Fabel

Fabel. In jener schönern Zeit, wo noch die ganze Natur dem Menschen näher stand, wo jeder Baum, jede Blume lebte und selbst das zutraulichere Thier den Menschen mit sprechenden Augen ansah, in den Tagen, wo der Mensch noch ein harmloses Kind war, und unbefangen mit den ihn umgebenden Gegenständen spielte, in jener Zeit einer einfachen unschuldigen Sinnlichkeit entstand die Fabel. Kinder lieben das Erzählen, sie wollen im Sinnlichen das Geistige erschauen; ein Mährchen, eine Geschichte macht auf sie einen weit tiefern Eindruck als alle Ermahnungen und belehrende Vorlesungen; auch ziehen sie die moralischen Wurzeln leichter aus solchen erdichteten Vorfällen als aus selbsterlebten Ereignissen, mit denen sich Leidenschaft und Selbstbefangenheit vermischen, und wir werden leichter durch fremden Schaden klug als durch eignen. Dieß erkannten schon die ältesten Weisen; um eine Lehre, eine Moral, eine Maxime der Lebensklugheit zu veranschaulichen, gebrauchten sie ein Bild, ein Gleichniß, oder kleideten sie in das Gewand der Fabel. Die Fabel, die der didaktischen Poesie angehört, ist eine Art Allegorie, die vermittelst der Naturwelt auf die geistige Welt anspielt. Sie stellt ein Sinnbild hin, dem sie die Anwendung folgen läßt. Der Fabeldichter halt sich vorzugsweise an die Thierwelt, die ihm den Vortheil fest ausgeprägter, unwandelbarer Charaktere gewährt. Das Treffendste über die Fabel findet sich bei Lessing und Herder. Letzterer unterscheidet theoretische, moralische und Schicksalsfabeln, jenachdem sie entweder auf den Verstand oder auf Sittlichkeit, oder auf das Gefühl wirken sollen. – Die Fabel muß als Miniaturerzählung einfach in der Darstellung und kurz an Umfang sein, weil die Einbildungskraft die ihr zugemuthete Illusion zwar gern aufnimmt, aber ermüdet wird, wenn sie dieselbe lange unterhalten soll. Die Heimath der ältesten Fabeln ist der Orient; unter den indischen zeichnen sich die von Bilbai, und unter den arabischen die von Lockmann aus. Der berühmteste unter den griechischen Fabeldichtern ist der selbst fabelhafte Aesop, dem unter den Römern Phädrus nachahmte. Auch die deutsche Literatur hat mehrere gute Fabeldichter aufzuweisen, unter den ältern z. B. Boner, der unter dem Titel »Edelstein« eine Sammlung von hundert Fabeln herausgab, und Burkard Waldis aus dem 16. Jahrhundert. Unter den Spätern sind besonders Pfeffel, Lessing und Gellert zu bemerken. Unter den Franzosen nennen wir Lafontaine, und unter den Engländern Gay. – In einem weitern Sinne versteht man unter Fabel die geschichtliche Basis epischer und dramatischer Dichtwerke, das historische Gerippe zu dem ganzen poetischen Körper derselben.

E. O.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Fabel — is a critical term and dramaturgical technique pioneered by the twentieth century German theatre practitioner Bertolt Brecht. Fabel should not be confused with fable , which is a form of short narrative (hence the retention of the original German …   Wikipedia

  • Fabel — Sf lehrhafte Erzählung, Handlungskern erw. fach. (13. Jh.), mhd. fabel[e] Entlehnung. Ist über afrz. fable entlehnt aus l. fābula Erzählung, Sage, Rede , einer Ableitung von l. fārī sprechen . In diesen Sinn gibt das lateinische Substantiv gr.… …   Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache

  • Fabel — (v. lat.), 1) erdichtete Erzählung, insbesondere der thatsächliche Hergang, welcher einem epischen od. dramatischen Gedichte zu Grunde liegt u. gleichsam das Skelett desselben bildet, im Gegensatz zur Ausführung u. Charakteristik der Einzelheiten …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Fabel — Fabel: Das schon mhd. bezeugte Wort wurde durch frz. Vermittlung (afrz., frz. fable) aus lat. fabula »Erzählung, Sage« entlehnt. Bis ins 18. Jh. galt »Fabel« ausschließlich in dieser allgemeinen Bedeutung, wie sie noch erhalten ist in den… …   Das Herkunftswörterbuch

  • Fabel — (lat. fabula) ist einerseits die Bezeichnung für die poetische Handlung einer erzählenden oder dramatischen Dichtung und bildet in diesem Sinne den Gegensatz zu den Charakteren, anderseits die Bezeichnung für eine bestimmte in Urzeiten… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Fabel — (lat. fabŭla), Gattung der erzählenden Dichtung, in der der unbeseelten Natur, bes. der Tierwelt, Vernunft und Sprache verliehen wird, meist mit moralisierender oder satir. Nutzanwendung auf die Fehler und Schwächen der Menschen; auch der Stoff… …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Fabel — Fabel, vom lat. fari, reden, die Erzählung, besonders die erdichtete, das Mährchen, dann der Inbegriff von Handlungen und Ereignissen, in welche die Charaktere u. Ideen einer epischen od. dramatischen Dichtung gekleidet werden, den Ausdrücken… …   Herders Conversations-Lexikon

  • Fabel — Un nom rare en France, porté aujourd hui surtout dans la Seine Maritime, mais qui vient de l est. Il est en effet plus courant en Allemagne, et correspond au prénom Fabien …   Noms de famille

  • fabel — fabel(l var. of favel …   Useful english dictionary

  • Fabel — Wilhelm von Kaulbach: Illustration (1857) zu Goethes Reineke Fuchs …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”