Elisabeth von Frankreich, Schwester König Ludwig's XVI.

Elisabeth von Frankreich, Schwester König Ludwig's XVI.

Elisabeth von Frankreich, Schwester König Ludwig's XVI., Philippine Marie Helene, von Frankreich, Schwester des unglücklichen Königs Ludwig XVI., schien durch die unbegrenzte Liebe, die sie für ihn empfand, recht eigentlich dazu bestimmt, sein bitteres Geschick zu erleichtern und zu theilen. Keine Ahnung der düstern Zukunft umschwebte ihre Wiege, denn heiter und lachend wie der Frühlingstag ihrer Geburt (sie ward als das jüngste Kind des Dauphins, Sohnes Ludwig's XV., und seiner zweiten Gemahlin der Maria Josepha von Sachsen, am 3. Mai 1764 zu Versailles geboren) schien ihr, welche die frohen Jahre einer glücklichen Jugend an dem prächtigsten Hofe Europa's, mitten unter den ausgesuchtesten Genüssen, die die Hoheit ihren Dienern den Künsten in's Sein zu rufen gebot, verlebte, eine lange ungetrübte Lebensbahn bestimmt zu sein. Wohl verlor sie schon früh die liebenden Eltern, doch begriff das Kind diesen Schmerz um so weniger, je kleiner es war, und als die treue Sorge der Gräfin von Marsän, Gouvernante der Kinder von Frankreich, ihr die mütterlichste Aufmerksamkeit weihte, da entfaltete ihr schönes Gemüth gegen diese die Blüthen kindlicher Verehrung und Dankbarkeit, die sie ihr stets erhielt. Mit der Gräfin theilte Frau von Mockau, als Untergouvernante, und der ehrwürdige Abbé von Montégut die belohnende Pflicht, für die Erziehung der jungen Prinzessin zu sorgen, und auf das Glänzendste entsprachen die Fortschritte der Schülerin ihren Bemühungen. Hohe Reizbarkeit und jenes Hinneigen zu ernstem, dem gewöhnlichen Kreise der Frauen fernliegendem Thun, das man so oft vorschnell tadelnd männlichen Sinn nennt, wenn ihn das Mädchen verräth, verwandelten sich bei Elisabeth durch den bildenden Eifer ihrer Lehrer in inniges, lebendiges Gefühl für das Gute und Schöne und in eine Charakterfestigkeit, die ihr das furchtbare Geschick, das ihrer wartete, würdig ertragen half. Ihr lernbegieriger Geist wählte mitten im Strudel eines üppigen Hofes vorzugsweise die Einsamkeit, um sich zu unterrichten, ja sie betrieb sogar mit bedeutendem Erfolg das Studium der Mathematik. Geschichte und Botanik waren ihre Lieblingswissenschaften, und wer auf dem Landhause zu Montreuil, das ihr der zärtliche Bruder Ludwig, nachdem er als der XVI. dieses Namens Frankreichs Thron bestiegen, geschenkt hatte, die schlanke, blendendweiße Gestalt mit dem kastanienbraunen Haar und dem freundlich lächelnden Munde unter den Blumen und Gesträuchen wandeln sah, der mußte ihr auch äußere Lieblichkeit zugestehen; obwohl ihr die glänzende Schönheit der majestätischen Schwägerin, Maria Antoinette, nicht zu Theil geworden war. Aus ihren frommen, blauen Augen schaute unverkennbar die Güte, die jede ihrer Handlungen bezeichnete, und wenn die Dankbarkeit nur wenige Züge davon erzählte, so tragt einzig die ängstliche Bescheidenheit, mit der sie stets bemüht war, ihre Wohlthaten zu verhüllen, die Schuld davon. Noch in der frühern Periode, als Ludwig XVI. den Namen eines Herzogs von Berry trug, ließ er sich impfen. Die treue Schwester Elisabeth wollte liebend sein Ungemach theilen und that daher dasselbe, damit aber der Schutz vor der schrecklichen Krankheit den Königskindern nicht allein werde, so ließ sie noch 60 arme, junge Mädchen zugleich impfen. Mehrere Jahre lang verwandte sie die Diamanten, welche sie von ihrem königlichen Bruder als Neujahrsgeschenk erhielt, zur Aussteuer eines armen Mädchens, das sie mit ihrer Neigung beehrte, und als der fürchterlich harte Winter, der dem Ausbruche der Revolution voranging, das größte Elend auf die durstigen Bewohner der Hauptstadt häufte, da erschöpfte sie ihre Mittel, um Hilfe zu senden. Sie und die herzogliche Familie von Orleans übten damals am