Frankreich (Moden)

Frankreich (Moden)

Frankreich (Moden). Das regsame, erfindungsreiche Frankreich gilt uns seit langer als hundert Jahren für das eigentliche Mutterland der Moden. Unbesiegt von dem britischen Nachbarstaate, der in diesem Gebiete, wie in so manchem Wichtigern, mit ihm um den Vorrang kämpft, dictirt es seine Verschönerungsgesetze der weiblichen Welt fast aller civilisirten Nationen Europa's, von dem Eise der Newa, bis zu den Fluthen des Tajo und den italienischen Städten, die ihm in grauer Vorzeit ihre Stoffe sandten und deren Anwendung lehrten. Damals wechselte der Schnitt des Anzuges noch selten und bestand z. B. im 12. Jahrhunderte nur in einer einfachen, leicht gegürteten Tunika, Mantel und Schleier. Mit dem Entstehen größerer Hofhaltungen begannen die Moden. Aus Toscana und der Lombardei zogen die ersten Seidenhändler nach Paris (die Straße, wo sie wohnten, heißt noch heute rue des Lombards) und die königliche Republik Venedig lieferte im 13. Jahrhunderte und schon früher Federn, Edelsteine, Teppiche und andere Luxusgegenstände, die ihre reichen Handelsflotten aus den Morgenländern einführten.. Schon durch die Kreuzfahrer waren aus dem glanzvollen Oriente fremde Sitten und neue Kleiderformen nach Frankreich gekommen und hatten sich mit der alten galischen Tracht vermischt und sie verschönert. Das breite turbanähnliche Barett mit wogender Feder und funkelndem Kleinod, die faltigen Ueberwürfe oder Mäntel, das nette Wams und die der ungarischen ähnliche Fußbekleidung der Männer, harmonirte trefflich mit dem weiten Gewande der Frauen, das nur ein knapp anliegendes, miederartiges Kleidungsstück um die Taille herum fesselte. Vom Gürtel der fleißigen, ihrer Wirthschaft noch persönlich vorstehenden Damen und Ritterfrauen (chàtelaines) jener Zeit, hing an mehr oder minder kostbarer Kette das Schlüsselbund, der Almosenbeutel (aumonière) oder Scheren und Nadeletui, ein Gebrauch den man unlängst unter dem Namen chàtelaine zum Putz wieder aufnahm. Unter Ludwig VIII. durften nur Verheirathete den Mantel tragen und die Kleider wurden so lang, daß, nach dem Zeugniß alter Schriftsteller, die Prinzessinnen am Hofe Ludwig's des Heiligen beim Gehen ihre Gewänder herausnehmen mußten, um nicht darauf zu treten. Im Jahre 1364 glich der Kopfputz der Witwen ganz dem der Nonnen, auch trug man große Mützen, die in Form eines Herzens das Haupt umgaben, das Kinn bildete die Spitze und Perlenschnüre faßten sie ein. Allmälig verlängerten sich die beiden obern Ecken dieser sonderbaren Hauben so gewaltig, daß sie ein Paar Hörnern glichen. Darunter befand sich, um sie zu unterstützen, ein wahres Gerüst von Lederriemen und Fischbein, und an jeder Seite hatten sie so breite Ohren, daß die Dame, welche damit verputzt war, kaum durch eine Thür schreiten konnte, ohne ihren Kopfschmuck in Gefahr zu bringen. Unter Karl VI. dessen berüchtigte Gemahlin Isabeau von Baiern zuerst das in Italien schon längst herrschende Entblößen der Schultern und des Busens in Frankreich heimisch machte, nahmen die Mützen Zuckerhutsgestalt an und ein Schleier hing von ihnen herab. Kreuze von edlen Steinen, die man sonst aus Andacht trug, wurden zur Zierath, und die Scharlachfarbe, ehedem nur Fürsten und den vornehmsten Rittern zu tragen erlaubt (das Wort rouge ist im Altfranzösischen synonym mit stolz), fand auch anderweitige Verwendung. Die