Devrient-Schröder, Wilhelmine

Devrient-Schröder, Wilhelmine

Devrient-Schröder, Wilhelmine, Wilhelmine. Viel des Großen und Schönen in der deutschen Bühnenwelt knüpft sich an die Namen Schröder und Devrient. Ludwig Devrient und Sophia Schröder waren die bedeutendsten Erscheinungen des deutschen Theaters der neuesten Zeit, die Alles neben sich überragten. Das Talent schien in ihren Sprößlingen fortzuleben – mehrere geachtete Künstler und Künstlerinnen dieses Namens sind noch jetzt die Zierden vaterländischer Bühnen. Einzig aber durch die Vollendung als Sängerin und Schauspielerin zugleich steht Wilhelmine Schröder-Devrient, wie sie sich seit ihrer Trennung von dem talentvollen Schauspieler Carl Devrient nennt – da. Frühzeitig entwickelte sich unter der Leitung ihrer hochbegabten Mutter Sophia Schröder (s. d.), die ihr zugleich als Vorbild und Lehrerin diente, ihr Talent. Bereits im 10. Jahre wurde sie Mitglied des Kinderballets am Theater an der Wien und zog schon damals durch Grazie der Haltung, ausdruckvolle Mimik und geniale Laune die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. In ihrem 15 Jahre widmete sie sich dem Schauspiel und zeichnete sich auf dem Burgtheater in mehrern tragischen Partien: Melitta in der Sappho, Louise in Cabale und Liebe, Ophelia im Hamlet, Beatrice in der Braut von Messina u. A. m., aus. Schon jetzt erregte das Mädchen, auf welches das Talent der Mutter übergegangen war, die lauteste Bewunderung, aber ihr, welcher die Götter so Vieles gegeben: Adel der Gestalt, Schönheit der Mienen, Wohlklang der Rede, Phantasie, tiefe Empfindung, Gemüth und Seele, verliehen sie auch die Zaubermacht des Gesanges, so daß in einer und derselben Individualität sich die zerstreuten Gaben und Talente, welche gewöhnlich nur einzeln die Erwählten schmücken, vereinigt fanden. Ihre erste Rolle in der Oper war die »Pamina« in der Zauberflöte, dieser folgte bald die »Emmeline« in der Schweizerfamilie und andere mehr. Der Erfolg war glänzend, kaum eine andere Künstlerin vor ihr hatte mit so entschiedenem Berufe ihre Laufbahn betreten. Einen seltenen Triumph aber feierte das 17jährige Mädchen in Beethoven's Fidelio, worin sie die Leonore schon damals mit einer Vollendung in Spiel und Gesang darstellte, daß sie alle ihre Vorgängerinnen und Nebenbuhlerinnen verdunkelte. Ihr Ruf vergrößerte sich von Tage zu Tage Sie reiste jetzt über Prag und Dresden nach Berlin, wo sie 1823 in mehrern Opern sang, und im eigentlichsten Sinne des Wortes furore machte. Hier vermählte sie.sich und folgte mit ihrem Gatten einem ehrenvollen Rufe der Intendanz des Dresdener Hoftheaters. Daselbst im Besitze der ersten Rollen fand sie reiche Gelegenheit, ihr vielseitiges Talent nach allen Richtungen auszubilden und der hohen Vollendung entgegenzustreben, in welcher sie noch jetzt glänzend, als eine der seltensten Frauen unsers Jahrhunderts dasteht. 1830 ging sie mit einer deutschen Operngesellschaft nach Paris und feierte hier eine Reihe von Triumphen, wie sie vor ihr nur der Catalani und Sonntag zu Theil geworden waren. Ihr Ruf wurde ein europäischer – die Franzosen, bis dahin noch voll Vorurtheil gegen die deutsche Kunst, betrachteten mit Enthusiasmus und Ehrerbietung diese neue glanzvolle Erscheinung. Hierauf nach Berlin zurückgekehrt, ruhmgekränzt und neue Kränze erringend machte sie der Schechner und der Sonntag den Preis des Sieges streitig durch die imposante Totalität ihrer wahrhaft genialen Leistungen. – Ihr Ruf war so auch über den Canal gedrungen und auch England huldigte einem Talente, das eben, weil es ein entschiedenes und vollkommen ausgebildetes ist, die Huldigung der civilisirten Welt erringen muß. Sie besuchte mit demselben Erfolge London zum zweiten Male (1833) und kehrte hierauf nach Dresden in ihr Engagement zurück. In den Zwischenräumen gab sie auf den bedeutendsten Bühnen Deutschlands Gastrollen, so daß die Gebildetsten der Nation öfter und in weitern Kreisen Gelegenheit hatten, eine Künstlerin zu bewundern, welche das Vaterland stolz die Seinige nennt. Unvergeßlich sind gewiß nicht nur jedem Kunstfreunde, sondern jedem Menschen von Gefühl und Bildung ihre Leistungen, als: Fidelio, Iphigenia, Donna Anna, Euryanthe, Rhezia, Agathe, Desdemona, Amazili, Vestalin, Rebecca, Anna Boten, Romeo etc. Gesang, Spiel, Declamation geht mit gleicher Virtuosität Hand in Hand. Ihre Plastik ist edel, reizend, erhaben. Eine heilige Begeisterung durchweht alle leidenschaftlichen Momente ihrer Darstellung; sie erreicht im Tragischen eine Höhe, die fast Alles bisher Gesehene weit hinter sich zurückläßt. Gesang, Rede, Miene sind beseelt, in ihnen spiegelt sich mit unverkennbarer Wahrheit stets die innerste Empfindung ab. Alles ist durchdacht, nirgends der Effect gesucht, aber da, wo er in der Situation liegt und psychologisch begründet ist, mit dem feinsten, zartesten, genialsten Tacte benutzt. Eine edle anmuthige Persönlichkeit unterstützt sie gleichmäßig für alle ihre verschiedenen Darstellungen. Jede neue Rolle läßt sie uns im neuen Glanze erblicken. Schon glaubten die Kunstfreunde, sie habe als Fidelio alles Mögliche erschöpft, als sie plötzlich wieder im Romeo einen neuen Triumph feierte, der die früheren fast zu überragen scheint. So steht diese Künstlerin in der Blüthe ihres Alters auf dem Gipfel ihres Ruhmes, würdig der Bewunderung, die ihr reichlich gezollt wird, werth der Geschenke, welche gütige Götter mit freigebigen Händen über sie ausgestreut und im unzweideutigen Besitze des Lorbeerkranzes, der noch lange grünend ihre holde Stirne schmücken möge, und von welchem ihre geniale Mutter als Sappho spricht, er sei

»– von tausend gesucht und nicht errungen.«

B.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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