Chile oder Chili

Chile oder Chili

Chile oder Chili, ein Theil des mächtigen Andesgebirges, ein schmales Küstenland, dreihundert Meilen lang sich zwischen dem Rücken der Cordilleras und dem stillen Meer erstreckend. Mit unerschöpflicher Kraft wirkt auf jenen gesegneten Boden eine milde, freundliche Natur für ihre Söhne; das Klima, entweder durch die Höhe der Lage oder durch die Nähe des Meeres gemäßigt, gehört zu den lieblichsten der Erde. Vom 24. Grad südlicher Breite, bis zum 43. gelegen, ist es schon außerhalb der Wendekreise der eigentlichen heißen Zone, eine dreifache Längerichtung, stets parallel mit der Küste, theilt es ganz natürlich in das untere, mittlere und obere Chile. Das erstere liegt zunächst am Meere, hat ein üppiges, warmes Klima, das zweite besitzt in den 62 es durchschneidenden Flußthälern von den Andes herabkommend, eine Staunen und Bewunderung erregende Fruchtbarkeit, trägt allein über 200 heilkräftige Pflanzen, jede Ernte siebenzig- – achtzigfache Frucht, während am Meere dieselbe nur vierzigfältig ist. Alle von Europa dahin verpflanzten Gewächse gedeihen außerordentlich, und gelangen zur höchsten Vollkommenheit, die Thiere übertreffen, sich selbst überlassen, ohne Wartung und Zucht – die Nacen, denen sie entnommen, sie werden größer, kräftiger, wirklich veredelt. Dort wohnen die noch unabhängigen Amerikaner, welche die Spanier jener Gegend – Indios bravos, d. h. räuberische Indier, nennen, dort wohnen die Araucos, ein Volk, welches sich stets in seiner ursprünglichen Reinheit erhalten hat, und wahrhaft achtungswerth genannt werden kann, was auch die Schmähsucht der Spanier über dasselbe sagen mag. – Daß sie mit Härte vnd Strenge gegen die golddurstigen Europäer verfahren, und keinen schonen, der ihre Gränze betritt, wer mag dies, nach so furchtbaren Erfahrungen, welche die Armen auf Kosten ihrer Freiheit, ihres Lebens, ihrer Gesundheit, ihres ganzen Besitzthums gemacht haben, denselben verargen? Wer da weiß, mit welcher Barbarei, mit welcher satanischen Grausamkeit die Eingebornen behandelt wurden, der kann die Gutmüthigkeit der Araucos und ihren Edelmuth nicht begreifen, denn sie sind kühn, tapfer, kriegserfahren, und kampflustig, sind mit Feuergewehren wohl bewaffnet, und könnten an der Zahl eine halbe Million, leicht mit den schwächlichen, entarteten Spaniern fertig werden – doch fern von Raubgier, Rachsucht, begnügen sie sich, die Fremdlinge von ihren Gränzen auszuschließen. Dieß erhabene Volk lernt man in seinen Thaten, in seinen edlen Sitten am besten kennen, aus eines Spaniers Ercilla Schilderung, die Araucana – ein Heldengedicht in zwei Bänden. – Die Hauptstadt von Chile ist St. Jago, sie liegt auf der Höhe des Gebirges, 3000 Fuß über dem Meere (15 Meilen von demselben, und der Hafenstadt Valparaiso) und genießt daher der gesundesten Luft; dem Mangel eines schiffbaren Flusses ist durch einen trefflichen Kanal, der St. Jago mit den nächsten Strömen und mit der See verbindet, abgeholfen. Es ist wohl keinem Zweifel unterworfen, daß die Luft auf die Gemüthsstimmung des Menschen den wichtigsten Einfluß hat, so sieht man auch in dem heiter, frei und hoch gelegenen St. Jago, Menschen, welche sich in ihrer Fröhlichkeit und Herzensgüte auffallend von allen spanischen Bewohnern des Staates Chile auszeichnen, ein zweites Utopien glaubt der Fremde zu erreichen, denn die offenste Gastfreundschaft und die sorglose Freude, der lustigste Lebensgenuß, kommen ihm überall entgegen. Das weibliche Geschlecht, schöner als in Spanien, beinahe eben so schön als in Lima, weiter nördlich auf derselben Seite von Amerika, trägt durch seine ungezwungene Liebenswürdigkeit am meisten dazu bei – in allen Häusern wird Musik getrieben, überall getanzt, jeder Tag gleicht einem Feste. Nicht kostbare Assembleen sind es, welche gegeben werden, sondern kleine Vereine von Freunden, Verwandten, Bekannten, welche hier oder dort zusammen kommen, und das bilden, was wir Kränzchen nennen, nur mit dem Unterschied, daß nicht sechs Familien sich vereinen zu einem Besuche in jeder Woche, sondern daß Tag um Tag der Ort der Versammlung wechselt, und an jedem Tage da oder dort ein Ball ist, ein Conzert gegeben, eine Spazierfahrt gemacht wird. Zwar ist die Bildung der Frauen nicht groß, außer in ihrem Gebetbuche können sie in der Regel nicht lesen, desto mehr natürlichen Verstand, Witz, desto mehr muntere Laune haben sie, sind geschickte Lautenschlägerinnen und haben vortreffliche Stimmen. Von gleich trefflichen Eigenschaften sind ihre Schwestern amerikanischer Abkunft. Die Frauen der Araucos zeichnen sich wie die Männer, beinahe vor allen andern Völkerschaften der neuen Welt durch schönen Körperbau aus, die Gesichtsbildung weicht in etwas von den uns geläufigen Regeln der Schönheit ab, indem sie gedrückte Nasen haben und die Backenknochen hervor treten, doch ohne daß dies störend würde und einen unangenehmen Eindruck machte. – Zu der schönen Form gesellt sich dort nun auch rin reines Herz, Einfalt der Sitten, Güte und liebevolles Wesen, welches schon daraus erhellt, daß die sechs bis zehn Frauen, welche jeder Krieger rechtmäßig nehmen darf, und welche nicht wie in der Türkei Sklavinnen sind, nie in Streit gerathen, sondern friedlich, Hand in Hand für den Gatten gemeinschaftlich sorgend, den Weg ihrer Pflicht gehen. –Die Sitten dieses Volkes bieten vieles höchst Interessante, das Alles anzuführen der beschränkte Raum dieses Werkes verbietet. Der höchste Theil von Chile ist dem Anbau wenig günstig, desto zahlreicher ist das Wild, sind die Herden, und der Raubthiere gibt es fast gar keine, außer dem Condor (s. d.) und dem Geier lebt nur der Pagi, das einzige Säugethier, welches fleischfressend ist, und nie dem Menschen gefährlich wird; eben so gibt es weder giftige Gewürme noch Schlangen, wohl aber die zierlichsten bunten, unschädlichen Schlangen, nur von Insekten lebend – und diese letztern, Käfer und Schmetterlinge von der höchsten Pracht. – Reich ist das Meer an Fischen, eben so unerschöpflich sind die Wälder an bunten Vögeln, sind die Berge an kostbaren Steinen und Metallen.

–V.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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