Seidenzeuge hatten bereits das sonst selbst im Sommer gebräuchliche Pelzwerk verdrängt und mit dem 16. Jahrhunderte wanderten aus Spanien die verderblichen Schnürbrüste oder Fischbeinleiber ein, die anfänglich aus hölzernen Schienen zusammengesetzt waren und den Körper so einzwängten, daß er Schwielen und Hornhaut bekam. In ihrem steifen Gefolge befanden sich die Vertugadine oder Guard' infantes, die hohen Kragen, die aufgeschlitzten Aermel und der Filzhut, der erst unter Franz I. allgemein ward. Spät entschied man sich für die schwarze Farbe desselben; die ersten Hüte waren rund, farbig, mit Pelzwerk gefüttert und mit Juwelen und Federn geschmückt. Man befestigte ihn mittels Schnüren und diese hinderten ihn am Herabfallen, wenn er, nach damaliger Mode, beim Abnehmen nachlässig auf den Rücken geworfen ward. Die Schnuren endeten in eine oder mehrere kostbare Quasten, je nach dem Range des Besitzers, und als die elegante Welt aufhörte, sich dieses an den chinesischen Mandarinenknopf erinnernden Abzeichens der Stände zu bedienen, behielten die Geistlichen der ersten Klassen es bei. Noch jetzt sehen wir dergleichen alterthümliche, mit Schnuren und Quasten versehene Hüte über dem Wappen der vornehmsten Bischöfe und Prälaten. Das bekannte Sprichwort »auf einem großen Fuße leben« entstand ohne Zweifel durch eine eben so barocke Moderangordnung des 14. Jahrhunderts, die durch die Länge des Schuhes den Stand bezeichnete. Der Schuh eines Prinzen maß dem zu Folge 2 ½ Fuß, der eines Barons 2 und der eines bloßen Edelmannes 1 ½ Fuß. Die Damen scheinen von diesem wunderlichen Vorrechte niemals Gebrauch gemacht zu haben, und wenn auch gewiß die Hüllen ihrer Füßchen von der Mode nicht unangefochten blieben und vielfältige Veränderungen erlitten, ehe sie Absätze bekamen, so erwähnt doch die Geschichte jener Zeit vorzugsweise, daß Agnes Sorel, die berühmte Geliebte Karl's VII., welche auch zuerst Diamanten bei ihrer Toilette anwandte, ein Paar Strümpfe von aus Spinnenweben gewonnenen Faden besaß. Der Versuch. auf diese Weise ein wohlfeileres Ersatzmittel für die noch sehr kostspielige Seide zu gewinnen, scheint jedoch wegen der ungeheuern Menge Spinnennetze, die man dazu bedurfte, nicht wiederholt worden zu sein. König Heinrich II. und die große Elisabeth von England trugen die ersten seidenen Strümpfe, die jedoch gestrickt waren Das Wirken erfand ein Engländer und erst 1656 legte man in Frankreich eine Strumpfwirkerei, 9 Jahre darauf die erste Spiegelfabrik an. Zu Festen und Bällen mußten die Zwickel der Strümpfe in Gold oder Silber gestickt sein, auch richteten sie sich mit ihrer Farbe nach der des Kleides. Militärs trugen gewöhnlich feuerfarbene und elegante Damen grüne mit rosenrothen Zwickeln. Die weißen Strümpfe kamen viel später in Aufnahme. Den üblichen Kopfputz der Frauen bildeten, mit tausendfachen Abänderungen, Schleier und Hauben von den abenteuerlichsten Formen. Unter Franz I. fing man an die Haare in kleine Löckchen zu kräuseln, sie zu frisiren, setzte aber noch immer eine Toque oder dergleichen darüber. Margarethe von Valois, die erste Gemahlin Heinrich's IV., ließ Edelsteine und Federbüsche darauf anbringen. Ungeheure Spitzenmassen (Kragen, Krausen, Fraisen) begruben in ihren großen Falten den Hals der Schönen jener Epoche, und fast lächerlich erscheint uns gegenwärtig das Portrait der lieblichen