Dyreke

Dyreke. Im Jahr 1502 wurde Christian,Kronprinz von Dänemark (nachmals der Zweite benannt) von seinem Vater, König Johann, mit einer Armee nach Norwegen geschickt, um einen Aufruhr zu stillen, der dort ausgebrochen war. Obgleich erst 20 Jahr alt, löste er doch durch seinen Muth und seine Tapferkeit diese schwierige Aufgabe auf eine so befriedigende Weise, daß sein Vater ihn zum Statthalter von Norwegen ernannte, in welcher Eigenschaft er eine Reihe von Jahren in diesem Lande blieb. Sein harter, finsterer und grausamer Charakter, der ihm späterhin Reich und Krone kostete, verrieth sich indessen schon damals durch manche Handlungen, die seinen Ruhm befleckten, und ihn mehr gefürchtet als geliebt machten. Im Jahr 1507 hatte er seinen Kanzler, den Erzbischof Erich von Walkendorf, nach Bergen gesandt. Bei seiner Wiederkehr sprach dieser mit einem lebhafteren Entzücken, als sich für die Würde eines Geistlichen ziemt, von der Schönheit einer jungen Holländerin, welche Dyreke hieß, und mit ihrer Mutter, Frau Siegbrit genannt, aus Amsterdam, wo sie einen Handel mit Aepfeln und Nüssen getrieben, nach Bergen gezogen war. Seine Schilderung machte auf das leicht entzündbare Gemüth des Prinzen einen so heftigen Eindruck, daß er vor Verlangen brannte, sich mit eigenen Augen von den Reizen dieses Wundermädchens zu überzeugen. Er reis'te deßhalb nach Bergen, wo er bald nach seiner Ankunft einen Ball auf dem Rathhaus gab, zu welchem er die Vornehmsten der Stadt einladen ließ. Obgleich die Dyreke und ihre Mutter nicht zu diesem Kreise gehörten, so erschienen sie doch auf seinen Befehl ebenfalls dort, und Christian sah seine hochgespannten Erwartungen so sehr übertroffen, daß es der ganzen Verstellungskunst, die ihm eigen war, bedurfte, um die Leidenschaft zu verbergen, die ihr Anblick in ihm erregte. Er tanzte, der Schicklichkeit gemäß, erst mit mehreren der angesehensten Jungfrauen; endlich wählte er auch Dyreke, und war er durch ihre blendende Schönheit bereits bezaubert, so nahm ihn ihre Sanftmuth, ihre unschuldsvolle Güte und Lieblichkeit in der Art gefangen, daß er sich schon bei der ersten Unterredung mit ihr vornahm, Alles aufzubieten, um sie zu besitzen. Ein zweiter Ball mußte sich schnell dem ersten anreihen. Er half die Erfüllung seiner Wünsche befördern. Seine Heldengestalt, durch jugendliche Anmuth verschönert, und die Innigkeit seiner Bewerbungen hatte Dyreke's Neigung, sein Rang, und der Zauber, den königliche Würde ausübt, die Zustimmung der habsüchtigen und hochmüthigen Siegbrit gewonnen. Dyreke kämpfte mit dem Gefühl des Unrechts, das sie von einer so ungleichmäßigen und ungesetzlichen Verbindung zurückzudrängen schien – doch bestürmt durch die Gewalt der ersten Liebe, die in ihrem Busen keimte, und von ihrer Mutter aufgemuntert, sich dem Prinzen zu ergeben, konnte sie nicht widerstehen, und willigte ein, ihm ihr ganzes Leben zu widmen. Nachdem Christian eine Zeit lang in Bergen in dem Morgenroth des neuen Liebesglückes geschwelgt hatte, das seine Tage verklärte, kehrte er nach Opslo, seinem Wohnort zurück, wo er eiligst ein schönes Haus für Dyreke einrichten ließ, das er ihr einräumte, und wo sie als seine erklärte Geliebte, aber immer mit jener sanften Bescheidenheit auftrat, die eine Eigenthümlichkeit ihres Charakters war. Von jetzt an schweigt die Geschichte über sie, da eine stille, sich immer gleich bleibende, liebende Verbindung kein Gegenstand historischer Forschungen und Erwähnungen sein kann. Erst im Jahr 1510 wird ihrer wieder gedacht, als König Johann, durch seine abnehmenden Kräfte an den nahenden Tod erinnert, seinen Thronerben wieder zu sich nach Kopenhagen berief. Christian verfügte, daß Dyreke und ihre Mutter ihm folgen mußten. Doch beobachtete er aus Rücksicht für seinen Vater, dessen tugendhafte Gesinnung unsittlichen Verhältnissen sehr abgeneigt war, eine große Vorsicht in seinem Umgang mit ihr. Im Jahr 1513 starb König