Elisabeth, Königin von England

Elisabeth, Königin von England

Elisabeth, Königin von England, Königin von England, Tochter Heinrich's VIII., und Anna's von Boleyn (s. d.), erblickte das Licht der Welt den 7. September 1533. In der Schule der Widerwärtigkeiten und der Gefahren hatte ihr Geist schon früh eine ungewöhnliche Stärke errungen. Durch einen protestantischen Geistlichen, Namens Parker, erzogen, dem Anna von Boleyn sterbend ihre Tochter empfohlen hatte, neigte auch sie sich der protestantischen Lehre zu. Kaum der Kindheit entwachsen, war sie während der Regierung Eduard's VI. den Verfolgungen des ehrgeizigen Herzogs von Northumberland ausgesetzt; aber noch viel heftigere Stürme drohten ihr unter der Herrschaft ihrer Schwester Maria, Tochter der unglücklichen Katharina von Aragonien (s. d.), durch deren Rathgeber Gardiner, katholischen Bischof von Winchester, ehrgeizig wie jener, und eifrigen Religionsschwärmer. Er wiederholte der Königin unaufhörlich, daß man nicht nur einzelne Glieder der protestantischen Kirche vernichten, sondern mit Einem Schlage das Oberhaupt derselben treffen müsse: dieses sei Elisabeth. In ihrem 21. Jahre wurde sie der Theilnahme an Wiat's Verschwörung beschuldigt und in engen Gewahrsam gebracht, woraus sie Philipp von Spanien, Maria's Gemahl, befreite Einer zweiten Verhaftung im Schlosse Woodstock machte er gleichfalls ein Ende, doch wurden ihr alle nur ersinnlichen Kränkungen zu Theil, denen Elisabeth einen edlen Stolz und stille, würdevolle Ergebung entgegen zu setzen wußte. Sie zog sich in die Stille des Landlebens zurück, wo nur Wenigen ihrer Freunde der Zutritt gestattet ward. Hier benutzte sie die Tage des Unglücks und der Einsamkeit, ihren Geist zu bilden und zu stärken; nichts, was diesen schmücken oder das Leben erheitern und verschönern konnte, blieb ihren Studien und ihrem Eifer fremd. Sie bereicherte ihre Kenntnisse im weiten Gebiete der Geschichte, Philosophie, Politik, Dicht- und Redekunst. Außer der englischen Sprache schrieb sie vollkommen die griechische, lateinische, französische, italienische; und keine europäische Sprache war ihr unverständlich. Mit diesen Eigenschaften ausgerüstet, bestieg Elisabeth 1558 den englischen Thron, strahlend von Schönheit und Anmuth, ihre äußere Erscheinung war voll Majestät. Gleich bei dem Antritte ihrer Regierung empfing sie die sprechendsten Beweise der Volksliebe. Durch diese und durch die Gunst der Umstände erfreute sich Elisabeth in ihren meisten Unternehmungen der glänzendsten Erfolge: sie hob ihr Reich auf eine früher niemals erschwungene, ja kaum erreichbar scheinende Stufe der Macht und des Wohlstandes; ihre Regierung bildet in Englands Geschichte die merkwürdigste Epoche. Obgleich sich Elisabeth mit den innern und äußern Angelegenheiten des Reiches angelegentlich beschäftigte, war doch eine ihrer ersten Sorgen und das Hauptbestreben ihrer Regierung, die Feststellung einer herrschenden Landesreligion. Schon das Interesse ihrer Ehre und ihres Thronrechtes entfernten die Königin von den römischen Grundsätzen, nach welchen die Ehe ihrer Mutter mit Heinrich VIII. für ungiltig erklärt worden war; der rohe Uebermuth des Papstes Paul IV. beschleunigte den Bruch, und machte dem Triumphe der Katholiken in England ein Ende. Elisabeth forderte von Neuem den Suprematismus, stellte den protestantischen Ritus wieder her, und vollendete, wiewohl erst