Thätigsten das heiligste Vorrecht der Fürsten, umfassender unterstützen zu können, und als endlich das schwere Gewitter der Revolution sich drohend aufthürmte, immer naher und naher zog, und man sich vielfach noch besann, ob man wohl der äußersten Zerrüttung der Finanzen einige Opfer bringen solle, da ließ sie den Stallmeister kommen und befahl, daß die ersten in den königlichen Ställen abzuschaffenden Pferde die ihrigen sein sollten. Sie forderte zugleich was unverbrüchlichste Schweigen über diesen Entschluß, der sie eines Lieblingsvergnügens beraubte. In der Stille nur wollte sie handeln und walten, ja sie wurde sogar vielleicht auf immer der königlichen Stellung, die ihr Erbtheil war, entsagt haben und ihrer Tante Louise, bei der sie gern im Kloster der Carmeliterinnen zu St. Cyr verweilte, nach dieser Freistatt gefolgt sein, wenn nicht die hingebendste Liebe zu ihrem Bruder, dem Könige, der sie in seiner Nähe zu behalten wünschte, es verhindert hatte. Aus demselben Grunde schien es ihr auch ziemlich gleichgiltig, daß ihre beabsichtigte Vermählung mit dem Herzoge von Aosta, aus politischen Gründen rückgängig ward. Ueberdieß soll auch der deutsche Kaiser Joseph ihre Hand gewünscht haben. Weßhalb er sie nicht erhielt, ist unbekannt geblieben. Ihr hatte der Vorsehung unerforschter Rathschluß statt des deutschen Kaiserthrones, auf dem ein treuergebenes, friedliches Volk sie gesegnet hätte, ein Blutgerüst bestimmt. Nicht der Myrtenkranz der Bräute, sondern die Dornenkrone der Dulderin sollte ihre reine Stirn umziehen. Der 14. Juli 1789 eröffnete das große Trauerspiel Frankreichs, und obgleich Elisabeth sich nie in Hofintriguen, oder in Regierungsgeschäfte gemischt hatte, so erfaßte doch ihr Scharfblick, wie sie sich gezwungen sah, ihn auf das, was um sie her vorging, zu richten, bald das Rechte. Sie rieth zum kräftigen Einschreiten, als es noch Zeit war, der Empörungswuth ein Ziel zu setzen, zum Vorbeugen und Nachgeben später. Ohne Macht in das unaufhaltsam fortgerollte Rad des Schicksals einzugreifen, widmete sie sich von nun an bis zum Tode mit Aufopferung der eignen Sicherheit, einzig den Sorgen der Liebe. Immer enger sich an den bedrängten König und seine Familie anschließend, sprach sie dem Bruder oft Muth ein und bot vergeblich ihrer Beredsamkeit auf, ihn zur Flucht in's Ausland zu bewegen, ehe noch die wüthende Volksmasse sich am 5. October auf den Weg nach Versailles begab, um sie sämmtlich gefangen nach Paris zu führen. An jenem Gräueltage gelang es ihr, mehrere der treuen Gardes du corps, die im Schlosse selbst bei der Vertheidigung ihrer Herrscher niedergemetzelt wurden, zu retten. Mit dem Könige zog sie am darauf folgenden Morgen unter dem Toben der blutigen Menge in die Hauptstadt ein und bald verschwand dort die letzte Hoffnung auf eine bessere Wendung der Dinge. Die Tanten des Königs verließen um diese Zeit das aufgeregte Land und umsonst beschwor die brüderliche Besorgniß Elisabeth sie zu begleiten. Mit dem Stolze der Tugend, nicht dem der Fürstin, den Gefahren entgegen tretend, wandte sie manche Schmach von der verfolgten Königin, sprach manch entscheidendes Wort im schon seit einiger Zeit nöthig gewordenen Familienrathe, zu dem sie jetzt auch zugelassen wurde. Dort ward die an Mühseligkeiten und Demüthigungen so reiche Fluchtreise nach Montmédy beschlossen. Dunkle Vorgefühle eines unglücklichen Ausgangs bemächtigten sich Elisabeth's, noch ehe man sie angetreten, und als die geängstete Königsfamilie unter dem schirmenden Mantel der Nacht die Gange der Tuilerien, von wenig Getreuen begleitet, schweigend durchschritt, da glaubte sie im Schatten, an der Wand hingleitend, einen Verräther zu sehen. Wie die Flüchtigen zu Varennes angehalten, zurück gebracht und von da an auf das Genaueste beschränkt und bewacht wurden, ist bekannt. Auf das Schlimmste gefaßt und ergeben in den Willen des Höchsten wuchs Elisabeth's Heldensinn mit der trostlosen Lage. Am 20. Juni 1792 stürmte der Pöbel die Tuilerien, das Gebrüll der Tiger war Blut, das Blut der Königin! Unerschrocken, erstarkt an dem ungeheuern Weh, stellte sich Elisabeth ihnen an der Seite des Königs entgegen. Noch einmal bändigte der Anblick des einst verehrten Monarchen die entfesselten Gewalten für einen Augenblick; aber »die Oestreicherin, seht da die Oestreicherin, zum Tode mit ihr!