Gabriele d'Estrées, deren niedliches Köpfchen auf einem mächtigen Spitzenstreife wie auf einer weiten Schüssel ruht, während die engen Aermelchen aus einem harnischartigen Leibrocke steif hervortreten. Mit Maria von Medicis, der zweiten Gemahlin Heinrich's IV., kam eine neue Art, den Busen gleichsam einzurahmen, an dem französischen Hofe auf. Vor einigen Jahren erschien diese Mode wieder, und gewiß erinnern sich noch Viele unsrer Leserinnen der am Ausschnitte des Kleides angebrachten, stehenden Kragen mit hinten überhängender, breiter Spitzenbesetzung, die man à la Medicis nannte. Verwandt sind sie denen, die den Namen von der vielgepriesenen Maria Stuart, die ja durch Herz und Erziehung auch dem schonen Frankreich angehörte, tragen, nur gehen diese höher an den Hals hinauf und biegen sich erst an den Zacken, in denen sie meistens enden, etwas zurück. Zum großen Vortheil dieses Weißzeuges erfand man damals in England die Stärke, und es spielt seitdem mit unendlichen Variationen eine bedeutende Rolle in der Geschichte der Moden. Weiter vorwärts schreitend, nahmen diese einen immer schwerfälligern Charakter an. Die Stoffe überreich und geschmacklos, nähern sich immer mehr dem Hochzeitskleide unter Ludwig XlV., das in unverwüstlicher Dauer das lebenslängliche Prunkgewand der Eignerin bleiben konnte und oft blieb; aber das eigentliche Unwesen in der Kleidung begann mit der Regierung dieses Königs. Der Anzug der Männer hatte sich längst, gleich dem der Frauen, seiner natürlichen frühern Annehmlichkeit entäußert. Durch unmerkbares Abstufen war der pourpoint zum habit français, die galischen braccae zu den engen, die Umrisse der Gestalt genau markirenden, Unterkleidern geworden. Die vor Alters gebräuchliche Kapuze, welche den aus mittelalterlichen Gemälden uns bekannten Schauben oder Gugeln unsrer Voreltern glichen, und das ihr alsdann substituirte malerische Barett, hatte längst dem Hute Platz gemacht, doch trug man ihn noch auf dem Kopfe; jetzt änderte auch dieß sich; er ward unter den Arm verwiesen, das Reich der Perücken begann. Seitdem nämlich die Fürsten und der Adel nicht mehr so eifrig dem Kriegshandwerk oblagen, ließen sie auch ihr ehedem kurz geschnittenes Haar wachsen und verwandten dieselbe Sorgfalt darauf, wie die Damen, denen sie damit nachäfften. Bald hielt man es für unanständig, bei Hofe anders als mit langem, frisirtem Haar oder einer dergleichen Perücke zu erscheinen. Diese bestand anfänglich nur aus langen, glatten, mittels einer Nadel einzeln angereihten und an ein schwarzes Käppchen genäheten Haaren. Diese Käppchen waren von Sammt, Atlas oder anderm Stoffe. Aus Leder verfertigte man sie später. In der Folge wurden sogar gläserne und Drahtperücken erfunden. Der Puder, welchen man auf sie zu streuen pflegte, ist äußerst alten Ursprungs. Außer dem weißen bediente man sich auch des grauen und schwarzen, ja es gab sogar ein Mal rosa und grünen. Der blonde, welcher bei der Trauer um einen französischen Prinzen gebraucht wurde, fand vielen Beifall, weil er zu Schwarz so gut kleidete, und vielleicht wäre sogar das unter den Römern bereits übliche Pudern mit Goldstaub wiederum an der Seine en vogue gekommen, wenn nicht der große König Ludwig XlV., das Orakel für die Frivolität seines Hofes, eine entschiedene Abneigung gegen den Puder überhaupt gehegt hätte. Nur mit Mühe gelang es einer seiner