Charlotte Auguste, Prinzessin von Wales

Charlotte Auguste, Prinzessin von Wales, Prinzessin von Wales und Sachsen-Coburg. Wenn wir sehen müssen, daß das Schönste auf Erden den unabwendbaren Pfeilen des Geschicks am meisten ausgesetzt ist, und unter denselben gerade dann erliegen muß, wenn die Knospe zur vollen Blumenpracht aufzubrechen begriffen ist, dann möchte die Wehmuth jedes Herz in Thränen auflösen. Charlotte Auguste, das einzige Kind des Prinzen Georg von Wales, nachmals Königs Georg IV. von Großbritannien, und Karoline Luise Elisabeth's von Braunschweig, wurde am 7. Januar 1796 geboren. Schon wenige Monate nach ihrer Geburt traten zwischen ihren königlichen Eltern jene trauri gen Mißverhältnisse ein, die sich später zu einer so beklagenswerthen Oeffentlichkeit entwickelten und den Gegenstand der heiligsten Häuslichkeit vor den Richterstuhl des gesammten Europa's zogen. Das königliche Kind, dem die Grazien schon an der Wiege lächelten, dem das wogenbespülte Albion drei mächtige Königskronen und das deutsche Festland eine vierte schmeichelnd in der Entfernung zeigte, wurde unter der Aufsicht der Gräfin Elgin zu Shrewsbury House erzogen, wodurch der unglücklichen Mutter wenigstens nicht aller Einfluß auf ihre einzige Tochter verwehrt war; später ward dem gelehrten Bischof von Exeter und dem Doctor Fisher, nachherigen Bischof von Salisbury, die Leitung des Unterrichts der Prinzessin anvertraut. Charlottens lebhafter Geist, die Entfaltung eines leichten Fassungsvermögen und das Reisen vieler seltener Anlagen des Gemüthes und der Seele schienen dem Inselstaate die glücklichste Zukunft zu verkünden und das englische Volk blickte mit steigendem Jubel auf seiner Kronen hoffnungsvolle Erbin, die mit den herrlichsten Talenten und einem wohlwollenden weichen Herzen auch die Frömmigkeit und die großen Eigenschaften des dritten Georg's zu vereinen versprach. In ihrem zwölften Jahre erhielt sie die Lady Cliffort zur Oberhofmeisterin, und von dieser begleitet, nahm sie ihren Aufenthalt zu Bognor, wo ihr zarter Körperbau den Gebrauch des Seebades nöthig machte; hier, fern von den störenden Einflüssen des Hofes, entfalteten sich in reizender Liebenswürdigkeit alle Blüthen des heitern, lebensfrohen Kindes, das jetzt die Grenze des Alters der Jungfrau betrat, und dessen Gemüth, von frischer Jugendlust und einem unerschöpflichen, oft übersprudelnden Humor zur schönsten Vollendung erhoben, für das Große in der Natur wie im Leben immer empfänglicher wurde. So durchlebte Charlotte ihre Kindheit freundlich, ungezwungen, in einer schönen, gewaltigen Natur, von ihren Umgebungen angebetet, von ganz England mit dem innigsten Antheil an ihrem Lebensfrohsinn und an der erstaunlichen Entwickelung ihrer geistigen Fähigkeiten betrachtet. Die Begehung des 5 ojährigen Regierungsjubiläums des Königs, schon an sich ein seltenes, herrliches Fest, ward für Charlotten ein ernster Wendepunkt ihres Lebens, und die Feier desselben und der Augenblick, als der greise, schon geisteskranke Georg IIl. mit ahnendem Entzücken sie als die Erbin seines Reiches begrüßte, blieben nicht ohne tief ergreifenden, erfolgreichen Eindruck auf ihr Herz; sie erkannte die Würde und die Wichtigkeit ihres Standes, und ihr Geist empfing die Siegel einer feierlicheren Stimmung, einer bestimmt sich aussprechenden religiösen Richtung. Im Jahre 1813 brachen die Mißhelligkeiten ihrer königlichen Eltern öffentlich aus, und die Frage, ob der Mutter die Besuche bei ihrer Tochter ferner gestattet werden sollten, wurde sogar vor das Parlament gezogen; in der letzten Hälfte desselben Jahres lebte Charlotte zu Windsor und wurde unter den Augen ihrer Großeltern confirmirt. Unmittelbar nachher brachte der Prinz Regent die Vermählung seiner Tochter mit dem Prinzen Wilhelm von Oranien in Vorschlag, dessen Vater so eben zum Könige der Niederlande erhoben worden war; er ward in Warwickhouse eingeführt, allein die Prinzessin fühlte keine Neigung für den Bewerber, und so blieb die Idee ausgesetzt, bis nach Charlottens Mündigerklärung an ihrem 18. Geburtstage, wo der nun zum Thronerben des Königreichs der vereinigten Niederlande ausgerufene Prinz von Oranien seinen Wunsch an demselben Tage wiederholte, als Ludwig XVIII am 26. April 1814 in London einzog und auf das Glänzendste und Feierlichste empfangen ward. Charlotte erklärte dem Minister Lord Liverpool brieflich, daß sie ihr Vaterland zu einem Zeitpunkte, der im Betreff ihrer geliebten Mutter für sie von der.entschiedensten Wichtigkeit sei, nicht verlassen werde; eben so schrieb sie dem Prinzen, daß nichts, was seiner Person zum Vorwurfe gereichen könne, sie zu diesem Entschlusse bestimmt habe. Ihre Eltern und Großeltern und ganz England wünschten die beabsichtigte Verbindung, doch die Prinzessin sprach sich auf das Bestimmteste dahin