Dacier, Anna

Dacier, Anna. Wenn man das Zeitalter Ludwig's XIV., welches den Glanzpunkt wie in der politischen, so in der Literaturgeschichte Frankreichs bildet, oft ein augusteisches genannt hat, so war doch dieser Ludwig eben so wenig ein August als ein Cäsar; er und seine ganze hochgefeierte Zeit liegen jetzt weit hinter uns, von dem unbestechlichen Urtheile der Geschichte ihrer falschen Größe entkleidet. Der Charakter des französischen Volkes fand in diesem Könige seinen treuesten Repräsentanten, Ludwig begünstigte Künste und Wissenschaften, um selbst zu glänzen. Unter den großen Geistern, die jene Periode schmücken, finden wir auch eine Frau, deren Gelehrsamkeit nicht nur während ihres Lebens viel bewundert ward, sondern deren Name noch jetzt nach Verlauf eines Jahrhunderts ehrenvoll genannt wird. Anna le Fèvre, die Tochter eines bekannten Gelehrten, Tanneguy le Fèvre, Professors der schönen Wissenschaften an der reformirten Akademie zu Saumur an der Loire, wurde daselbst im December des Jahres 1651 geboren, ihre Mutter war Maria Olivier. Ein Freund ihres Vaters, ein Astrolog, sah in ihrer Geburt eine Verherrlichung des Schicksals, wie sie einem Mädchen noch nie zu Theil geworden. Ein Zufall veranlaßte den Vater, Anna, wider die Natur ihres Geschlechtes, zu einer Gelehrten zu bilden. Sie war bei den Unterrichtsstunden ihres Bruders ein stummer Zeuge, wenn aber der sorgsame Vater den Knaben prüfte und dieser oft um Antworten verlegen war, flisterte die elfjährige Anna dem stockenden Bruder nicht nur Alles zu, sondern entfaltete überhaupt einen Schatz von Kenntnissen, den sie nur vom Zuhören gesammelt und in sich aufgenommen hatte. Anna wurde aus der fleißigen Schülerin bald die gelehrte Freundin ihres Vaters, der, bewogen durch die bewundernswerthen Fortschritte seiner Tochter, diese ganz den Wissenschaften zu erziehen beschloß. Als sie das jungfräuliche Alter erreicht, und ihre körperlichen Reize sich ebenso, wie ihre geistigen Anlagen zur zartesten Blüthe entwickelt hatten, lebte im Hause des Professors noch ein andrer eifriger und talentvoller Schüler, André Dacier, den sein Vater, ein wohlhabender Advokat zu Castres im Ober-Languedoc, nach Saumur geschickt hatte, um durch le Fèvre seine Erziehung vollenden zu lassen. Im gemeinschaftlichen Streben nach der Zufriedenheit des weisen Vaters, im edeln Wettstreit um die Schätze des Geistes, begann mit der Zeit ein noch süßeres Band sich um die Herzen Anna's und André's zu schlingen, das sie später zu einem eben so dauernden als glücklichen Bunde vereinigte. Nur kurze Zeit noch war es dem beglückten Vater vergönnt, die Früchte seines Wirkens in seinen beiden Schülern reisen zu sehen, er starb 1672 und wir erblicken schon im nächsten Jahre Anna mit ihrem Freunde in Paris. Ein Zufall führte ein Manuscript der gelehrten jungen Dame in die Hände des Herzogs von Montansier, der sie in Folge dessen aufforderte, für die Bildung des Dauphins mehrere lateinische Klassiker zu bearbeiten. Dacier sollte sie dabei unterstützen. Er begann mit dem Pompejus Festus, Anna mit dem Eutrop und Florus. Der Name der jungen Gelehrten ward dadurch der Welt bekannt und ihr Ruhm durchzog Europa, das schon damals anfing, Paris zu bewundern und nachzuahmen; die stolze Königin Christine sogar verschmähte nicht, das Fräulein le Fèvre schriftlich ihrer Gunst zu versichern. Am meisten Aufsehen machte die Uebersetzung des Anakreon. 1683 wurde Anna mit ihrem geliebten Dacier durch das Band der Kirche vereinigt, und 1685 erfolgte beider Uebertritt zur katholischen Kirche, ein Schritt, zu dem Anna von den vornehmsten Gelehrten und Personen des Hofes vielfach veranlaßt worden war. Sie vollendete hierauf die Bearbeitung einiger Komödien des Plautus und Aristophanes und begann die des Terenz. Mit diesem Werke wollte sie den Ruhm ihrer Gelehrsamkeit zu seinem höchsten Glanze steigern, sie hatte sogar Muth genug, einmal die ganze Arbeit den Flammen zu übergeben. Der Erfolg rechtfertigte ihren Vorsatz, der Terenz der Mad. Dacier galt ein Jahrhundert später noch in ganz Europa für ein Meisterstück. Inzwischen war auch das häusliche Glück des gelehrten Ehepaares ein vollkommenes zu nennen, nachdem Anna ihren Gatten mit der Geburt eines Knaben und eines Mädchens erfreut hatte; beide Eltern kannten keinen sehnlichern Wunsch, als ihre Kinder den Wissenschaften zu erziehen, ja der Himmel selbst schien sie dafür bestimmt zu haben, denn eine außerordentliche Wißbegierde im Vereine mit dem seltensten Scharfsinne kam von Seiten der Kinder den Absichten der glücklichen Eltern entgegen. Allein die alte Erfahrung, daß Zeitigungsversuche der Art fast immer mißlingen, bewährte sich auch hier; der Wunderknabe, der den Herodot und Polybius las, starb in seinem 10. Jahre, 1694. Die Tochter, gleichfalls zu früh aus dem wohlthätigen Schlummer der Jugendjahre geweckt, im 18. Jahre 1710. Ein unsterbliches Denkmal mütterlichen Schmerzes legte Mad. Dacier in der Vorrede ihrer Uebersetzung der Iliade, die 1711 erschien, nieder; das Buch selbst rechtfertigte den Ruhm seiner Bearbeiterin vollkommen, obschon dieselbe viele Kämpfe deßhalb mit dela Motte und Harduin zu bestehen hatte. Die Odyssee, 1716, war ihr letztes Werk. Sie wünschte noch die Vollendung ihres Virgil, allein ihre Gesundheit ward während ihrer letzten Lebensjahre so wankend, daß dieser Vorsatz unausgeführt blieb. Sie unterlag einer langen, schmerzhaften Krankheit am 17. August 1720. Ihr Gatte, der noch den Plutarch übersetzt hatte und beständiger Sekretair der Akademie geworden war, überlebte sie nur um zwei Jahre. Der Einfluß, den Mad. Dacier durch ihre Bearbeitungen klassischer Werke auf die intellektuelle Bildung ihrer Landsleute ausübte, ist unläugbar und ihr im hohen Grade zum Verdienst anzurechnen. Mit der Tiefe ihres Geistes vereinte die seltene Frau die liebenswürdigste Güte des Herzens und eine fast unglaubliche Bescheidenheit.

X.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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