Johann, und hinterließ den Nachruhm eines frommen, weisen und gerechten Königs. Von diesem Zeitpunkt an war aber Dyreke's Glück dahin, denn die Qualen der Eifersucht begannen es zu vergiften. Das Land wünschte, den neuen König vermählt zu sehen, und er selbst fühlte bei seiner angebornen Härte und Grausamkeit, daß eine Verschwägerung mit den mächtigsten Fürsten Europa's ihm eine festere Haltung auf dem nicht mehr durch Volksgunst gestützten Thron verleihen, und seiner Sinnesart, die er umzuändern sich nicht bewogen fühlte, Nachdruck geben werde. Dyreke hatte sich in der Beschränktheit ihrer Ansichten und bethört durch ihre Liebe, als seine Gattin vor Gott und sich selbst, wenn auch nicht vor der Welt betrachtet, da sie die Scheidewand, die sein Rang zwischen sie stellte, wohl anerkannte, aber wähnte, die stille Vereinbarung einer gegenseitigen, ewigen Treue sei ausreichend, ihre Verhältnisse zu heiligen. Jetzt nun mußte sie aus ihrem süßen Traum erwachen. Sie mußte erleben, daß nach mancherlei Berathungen, bei welchen freilich nur der conventionelle Vortheil, nicht die Neigung des Königs eine Stimme hatte, die Prinzessin Elisabeth, Tochter König Philipp's des Ersten von Spanien, welche eine Enkelin Kaiser Maximilian's und eine Schwester des nachmaligen Kaisers Karl des Fünften war, den Vorzug vor allen andern Fürstentöchtern erhielt, zu ihres Christian's Gemahlin erkoren, und mit aller Pracht, die einer so glänzenden Verbindung geziemte, als Königin in Dänemark empfangen wurde. Unter den rauschenden Festen, mit denen man ihre Ankunft feierte, barg sich Dyreke in die tiefste Einsamkeit – doch auch dahin drang zuweilen ein Widerschein jenes Schimmers, so wie der Ruhm der jungen Königin, die mit Geist und Edelmuth reichlich begabt, ein besseres Loos verdient hätte, als an Christian's Seite den Wechsel jedes irdischen Glücks zu erfahren. Dyreke war nun entschlossen, den vertrauten Umgang mit dem König abzubrechen, doch er, der sie noch immer liebte, gab den Vorstellungen hierüber, die jetzt Gewissenssache bei ihr wurden, kein Gehör; die Heftigkeit seiner Gemüthsart schüchterte sie ein, und die Liebe, die sie nicht in ihrem Innern verlöschen konnte, zog sie eben so lebhaft zu ihm hin, als ihr sittliches Gefühl sie von dem Gemahl einer Anderen zurückstieß. Es war ihr in ihrer zerrissenen, alles Gleichgewichts beraubten Gemüthsstimmung willkommen, daß der König die größte Verheimlichung seiner fortgesetzten Liebe von ihr forderte, denn öde, und wie ein böser Traum lag die Welt mit allen ihren Freuden hinter ihr, und nur in tiefster Stille athmete sie freier. Die Ursache, weßhalb Christian streng auf das Verbergen seiner sie nun nicht mehr beglückenden Besuche drang, war theils Schonung gegen seine Gemahlin, deren ausgezeichnete Eigenschaften ihm jetzt noch Achtung einflößten, theils hatte der Bruder derselben, der nachmalige Kaiser Karl V. bei seiner Anwerbung dem Erzbischof Erich Walkendorf gesagt, er sei von dem strafbaren Einverständniß Christian's mit Dyreke unterrichtet, und rechne fest darauf, daß es abgebrochen, und Dyreke entfernt werde, ehe noch seine Schwester den dänischen Boden betreten habe. So angemessen auch für Dyreke's Seelenzustand die abgeschlossenste Zurückgezogenheit war, so öffnete doch Frau Siegbrit, deren Hochmuth selbst den Schein, verlassen zu sein, nicht ertragen konnte, gern einigen Edelleuten ihre Thür, die jetzt, je mehr sie berechtigt waren, zu glauben, als habe der König Dyreke aufgegeben, mit leisen Wünschen und Hoffnungen hervortraten, und dem holden Mädchen, das in seiner Schwermuth nur um so reizender war, zu huldigen strebten. Unter ihnen stand Torben Oxe, ein reicher, liebenswürdiger junger Mann, aus einem vornehmen Hause abstammend, und von echt ritterlicher Denkungsart oben an. Er hatte längst Dyreke heimlich geliebt, und den Adel ihres Herzens erkannt, das nur durch jugendliche Unerfahrenheit und die verzeihlichen