aus, daß sie sich in dieser Angelegenheit von keinem fremden Willen, sei es auch der des gesammten Volkes, werde bewegen lassen. Uebrigens ließ sie den edeln Eigenschaften ihres Bewerbers die vollste Gerechtigkeit widerfahren, und daß ihr Herz den sanften Regungen keineswegs verschlossen war, sollte Europa unmittelbar darauf erfahren. Im Gefolge der verbündeten Fürsten, die damals von Paris aus den Prinzregenten besuchten, befand sich der Prinz Leopold von Sachsen-Coburg, ein junger Mann von einnehmender Gestalt, edeln Zügen und liebenswürdiger Bescheidenheit, der sich durch Muth und Tapferkeit im Kriege vortheilhaft ausgezeichnet hatte. Der Prinzessin vorgestellt, ward er bald ein häufiger und willkommener Gast zu Warwickhouse, und aus dem ungezwungen freundschaftlichen Umgange entstand in Beider Herzen die wahrste und heftigste Liebe. Charlotte äußerte ihr Wohlgefallen an dem schönen und geistreichen Fürstensohne, der seinerseits den Vater seiner Geliebten von dem Statt gefundenen unterrichtete und sich dessen Befehle erbat, nach Befinden England zu verlassen. Die Antwort auf diese eben so freimüthige, als edle Erklärung war den Liebenden die erwünschteste, der Prinzregent nahm den Herzog Leopold mit Freuden als den künftigen Gemahl Ch. und Besitzer ihrer Kronen auf. Die Angelegenheiten seines Hauses riefen diesen nach dem Kontinent zurück, wo er dem wiener Kongreß beiwohnte, inzwischen aber mit seiner Braut einen fleißigen Briefwechsel unterhielt. Um dieselbe Zeit verließ die Prinzessin von Wales England am 9. August 1814. Charlotte war auf das Schmerzlichste bewegt; sie ahnte vielleicht, daß sie ihre Mutter nicht wiedersehen sollte. Der erste Tag des Jahres 1816 verkündete dem jubelnden England die bevorstehende Vermählung seiner Thronerbin; der Prinz Leopold landete am 21. Februar in Dover, am 14. März ward dem Oberhause die betreffende Anzeige gemacht und der 2. Mai vereinigte vor de Altar die Liebenden, welche ihre Residenz zu Camelford House nahmen. Das Volk begrüßte mit dem lautesten Jubel die Neuvermählten, wo es dieselben erblickte, der Prinz wurde von dem Vater seiner Gemahlin mit allen möglichen persönlichen Ehrenbezeigungen überhäuft, zum Ritter der königlichen Orden ernannt und ihm das Herzogthum Kendal angetragen; er schlug dasselbe mit dem Bemerken aus, daß er nur seiner Gemahlin einen höhern Rang verdanken wolle, der Feldmarschallsstab dagegen und der Sitz im geheimen Rathe wurden von ihm angenommen. Charlotte war im Besitz des geliebtesten Gatten vollkommen glücklich, und das königliche Ehepaar hatte keinen Wunsch mehr, als sich vom Hofe zurückzuziehen, um in der Einsamkeit des Landlebens alle Seligkeiten der Liebe ungestörter zu genießen. Sie bezogen demnach im Sommer das reizend gelegene Claremont und diese ländliche Zurückgezogenheit, dieses wahrhaft häusliche Leben gab ihnen in der Achtung der Nation, die sie einst beherrschen sollten, den höchsten Werth. Aber auf dem Gipfel irdischen Glückes pflegt die gewaltige Hand eines dunkeln Geschickes den Wonnetrunkenen zu fassen. Die schönste aller Hoffnungen umschwebte Charlotten, England empfing die Kunde davon mit allgemeiner Freude, und die ängstlichste Sorgfalt bewachte die Schritte der Prinzessin. Sie selbst behielt mitten im Geräusche der Vorbereitungen ihre gewohnte Ruhe und Heiterkeit, bis die Nähe ihrer Niederkunft sich ankündigte. Die Entbindung von einem todten Sohne geschah unter einem 24stündigen fürchterlichen Kampfe, der das zarte Leben der Mutter jeden Augenblick zu vernichten drohte, am 5. Novbr. 1817; mit der innigsten Ergebung trug sie die Täuschung ihrer süßesten Hoffnungen. Ihr Gemahl dankte Gott für die Erhaltung des geliebteren Lebens seiner Charlotte, er ahnte nicht, daß er nach wenigen Stunden auch sie verlieren sollte. Sie klagte bald nach der Geburt über Schwäche, das Athmen ward schwer und durch häufige Krämpfe unterbrochen; Leopold kam nicht von ihrer Seite, sie sprach noch den einen Wunsch aus, daß er einst an ihrer Seite ruhen möge – es waren ihre letzten Worte. Sie verlor die Sprache und verschied nach einem schrecklichen Todeskampfe, die matte Hand in der ihres Geliebten. Um 6 Uhr früh am 6. November verkündete die große Glocke von St. Paul dem erschreckten London die Trauerbotschaft. Das rege Leben der ungeheuern Stadt schwieg, die königliche Familie war in der tiefsten Bestürzung, nur an dem alten Könige, dessen Geist schon dem Dasein vorangeeilt war, ging das furchtbare Ereigniß spurlos vorüber. Am 19, dem Tage der Beisetzung beider Leichen zu Windsor, herrschte Grabesstille durch ganz England; Prinz Leopold vermochte kaum den ungeheuern Schmerz zu tragen; Britannien trug seine schönsten Hoffnungen zu Grabe.

X.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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