Dichtkunst

Dichtkunst

Dichtkunst (Poesie vom Griechischen: poieo, ich mache schaffe), ist die erste und umfassendste aller Künste; die erste, weil des Menschen erster Gedanke, Gott, ein poetischer ist; die umfassendste, weil sie das Wort bebaut, dessen Keime aus der Ewigkeit gekommen sind und sich in die Unendlichkeit verlieren; auch darum, weil das Reich des Wortes grenzenlos ist und die Darstellungen durch dasselbe nicht zu berechnen sind. Das Gemälde stellt immer nur eine Situation dar; das Gedicht gibt auf ein Mal tausend Bilder der Phantasie hin und das ganze Leben muß in ihr aufgehen im Andrange eines solchen Blüthenmeeres von Ideen, auf deren Wellen sie hinschwimmt an das Gestade des Jenseits. – Wie sich Poesie von der Wirklichkeit dadurch unterscheidet, daß sie die Erscheinungen idealisirt, so ist auch die Poesie der Gegensatz von Prosa dadurch, daß sie mehr die Phantasie, Prosa mehr den Verstand anregt, diese sich mit dem Gedanken allein begnügt, jene aber den Gedanken bildlich darstellt. Auch die Prosa kann auf die Phantasie wirken, aber durch andere Mittel; sie wirkt nicht unmittelbar auf dieselbe, sondern durch das Gemüth, während Poesie die Einbildungskraft zuerst in Anspruch nimmt. Der Prosaist sucht zu überzeugen, der Dichter zu rühren. Der Prosaist rückt uns den Gegenstand zwar auch nahe, aber er stellt uns, wie vor ein Gemälde, in das rechte Licht und auf eine gewisse Höhe, vor der wir die Vorgänge beschauen, ohne in dieselben mit hineingezogen zu werden; der Dichter hingegen läßt uns selbst Theil nehmen und gönnt uns nicht eher Ruhe, als bis sich im Gedichte die Ruhe hergestellt hat. Die gebundene Rede (der Vers) macht zwar den gewöhnlichen, aber nicht immer wesentlichen Unterschied; ja manche Dichtungsarten behalten die Prosa bei, wie der Roman, die Novelle u. s. f., und Verse, selbst die künstlichsten, machen noch kein Gedicht, wenn ihnen Phantasie mangelt. Der Verfasser eines Romans ist aber auch dann erst ein Dichter, wenn er in demselben offenbart, was das Wesen der Poesie ausmacht: Eigenthümlichkeit der Weltanschauung, Schaffen und folgerechtes Durchführen neuer Charaktere und Verhältnisse, Einbildungskraft in Benutzung aller Mittel, die das Leben und die Natur darbieten, endlich schöne Form in der Darstellung. Ein Gedicht, das von dem, was der Dichter aussprechen will, kein anschauliches Bild gibt, oder das unser Gemüth nicht also gleich in die beabsichtigte Stimmung versetzt, ist ein schlechtes. – Genug hierüber für Frauen O was sind alle Aesthetiken gegen das Gefühl eines edlen Weibes! Es wird mündig geboren und bevormundet die Weisheit des Mannes von tausend Talenten. Wie vor dem stillen Wunder einer Blume steht der Denker still vor dem Frauenherzen, diesem Tribunale des Schönen; er legt in die Wagschale dieser Richterin sein Wissen, das Weib – einen Staubfaden aus dem Blüthenkelche seines Herzens und – seine Weisheit schnellt empor....

Die Dichtkunst ist in ihrem Entstehen, als Urpoesie, bei allen Völkern wahr, frisch, kräftig gewesen; Bild und Begriff waren noch ungetrennt, da ihnen die Natur erst mit dem Bilde den Begriff gab und sogar ihre Sprache sich nach der Stimme der Natur (nach Naturlauten) formte; ihr Ausdruck war einfach, bewußtloser, naiver Erguß des Gefühles. Erst später bildete sich die Naturpoesie zur Kunst, zur Dichtkunst aus, dann erst, als die Schrift erfunden war und man das festgehaltne Wort beschauen und verändern konnte. In den ersten, uns zugekommenen schriftlichen Werken der Poesie lebt noch diese schöne Unschuld des Anfangs. Die Religion eines jeden Volks war die Leiterin der Poesie und diese bildete sich denn nach den verschiedenen Religionen. Die ersten Dichter waren die Hebräer; von einer früheren Poesie der Inder, Perser, Syrer und Araber zeigen sich nur unzuverlässige Spuren, und wie die Chinesen rechnen, wissen wir. – Nach den Hebräern kam das sogenannte klassische Alterthum, und die griechische Kunst blühte in Europa und Kleinasien. Von Homer an verzweigt sich die Dichtkunst fort und fort und arbeitete sich in allen Formen zur Vollendung durch. – Alle Poesie ist entweder lyrisch, dramatisch, oder episch. Die älteste ist die lyrische. Lyra hieß das älteste besaitete Instrument bei den Griechen, unter dessen Klang man Gedichte recitirte.

B–l.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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