zahlreichen Maitressen, ihn zu bewegen, sich etwas davon auf seine ungeheure schwarze Perücke aufstreuen zu lassen und ihr dadurch einen mildern Farbenton zu geben; aber die Perücken erhielt sein Machtwort in um so größerm Ansehen, weil er den Höflingen nur bei Landpartieen, Jagden und im Kriege erlaubte, ihr Haar fest zu knüpfen und aufzubinden. Demnach wurden sie mit einem Bande umflochten und in einen kleinen, taffetnen Sack gesteckt, was zur Entstehung der Haarbeutel, die gegen das Ende des 18. Jahrhunderts zur vollen Staatskleidung eines vornehmen Herrn gehörten, Veranlassung gab. In den ersten Jahren ihres Flors hing man die Haarbeutel sogar den Pferdeschweifen an, indem die damals Mode werdende, englische Manier, sie abzuschneiden, in Wirksamkeit trat. und doch Viele die natürliche Zierde ihres Gespannes nicht aufopfern wollten, gleichwohl aber auch für altmodisch gehalten zu werden fürchteten. In dieser unangenehmen Alternative boten die beliebten Taffetsäckchen also den besten Ausweg. Noch erwähnen wir des Impulses, welchen die Majestät der sogenannten Allongenperücken der Toilette der geschnürten und frisirten Damen jener Zeit gab. Als nämlich ihre Verehrer in voller Pracht dieser imposanten Lockenfülle, die sich nicht wenig breit machte, einherstolzirten, da erwachte in Ludwig's XlV. Herzen das rührendste Mitleid für die Göttinnen seines Hofes, denen dieser Schmuck fehlte. Wohl verwandelte sie längst der immer mehr erweiterte Vertugadin vom Gürtel herab in einen spazierenden Mörser, wohl trug man schon den wirklichen Reifrock (die Franzosen nannten sie paniers, weil die ersten einem Käfig, Korb, worin man Federvieh verwahrt, glichen), aber als der König in Folge obigen Bedauerns geäußert hatte, die Damen mochten doch, um den Allongenperücken würdiger zur Seite zu stehen, ihren Hüften noch mehr Umfang zu geben suchen, da dehnten sich die Reifröcke in's Abnorme. Ihre Formen und Beinamen waren äußerst verschieden. Einige hießen à gondole, andere à guéridon, wieder andere à coude, weil man den Ellenbogen darauf legen konnte, noch andere à cadets, die nur zwei Finger über das Knie gingen. Den Triumph dieser Unnatur im Anzuge, erhöhten die aufgethürmten, mit Federn und Blumen überladenen Frisuren, welchen jedoch in der Folge noch höher zu steigen bestimmt war, ferner die Absatz- oder Stöckchenschuhe, die unerläßliche Schminke, durch Katharina von Medicis in Frankreich eingeführt, und das häufige Anbringen der Schönpflästerchen (mouches), die inzwischen auch schon nichts Neues mehr waren. Nebenbei liebte man die Schäferspiele und verwirklichte gern die Fabeln von den Göttern des Olympos; aber Zeus trug die unentbehrliche Allongenperücke, Apollo alles de pigeon, Frau Venus den Reifrock und Thirsis wie Chloe balancirten den Schäferhut mit vieler Grazie auf der höchsten Höhe ihrer enormen Frisuren. Die alten Helden der Geschichte, ob Römer, Griechen oder Asiaten gleichviel, die Corneille und Racine der französischen Tragödie zuführten, hatten größtentheils dasselbe Geschick, rücksichtlich des Costüms auf der Bühne, zu dem bei solchen Stücken höchstens Harnische kamen; aber wahrhaft zu bedauern war die der ganzen Tyrannei jenes Putzsystems schon frühzeitig hingegebene Jugend. Es gab damals dem Ansehen nach fast gar keine Kinder, sondern nur kleine Herren und Damen, Miniaturen ihrer Eltern mit chapeau