Cirkassien (Tscherkassien)

Cirkassien (Tscherkassien)

Cirkassien (Tscherkassien), eigentlich Tscherkassien, eine Provinz im asiatischen Rußland, nördlich von der Statthalterschaft Kaukasien, südlich und westlich von Imerethi und Abchasien, östlich von Daghestan begränzt. – Wer hätte nicht von der Schönheit der cirkassischen Frauen in Reisebeschreibungen und Romanen, die der Pracht vnd Ueppigkeit morgenländischer Lebensweise erwähnen, gelesen; wer nicht gehört, daß sie auf den Sclavenmärkten der Levante gleich nach den Georgierinnen das kostbarste Geschmeide sind, womit der Moslim seinen Harem schmückt, welches der Niedere seinem hohen Gebieter als theuerstes Geschenk verehrt? – Cirkassien, ein Land von einem edlen Menschenschlage bewohnt, der halb in barbarischer Rohheit, halb in ritterlicher Galanterie le– bend, Heldenmuth mit Raublust paart, und die äußern und innern Elemente zu einer hohen Cultur in sich trägt, ist uns bis jetzt mehr durch die Kunde von seinen schönen Frauen, als durch die Forschungen der Reisenden bekannt geworden. Erst in neuerer Zeit haben wir, durch Besitznahme Rußlands und den dadurch lebhafter gewordenen Verkehr Europa's mit dieser fernen asiatischen Provinz, genauere Nachweisungen über das Land, seine Bewohner, Verhältnisse und Sitten erhalten. Cirkassien, am Kamme des Kaukasus gelegen, ein herrliches Thal- und Hügelland, bietet namentlich auf den beiden Kabardas, den Einschnitten des Vorder- und Mittelgebirges, eine Reihe fruchtbarer Landschaften, deren gemäßigter Himmel mit den schönsten Gegenden Italiens wetteifert. Der Frühling erscheint hier frühzeitig und kleidet die Triften und Hügel mit grünem Sammet, mit Teppichen von Veilchen und anderen Blumen. Schon im April blühen Kirsch,-Mandel- und Aprikosenbäume; im Mai prangen schon die ersten Früchte auf den Zweigen. Anfangs Juli erntet der Landmann bereits Weizen, Reis und Hirse Auf freiem Felde wachsen Melonen, an Bergbehängen und Zäunen die schönsten Trauben, deren Beeren über einen Zoll lang, zuckersüß und wie Glas durchsichtig sind. Wilde Bienen (der Göttin Merissa heilig) füllen die hohlen Baumstämme des Waldes mit Honig und Wachs. In den dichten Gebüschen von Eichen, Buchen und Tannen wohnen Herden von Hirschen, Bären, Luchsen und Hafen. Die Gewässer, welche in tausendfachen Richtungen die Landschaften durchschneiden, liefern die wohlschmeckendsten Fische, namentlich Forellen. Auch die Berge sind reich an Kupfer und Eisen, worauf aber nur ein unbedeutender Bergbau betrieben wird. – Die Einwohner sind eine kriegerische Nation, die theils unter sich, theils mit den Gränzvölkern in beständiger Fehde lebt. Zwar Rußland unterthan, haben sie doch unter ihren eigenen Fürsten eine Art Unabhängigkeit bewahrt. Sie theilen sich in fünf Klassen: Fürsten, Edle, von diesen Freigelassene, Freigelasseneder Letztern und endlich Leibeigene. Jeder Fürst ist der Oberlehnsherr der Edlen, wie diese wieder die Herren ihrer Leibeigenen sind. Die Männer aller Stände sind vorzugsweise wohlgestaltet, haben einen schönen Wuchs und muskulösen Körperbau. Schultern und Brust sind breit, die Gegend über den Hüften schmal; denn schon von Jugend auf tragen sie einen Gürtel, der den schlanken Wachsthum befördert. Augen und Haare sind braun, der Kopf lang und schmal, die Nase gerade. Sie tragen weite Oberröcke, lange Beinkleider nach tatarischer Art und eine kurze, melonenförmige Mütze, und verzieren ihre Kleidung mit Gold und Silber, Treffen und Bändern, metallnen Zierathen u. dgl. Im kriegerischen Schmucke gleichen sie den Rittern des Mittelalters, wappnen sich mit Brustharnischen, Arm- und Beinschienen von glänzendem Stahl, und tragen Köcher, Degengehänge, Pistolen und Flinten von ausgesuchter Schönheit. Ihr Gang, jede ihrer Bewegungen ist voll Anstand, ihre Miene voll Ausdruck, feurig, muthvoll, überlegen. – Der Fürst von Warschau hält sich eine solche prächtige, cirkassische Leibgarde. – Die Frauen, berühmt wegen ihrer Schönheit, sind dennoch lange nicht so reizend