Täuschungen der Liebe in das Netz der Verführung gerathen war. Nach seiner Ueberzeugung glaubte er, eine treffliche Gattin in ihr zu finden, denn ihr in ihrer vermeintlichen Verlassenheit seine Hand zu bieten, denn ihr einen ehrenvollen Standpunkt im Leben anzuweisen, war der dringendste Wunsch seiner Seele. Doch seine edlen Absichten gingen an Dyreke's fester Weigerung verloren. Sie fühlte sich durch die Achtung und das Vertrauen geehrt, das er ihr bewies, sagte ihm aber, daß sie ihn viel zu hoch schätze, um von ihm glauben zu mögen, daß er mit ihrer Hand ohne ihr Herz sich befriedigt fühlen könne. Sie gestand ihm offen, daß Christian ihre erste und einzige Liebe gewesen, und daß er auch ihre letzte sein werde. Noch gab er indeß die Hoffnung nicht auf, sie zu gewinnen. Indeß hatten aber seine stolzen Verwandten seine Bewerbung um Dyreke ergründet, und waren außer sich, eine abgedankte Geliebte des Königs, wie sie sie nannten, in ihren Familienkreis aufnehmen zu sollen. Da aber alle ihre Warnungen, Verbote und Drohungen an Torbens männlicher Entschlossenheit wie an einem eisernen Schilde abprallten, und sie nach ihrer Art zu denken nicht glauben konnten, daß es Dyreke's unerschütterlicher Ernst sei, Torben fortwährend auszuschlagen, so nahmen sie, wie man Ursache hat, zu vermuthen, ihre Zuflucht zu einem Verbrechen, um den unglücklichen Gegenstand ihres Hasses und ihrer Befürchtungen aus dem Weg zu räumen, indem sie mit Hilfe eines Mannes, der Zutritt in dem Hause der Frau Siegbrit hatte, ein Körbchen mit Kirschen vergifteten, das Torben Dyreke als eine Seltenheit überschickte, und das, obgleich sie nur wenig Kirschen genossen, doch durch unmittelbare Erkrankung und die damit verbundenen Symptome auf Vergiftung schließen ließ Sie starb eines qualvollen Todes, aber gern, denn sie war fertig mit dem Leben, und befahl ihre Seele fromm und ergeben in die Hände ihres Schöpfers, im Grabe die Ruhe hoffend, die sie hienieden verloren hatte. Christian, der in Verzweiflung über ihre Leiden, und die Aussicht sie zu verlieren, war, und dessen Argwohn der muthmaßlichen Vergiftung auf Torben Oxe fiel, da ihm dieser auf sein strenges Befragen nicht hatte abläugnen können, daß er Dyreke geliebt, ihre Hand gewünscht, aber von ihr zurückgewiesen worden sei, suchte in der Befriedigung der glühendsten Rache Linderung seines Schmerzes. Er entblödete sich nicht, Torben unter dem Vorwand, daß er ein Majestätsverbrechen gegen ihn begangen, indem er durch seine strafbare Bewerbung um Dyreke diese ihm habe abspenstig machen und zur Untreue verleiten wollen, ihn öffentlich anzuklagen. Als die Behörden in Kopenhagen sich weigerten, ihn auf einen noch unerwiesenen Verdacht zu verurtheilen, und dabei bemerkbar machten, daß Dyreke ja nicht die Gemahlin, sondern nur die Geliebte des Königs gewesen sei, also von keinem Ehebruch, selbst wenn Dyreke Torben erhört habe, die Rede sein könne, so ließ er schnell aus den umliegenden Dörfern zwölf Bauern berufen, die ein Gericht über ihn halten mußten, vor dem Torben Oxe genöthigt wurde, zu erscheinen, und die grundlosen Beschuldigungen anzuhören, wodurch der König seinen Untergang zu erlangen strebte. Nach einigen Berathschlagungen thaten die Bauern, theils, wie mehrere Geschichtsschreiber meinen, aus Furcht vor des Königs Zorn, theils, weil sie dem sämmtlichen Adel abgeneigt waren, den Ausspruch, daß seine Thaten ihn selbst verurtheilten. Obgleich diese mystische Erklärung unmöglich für ein gesetzmäßiges Todesurtheil gelten konnte, so legte doch Christian's Rachsucht und Grausamkeit es so aus, und trotz dem, daß seine Freunde Alles versuchten, ihn zu retten, daß der gesammte Rath einen Fußfall that, und die Königin Elisabeth ihren Gemahl mit Thränen um Gnade anflehte, ward dennoch die Hinrichtung an dem Unglücklichen vollzogen.

A.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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