Einbildungskraft

Einbildungskraft, Bildungskraft (Phantasie), ist die Fähigkeit, schon Erlebtes, Gesehenes, Bekanntes sich vor das Auge der Seele zu bringen. Sie unterscheidet sich hiernach von der Phantasie oder Bildungskraft als der höhern Fähigkeit, Neues, noch nicht Vorhandenes aus Aehnlichem zu erzeugen, Theile zum Ganzen auszubilden, und die entferntesten Ursachen und Wirkungen zu verbinden. Diese schafft immer Neues, zwar Mögliches, aber in origineller Zusammenstellung, in noch nicht vorhandenen Beziehungen. Sie schaut die Natur an, gestaltet aus dem, was ihr geboten ist, überraschende Formen, ungekannte Verhältnisse, Bilder. Allen Menschen kommt Einbildungskraft zu; Bildungskraft (Phantasie) aber nur wenigen. Ein Mensch von Phantasie gibt für den Gedanken ein Bild und entwickelt bei jedem Bilde neue Ideen. Er verbindet beim Anschauen der Außenwelt sogleich die erste Idee mit der letzten, mit Gott, und ihm ist so fern nichts Bruchstück, sondern Alles ein Abglanz der Folie Weltbestimmung. Die Phantasie ist der Wasserspiegel, in welchem der kleinste Stein nach seiner Berührung Wellenkreise schlägt, die in's Unendliche zerfließen. Alle Erscheinungen wirken auf die Phantasie aufregend. Die Phantasie schafft und findet das Schöne (s. d. Art), sie erkennt dasselbe und erzeugt es. Wir hören eine schöne Musik; da beginnt die Phantasie zu wirken, sie lüftet ihre Schwingen und fliegt auf den Tönen hinüber in das Zauberland der Ahnung, sich aus diesem die Deutung, die Sprache, zu holen für das Unausgesprochene, das Unaussprechliche; wir sehen ein schönes Bild, und sogleich ergänzt die Phantasie, was an dem Bilde räthselhaft war: wir lesen ein schönes Gedicht und die Phantasie baut um das Wort eine ganz neue Welt auf und bevölkert sie mit Wesen; wir sehen eine Thräne der Rührung im Auge eines edlen Menschen, und die Phantasie dichtet schweigend hinzu eine vollendete Elegie oder eine Hymne an den Unendlichen. Die Bildung der Phantasie geht stufenweise vor sich, wenn sie ja schon gebildet werden kann, sie nicht vielmehr wie bewußtlos in uns wirkt. Auf der untersten Stufe ist sie nur empfangend. Hier verhält sie sich noch völlig passiv (leidend). Sie versteht oder ahnt da erst das Schöne, ohne es aus sich selbst freithätig entwickeln zu können. Auf der zweiten Stufe ist sie Talent; hier wirkt sie bereits, aber noch nicht ganz unabhängig, sondern sie ahmt nur nach, oder erzeugt nach vorhandenen Mustern. Die dritte Stufe nehmen die passiven Genies oder solche ein, die zwar reicher an Ideen als die Talente, doch nicht mächtig genug sind, eine ganz neue Ordnung der Dinge hervorzubringen. Sie können große Künstler werden, aber das eigentliche Genie steht erst auf der vierten Stufe. (S. d. Art. Genie.)

B–l.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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