wie die Georgierinnen. Zwar haben sie einen blendenden Teint und seltenes Ebenmaß der Glieder, und übertreffen an schlankem Wuchse alle Anderen, denn schon dem 6 jährigen Mädchen wird eine Schnürbrust angelegt, die erst bei der Verheirathung vom Bräutigam mit dem Dolche getrennt wird; doch ist die Nase etwas aufgestülpt und die Haarfarbe röthlich. Der Bräutigam kauft die Jungfrau vom Vater, muß sie aber nach der Landessitte scheinbar entführen oder von einem Freunde entführen lassen. Bis zu dem Augenblicke, wo die junge Frau ein Kind geboren, darf sie sich vor Männern, selbst vor ihrem Vater, nicht blicken lassen. Von da an aber ist ihr Leben ganz im Widerspruche mit dem der übrigen Orientalinnen frei und ungezwungen; sie werden von den Männern mit ritterlicher Galanterie behandelt, so daß ein Cirkassier zu Pferde, wenn er einer Frau zu Fuße begegnet, absteigt und ihr sein Roß für die Strecke des Weges, welche sie zurückzulegen hat, anbietet. Dessen ungeachtet verkaufen aber doch Eltern ihre Kinder, oder Edle ihre Leibeigenen weiblichen Geschlechtes an türkische Sclavenhändler, ja sie müssen es oft, wenn z. B. die Tochter sagt: sie habe einen Eid darauf abgelegt, weil der Eid für heilig und unverbrüchlich gehalten wird. Ost kehren solche cirkassische Schönheiten reich beschenkt aus den Harems von Constantinopel und Alexandrien zurück und veranlassen andere dadurch zu dem erwähnten eidlichen Gelübde. – Die Cirkassierinnen müssen, trotz der Verehrung, welche ihnen von den Männern erwiesen wird, alle häuslichen Arbeiten verrichten, da diese bloß dem Kriegshandwerke und der Jagd obliegen. Reiche Frauen, die selbst viele Sclaven haben, verschmähen es nicht für ärmere zu arbeiten, ihnen Kleider und Geräthschaften zu verfertigen, ohne dafür auch nur ein Wort des Dankes zu verlangen. Der Diebstahl, an dem Eigenthume einer feindlichen Partei verübt, ist nicht im geringsten ehrenrührig, und ein Mädchen kann ihrem Jüngling keinen größern Vorwurf machen, als den: er habe noch nicht einmal eine Kuh gestohlen. Dies bezieht sich freilich auf die Ansicht, daß Muth, List und Verschlagenheit die Hauptzierden des männlichen Charakters sind. Alle Mädchen lernen kochen, nähen, weben, sticken und Kleider verfertigen. In diesen Arbeiten herrscht viel Geschmack, und namentlich sind ihre Stickereien von seltener Schönheit. Den freieren Umgang, welcher ihnen gestattet ist, mißbrauchen sie nie. Eifersucht ist hier völlig unbekannt. Ihr Charakter ist mild, freundlich, gehorsam und von einer Liebenswürdigkeit, die bei mehr Bildung bezaubern würde. Sie werden beinahe für unverletzlich gehalten, denn ein Verfolgter wird (wie ein neuerer Reisender erzählt) augenblicklich geschützt, sobald er sich unter den Schutz eines Weibes begibt, oder ihre Brust mit seinem Haupte berühren kann. Eheliche Zwiste schlichtet der Ortsherr und hat das Recht, bei wichtigen Fällen den schuldigen Theil zu verkaufen. Die Fürsten übergeben ihre Kinder männlichen Geschlechtes gewöhnlich einem oder dem andern Edlen zur Erziehung, und sehen den Sohn erst bei dessen Verheirathung wieder, was freilich eine große Kälte unter den Familiengliedern hervorbringt. Die Verwandtschaftsgrade werden sehr ausgedehnt, und der Fremde, welcher sich unter den Schutz eines Tscherkassen begibt, kann auch sicher auf den seiner zahlreichen Angehörigen rechnen. Stirbt ein Familienvater, so erhält die Mutter die Verwaltung des Vermögens, nach ihr die Gattin des ältesten Sohnes. – Die Cirkassier bekennen sich zur muhammedanischen Religion; doch ist ihr Gottesdienst mit vielen christlichen, ja sogar heidnischen Gebräuchen ausgeschmückt. Sie verehren das Kreuz und mehrere Heilige; so auch ihre Schutzgöttin Merissa, und opfern für die Gottheit Thiere, Brot u. dergl. Sie begehen das Oster-, Weihnachts- und Neujahrfest mit kirchlichen Ceremonien, mit Spiel und Tanz, wovon sie große Liebhaber sind.

–n.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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