später, 1563 durch Verkündung der 39 Artikel die Constituirung der herrschenden anglikanischen Episkopalkirche. Alle unter der vorigen Regierung zum Vortheil des Katholicismus getroffenen Verfügungen wurden wieder abgeschafft. Gleich glücklich war sie gegen ihre äußeren Feinde; dem spanischen Monarchen, dem Herrn so vieler Königreiche, leistete sie muthvollen Widerstand; auch mit Frankreich schloß England im Jahr 1559 einen ehrenvollen Frieden. All' dieser Glanz jedoch, womit solche Triumphe Elisabeth's Thron umgeben, wird durch die Hinrichtung der Königin Maria von Schottland (s. d.) verdüstert. Das Schicksal dieser unglücklichen Fürstin wird die gerührteste Theilnahme erwecken, so lange es fühlende Herzen gibt. Ware sie auch – wie Jugend, Verführung und schwer gereizte Leidenschaft erklären könnten – der Verbrechen schuldig gewesen, deren man sie anklagte, so durfte doch Elisabeth nimmermehr ihre Richterin sein; war sie aber unschuldig, so gibt es keinen Ausdruck für die Nichtswürdigkeit ihrer Feindin. Dem Gefängnisse, den Verfolgungen ihrer rebellischen Unterthanen entflohen, suchte Maria Schutz bei Elisabeth, ihrer königlichen Verwandten, doch bald sah sie sich als Gefangene von derjenigen behandelt, von der sie allein Hilfe erwartet hatte. Maria, die Enkelin von Heinrich's VIII. ältester Schwester, mußte den strengen Katholiken, welche die Ehe dieses Königs mit Anna von Boleyn nicht anerkannten, als die rechtmäßige Königin von England erscheinen, und selbst die das Recht Elisabeth's ehrten, mußten bei ihrer bestimmten Weigerung, sich zu vermählen, Maria als muthmaßliche Thronerbin betrachten. Zu der unvermeidlichen Eifersucht, welche jene, als herrschsüchtige Königin und als eitle Frau, gegen die gefährliche Thronwerberin und das schönere Weib empfand, gesellte sich noch Religionshaß: diesem eigentlich wurde Maria geopfert. Durch Ränke und selbst durch Waffengewalt suchte Elisabeth die Aussöhnung der Schotten mit ihrer Fürstin zu verhindern, deren Liebenswürdigkeit und Unglück ihr selbst in England viele muthige und edle Freunde erwarb; allein jeder Versuch, sie zu retten, erbitterte nur heftiger die unversöhnliche Feindin. Sie suchte aus Maria's früherem Leben und Verhältnissen Anhaltspunkte zu einer förmlichen Anklage gegen sie hervor, worunter auch die Beschuldigung gehört, daß sie nicht nur das englische Wappen, sondern auch den Titel: »Königin von England« geführt habe. Endlich wurde sie eines Mordanschlages gegen Elisabeth, jedoch auf sehr zweideutige Weise, angeklagt, und von einer Commission von vierzig Pairs, meist aus ihren Feinden bestehend, zum Tode verurtheilt. Elisabeth, zur Grausamkeit noch verächtliche Heuchelei gesellend, weigerte sich lange, den Mordbefehl zu unterzeichnen, und als sie es gethan hatte, und hierauf den 8. Februar 1587 die Hinrichtung vollzogen worden war, strafte sie den beflissenen Diener, der den Befehl an den Ort seiner Bestimmung gesendet hatte, mit ihrer Ungnade. Durch kurze, verstellte Betrübniß hoffte Elisabeth sich mit der Mit- und Nachwelt auszusöhnen; vor Allem aber war es der Religionshaß ihrer Unterthanen wider die katholische Maria, der das Verbrechen mit beschönigendem Schleier umhüllte. Maria's Tod blieb von denen ungerächt, die er am nächsten traf; nur Philipp II. erhob sich wider Englands Königin mit seiner ganzen Macht; er rüstete eine Flotte aus, wie noch niemals das Meer eine