasterhafte Vater in ihr nur den Gegenstand seiner grausamen Willkür; allein das gemarterte Kind blühte zur Jungfrau empor deren himmlische Schönheit und fleckenlose Jugend selbst den wilden Sinn des Teufels, den sie Vater nannte, bezähmen mußte: dafür ergriff ein weit gräßlicheres Gefühl Platz in seinem Herzen, das für jede Mahnung des Rechts nicht nur, sondern selbst für den Ruf der ewigen und heiligsten Naturgesetze verschlossen blieb. Beatrice, die sanfteste ihres Geschlechts, besaß gleichwohl ein feste, kräftige Seele und einen unerschütterlichen Muth; sie durchschaute ihren Zustand und in ihr begann ein Kampf, der einen furchtbaren Ausgang herbeiführen mußte, die Verzweiflung der hilflosen Tugend faßte sie an, und allmälig trat daraus schreckliche Gewißheit hervor, daß nur der Tod ihres Vaters sie zur Freiheit führen konnte. Lucretia, ihre Stiefmutter, ihre zwei Brüder, – zwei andre hatte Francesco Cenci ermorden lassen – waren im Bunde mit ihr, und auch ihr Geliebter, der Graf Guerra, ward in das Geheimniß gezogen. Mutter und Tochter wurden in der strengsten Hast gefangen gehalten, und dem ältern Bruder, Giacomo, mußte es darum überlassen bleiben, den Vater auf seine Villa Mondagrone zu locken, wo sich das fürchterliche Ende vorbereitete. Der Graf ward von seinen Unterthanen gehaßt und das Werkzeug der Ausführung fand sich in einem Jünglinge, Marzio, der hoffnungslos die schöne Beatrice liebte. Noch immer ward der blutige Ausgang verschoben, endlich, nach einer langen Unterredung mit ihrem Vater, erfaßte die Wuth des Wahnsinns die Seele Beatricens; es gab kein anderes Mittel, er mußte sterben. Es war eine sternenhelle Nacht, am 4. September 1598, als Marzio in das Gemach des Schlafenden eindrang. Der volle Mond beglänzte vom blauen, wolkenlosen Himmel das schuldbeladene Haupt, das von weißen Locken umwallt war; Marzio schauderte, allein sein Dolch traf sicher und schnell. Der Leichnam ward in den Garten hinabgestürzt, die Mörder ent. flohen nach Rom. Erst an des Geliebten Brust athmete Beatrice zum Leben auf, allein ein entsetzlicheres Dasein war es, zu dem sie erwachte, blutiger noch als die dunkle Vergangenheit! Marzio's Begleiter, auf dem Versuche eines andern Mordes in Neapel ertappt, hatte die That eingestanden und ward nach Rom gebracht, Marzio starb wahnsinnig auf der Folter. Unterdessen wurden Beatrice und ihre beiden Brüder im Palaste Cenci streng bewacht und die Untersuchung fortgeführt; der Papst selbst las die sämmtlichen Prozeßacten durch – der Spruch der Richter lautete auf Tod. Am ll. September 1599 ward das Urtheil vollzogen, Lucretia war gestorben und dem jüngern Bruder ward Leben und Freiheit geschenkt; Giacomo wurde mit der Keule erschlagen, Beatrice starb unter dem Beile der Mannaja (einer Art Guillotine, früher in Italien gewöhnlich); ihre Schönheit und der Heldenmuth, mit dem sie bis zum letzten Augenblick ihr furchtbares Schicksal ertrug, und endlich unter dem Todesstreiche ihr junges, unglückliches Leben aushauchte, machte auf das versammelte Volk den erschütterndsten Eindruck. Ganz Italien beweinte das Loos der Vatermörderin.

X.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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