« scholl es bald auf's Neue. Man hielt Elisabeth für Antoinetten und sie that nichts, diesen Irrthum aufzuklären. Der Chevalier St. Pardoux, einer ihrer Stallmeister, warf sich dem Mordeisen der Andrängenden entgegen und rief: Nein, es ist nicht die Königin, es ist die Prinzeß Elisabeth. »Warum sie entTäuschen,« entgegnete die Gerettete, »Sie hatten ihnen ein größeres Verbrechen erspart.« Der 10. August, wo möglich noch gräßlicher, folgte diesem Tage und durch Blut und Flammen, umtönt vom Getöse des Kampfes und dem entsetzlichen Geschrei der gemordeten Schweizer, begab sich Elisabeth mit dem Könige und seiner Familie in die Nationalversammlung, bei ihren Henkern selbst Schutz zu suchen. Bebend, und von so vielen Gräuelthaten wie vernichtet, mußte sie daselbst, eingeschlossen in die Loge eines Journalisten, die Thronentsetzung ihres Bruders aussprechen hören und ast 3 Tage lang Zeuge sein, wie über die Wahl eines sichern Kerkers für die königliche Familie berathschlagt wurde. Mit ihnen zugleich in den Tempel gebracht, errang ihre Seelenstärke abermals den Sieg. Sie vergaß sich und ihre Entbehrungen gänzlich und ward, da sie des Königs und der Königin Leiden nur wenig erleichtern konnte, deren Kindern eine zweite Mutter. Mit sorgsamer Hand pflegte sie die Keime der Tugend und Geistesgröße, welche die junge Prinzeß, als Herzogin von Angoulème, auf ihrer wechselvollen Laufbahn auszeichnen sollten. Den armen, kleinen Prinzen entriß man im Juli 1793 der Obhut seiner erhabenen Tante, sie sah ihn nicht wieder. Seit Beginn des Prozesses auch von dem Könige gänzlich getrennt, sah sie ihn nur an seinem Todesmorgen wieder, um Abschied von ihm zu nehmen. Den 2. August 1793 erneuerte sich diese herzzerreißende Scene mit der Königin, die nach der Conciergerie gebracht ward, um von dort das Schaffot zu besteigen. Nach 21 Monaten einer harten Gefangenschaft, die täglich grausamer ward, kam endlich auch die Reihe an sie. Den 9. Mai 1794 entriß man sie den Armen ihrer verzweifelnden Nichte, warf sie, den gröbsten Beleidigungen Preis gegeben, in einen Fiacre und brachte sie in die Conciergerie. Noch an demselben Abende verhört, hatte sie den Muth, den Blutrichtern, auf die übliche Frage nach ihrem Namen, zu antworten: Ich bin Elisabeth von Frankreich, die Tante eures Königs. Dadurch imponirte sie für einen kurzen Moment sogar diesen Unholden, doch am nächsten Morgen ward sie dennoch verurtheilt, und um ihr den Tod noch schrecklicher zu machen, sollte sie die Frauen, welche mit ihr zur Guillotine geführt wurden, vorher sterben sehen. Dennoch bewährte sich ihre Fassung bis an's Ende. Sie betete laut mit den andern Schlachtopfern, ermahnte sie zur Standhaftigkeit und umarmte Jede, die im Vorüberschreiten zum Blocke sich ehrfurchtsvoll vor der hohen Frau neigte. Ihr Tod endete diese unmenschliche Scene, und 30 Jahr alt starb so die edle, wahrhaft königliche Elisabeth! – Ihre Gebeine warf man untermischt mit den Leichnamen derer, die diese blutigen Hinrichtungen täglich wegrafften, in eine Grube bei Mousseaux: sie selbst aber wird unversessen bleiben, so lange noch die Bewunderung für wahre Größe, das Mitgefühl an fremdem Schmerze in den Menschenherzen nicht ganz erloschen ist.

F.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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