Abaillard und Heloise

Abaillard und Heloise

Abaillard und Heloise. Wenn man in Paris durch die Cité geht, erblickt man über einer Thüre an der Ecke der Straße Basse-des-Ursins und des Quai's folgende Inschrift:

Abeilard, Héloïse habitèrent ces lieux

Des sincères amants modèles précieux.

1118.

und darüber ein Steinmedaillon, worauf zwei Köpfe sichtbar sind. Die Thüre führt über einen Hof nach Hause des Canonikus Fulbert, der es zu Anfang des 12. Jahrhunderts besaß. Jetzt ist dasselbe neu überkalkt, das Medaillon grün angestrichen und nur die engen Fenster und das schmale Thürmchen erinnern an das hohe Alterthum. – Hier wohnten Abaillard und Heloise, berühmt einst durch Geist und Schönheit, berühmt jetzt noch durch ihre Liebe und das Unglück derselben, gefeiert von vielen Dichtern, beweint noch jetzt von manchem Auge, das die Geschichte ihrer Leiden und Schmerzen liest. Abailiard, geb. 1079, einer der größten Männer seiner Zeit, hatte bis zu seinem 39. Jahre aus innerem Drang den Wissenschaften obgelegen. Er war Redner, Dialektiker, Philosoph, Dichter, Musiker etc. und als solcher berühmt. Jetzt erst lernte er Heloise (Louise) kennen, die Nichte des Canonikus Fulbert, ein Mädchen von 17 Jahren, gleich schön an Körper und Selle, bewundert wegen ihres Geistes und ihrer Gelehrsamkeit, angebetet von Tausenden wegen dieses Vereinsseltener Eigenschaften. Und Abailiard, in dessen Brust bis dahin nur die Leidenschaft für die Wissenschaft gewohnt hatte, liebte sie und besang ihre Schönheit in glühenden Liedern, welche die Welt mit Staunen und Theilnahme las. Er suchte Zutritt im Hause Fulbert's; er sah, er sprach Heloise und fand Gegenliebe. Unter dem Vorwande, Heloisens ausgezeichnete Anlagen weiter auszubilden, wurde er Fulbert's Hausgenosse; und so athmete er jetzt mit der Angebeteten Eine Luft, konnte an ihrem Auge hangen, konnte mit ihr schwärmen, ihr die Schätze der Wissenschaft öffnen und schwelgen in den Erzeugnissen der Phantasie und des Geistes. Bis tief in die Nacht saß er oft in Heloisens Kloset und was er hier fühlte, schrieb er u. A. an einen Freund: Wir öffneten unsere Bücher, aber wir hatten mehr Worte der Liebe, als wir lasen, und mehr Küsse, als Worte. Sie lebten die seligsten Stunden, wie sie die Götter nur selten gewähren; aber das Unglück lauerte im Hinterhalte und der sonnige Himmel umdüsterte sich. Dem Fehltritt im Rausche der Gefühle folgte endlose Reue, namenloses Mißgeschick. Sie wurden ein Opfer der Leidenschaft, die, in den Gränzen der Pflicht gehegt, beseligt; ungebändigt aber eigenes und fremdes Glück zerstört. Fulbert, durch die umlaufenden Gerüchte, die glühenden Lieder Abailiard's aufmerksam gemacht, wollte die Liebenden trennen. Dieser Umstand bewog Heloisen zur Flucht; A. entführte sie nach der Bretagne, wo sie ihm einen Sohn gebar. – Fulbert willigte endlich in die Vermählung, doch sollte sie ein Geheimniß bleiben; denn Heloise wollte ihrem A. öffentlich nur als Geliebte angehören; sein Ruhm vor der Welt, seine freie Stellung galt ihr Alles, und das Romantische eines solchen Verhältnisses hatte den größten Reiz für sie. – Fulbert, über die Schmach seiner Familie erbost, vergaß sich eines Tages so weit, die Nichte zu mißhandeln. A. entführte sie zum zweiten Male. Dieß steigerte F's Haß so sehr, daß er A. von einigen seiner Verwandten verfolgen, gefangen nehmen und verstümmeln ließ. Dadurch wollte er die Schmach seines Hauses rächen und die Nichte zwingen, in's Kloster zu gehen. – Abailiard wurde Mönch und Heloise nahm den Schleier. Rührend sind die Briefe, welche in dieser Zeit die Geliebten wechselten. A. warf sich wieder den Wissenschaften in die Arme, aber unverlöschlich glühte in seiner Seele die Liebe zu der Auserwählten. Mannichfach angefeindet, für einen Ketzer und Atheisten erklärt, verließ er Lehrstuhl und Kloster und baute sich bei Nogent sur Seine das Oratorium Paraklet. Später wurde er Abt des Klosters St. Gildas. Er schenkte Heloisen und ihren Nonnen das Oratorium Paraklet und hier sahen sich die Liebenden nach 11jähriger Trennung wieder. Hier erblickte er das theure, immer noch engelschöne Antlitz wieder, und schwelgte im Glanze der Augen, die ihm früher ein Himmel waren; aber der Mönch durfte die Gottesbraut nicht an die Brust drücken. Die tiefe Wunde seines Herzens blutete von Neuem und stärker als je; zu diesen Schmerzen gesellte sich noch der Haß der Mönche und die von der höhern Priesterschaft ausgehende Verfolgung wegen seiner Lehrsätze. Im 63. Jahre (1142) erlag er seinen mannichfachen Leiden. Heloise ließ ihn im Kloster Paraklet begraben, wo sie auch bald an seiner Seite ruhte. Eine gemeinschaftliche Urne umschloß später die Asche der Liebenden. Von 1808 an befand sie sich im Museum der franz. Denkmäler; 1817 wurde sie auf dem Kirchhofe Monamy in einer besondern Gruft beigesetzt. Viele Dichter der ältern und neuern Zeit haben die eben so romantische als unglückliche Liebe Abailiard's und Heloisens in ihren Werken gefeiert. Bekannt ist Pope's Gedicht (Heloise an Abaillard) in Bürger's schöner Uebersetzung.

–n.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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