gleiche getragen hatte: die unüberwindliche Armada nannte sie der spanische Stolz: allein die Ungunst der Elemente und die Begeisterung der verbündeten Engländer und Holländer siegten über jenen. In dieser Zeit zeigte sich Elisabeth in ihrer wahren Größe; sie sah die Gefahr ohne Schrecken, und bedachte mit Ruhe und Klugheit alle Mittel zur Vertheidigung; sie bereiste das ganze Königreich und beseelte durch ihr Beispiel den Muth und die Kraft ihrer Unterthanen. Obgleich Elisabeth Europa's Völker durch den Glanz ihrer Regierung blendete, war sie dennoch bestimmt, den Abend ihres Lebens in düsterer Trauer zu verbringen. Die gealterte Königin überließ sich der Verzweiflung und finsterer Schwermuth, als sie – allerdings unweiblich genug – ihren Geliebten, den Grafen Essex (s. d.), wegen muthwillig angezettelter Empörung, hatte hinrichten lassen, und zu spät erfuhr, daß eine letzte Bitte desjenigen, den sie für trotzig hielt, um Gnade, nicht vor ihr Ohr gekommen sei. Daß sie sein Schicksal tief bejammerte und sich der Uebereilung und Grausamkeit anklagte, ist gewiß, aber Essex's Bekenntnisse enthielten Dinge, die mit größerer Wahrscheinlichkeit als der Grund ihrer Schwermuth betrachtet werden können. Von dieser Zeit an wurde sie nachdenkend und still, saß Tage lang allein; jedes Gerücht flößte ihr neue, grundlose Schrecken ein; die Leere ihres Hofes, der Widerstand des Parlaments gegen ihre Wünsche und das Schweigen der Bürger, wenn sie öffentlich erschien, galten ihr für Beweise, daß sie ihre Popularität überlebt habe und ihrem Volke gleichgiltig geworden sei. Dennoch fürchtete sie sich vor dem Tode, der sie den 24. März 1603 in ihrem 70. Jahre ereilte, nachdem sie den laut geäußerten Wünschen des Parlaments und der Nation, wie den Verwandtschaftsrechten gemäß, den Sohn der geopferten Maria Stuart, König Jakob VI von Schottland, zu ihrem Nachfolger erklärt hatte. – Nach dem Ausspruche ihrer Zeitgenossen – und die Nachwelt hat ihn bestätigt – gehörte Elisabeth zu den größten und glücklichsten Fürstinnen Europa's. Die Ruhe, die sie beinahe ein halbes Jahrhundert hindurch in ihrem Reiche erhalten hatte, während innere Zwietracht die benachbarten Staaten zerrüttete, gilt als ein Beweis der Klugheit und Kraft ihrer Regierung; der Muth, den ihre Flotte und ihre Heere auf den Zügen nach Frankreich, den Niederlanden, Spanien, West- und selbst nach Ostindien zeigten, gab der Welt einen hohen Begriff von ihrer Macht zu Wasser und zu Land. Den natürlichen Anlagen dieser außerordentlichen Frau, den ungewöhnlichen Kenntnissen und Talenten derselben, steht die beispiellose Eitelkeit, für die schönste Frau ihrer Zeit gelten zu wollen, und mehr noch die allzu reizbare Heftigkeit ihres Charakters schroff gegenüber. Auch über ihr sittliches Betragen läßt sich wenig Rühmliches sagen. Neben Essex und Dudley werden noch manche Männer genannt, die für ihre Günstlinge galten. Die Geschichtschreiber, welche dieser Fürstin goldne Tage feiern, schildern die Glückseligkeit des Volkes unter ihrem Scepter mit glühenden Farben, obgleich ihre Regierung eine despotische war; absolute Gewalt von Seiten des Herrschers, pflichtmäßiger Gehorsam von Seiten des Unterthans, waren die von ihrem Vater aufgestellten Regierungsgrundsätze, denen auch Elisabeth treu blieb.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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