bas und toupee oder steifen Röcken und wespenartig geschnürten Körperchen. Der Kopfputz des kleinen Mädchen's ahmte so viel nur möglich dem der Mama nach und dieser verdankte wiederum seine vielfachen Abänderungen den unbedeutendsten Zufällen, welche die Frisuren der gefeiertesten Schönheiten in diese oder jene Lage brachte. Man denke nur an das Stirnband der Herzogin von Fontanges. So wie indeß das Alter und mit ihm die Frömmigkeit über Ludwig XIV. kam, änderte auch die Mode an seinem Hofe in etwas die frivole Außenseite. Die hellen Farben verschwanden, faltige Halstücher bedeckten die weißen Nacken und Frau von Maintenon begnügte sich nicht damit, das Herz des Königs und dadurch das Reich zu beherrschen, auch ihre Haube, ein spitzes, steifes, recht klösterlich aussehendes Ding, pflanzte sich siegreich auf die Häupter, die noch unlängst Rosen und Locken in Unzahl getragen hatten. Auf die reizende Henriette von England war eine Prinzessin von der Pfalz als Schwägerin des Königs gefolgt. Reizlos und dem Putze herzlich gram, that sie ebenfalls das Ihrige, das Verhüllen zu befördern, wie die Montespan und deren Nachfolgerinnen während Ludwig's Jugend das Gegentheil liebten. Von ihr schreibt sich jene Pelzbedeckung her, die man noch heute nach ihrem Namen (princesse palatine) eine Palatine nennt; die Müsse kannte man schon, und kokettirte mit ihnen im Winter wie zur Sommerzeit mit den ansehnlichen Fächern, trotz der neuen, nur wenig Jahre dauernden Strenge. Mit dem Tode des alten Monarchen sanken alle Schranken, die zu späte Reue ihm dem Leichtsinn seines Hofes setzen ließ. Die Schwelgerei mit ihrem bunten Gefolge hatte sich schon früher zu den Orgien des Herzogs von Orleans geflüchtet, die Mode fehlte nicht darunter. Gänzlich frei gegeben, schwang sie auf's Neue den Zauberstab, und wenn wir über ihre unedlen Erzeugnisse während der Regentschaft hinwegeilen, finden wir unter Ludwig XV. die Menschen durch sie ganz und gar in Carikaturen umgestaltet wieder. Breite und künstliche Höhe, so viel nur immer thunlich, schien das einzige Streben der Toilette. Falsche Haare, Flor, Edelsteine, seltene Perlen (die künstlichen waren unter der vorigen Regierung erfunden worden), Blumen, Federn wurden auf die Häupter gethürmt. Thiere und Menschen vorstellende Figuren, mit ganzen Landschaften kamen dazu, und außerdem die unsinnigste Ausgeburt der Mode, die sogenannten Gefühlsbussen. Sie sind eine fast fabelhaft erscheinende Kuriosität aus jener Epoche, welche forderte, daß die Damen auf ihrem Haarputze alle die Gegenstände, die ihnen werth waren, anbrachten. So gewahrte man einst im Theater auf dem Kopfe der Herzogin von Penthièvre in der Mitte eine Frau, die mit dem Kinde an der Brust auf einem Lehnstuhle saß, den Herzog von Valois mit seiner Amme darstellend; ihr zur Rechten fraß der Lieblingspapagei der Frau Herzogin eine Kirsche, zur Linken paradirte ein Lieblingsnegerknabe. Das Haargebäude, was zur Unterlage diente, bestand aus Haaren der Herzoge von Chartres, von Penthièvre und von Orleans, dazwischen befanden sich auch noch Bandschleifen. Steine und Blumen. Das Ganze war so hoch und umfangreich, daß es fast das Vordertheil der Loge füllte. Jean Jacques Rousseau war der Erste, welcher das große Werk unternahm, diesen Abschweifungen des gefunden Menschenverstandes entgegen zu treten. indem er sie an ihrer Wurzel faßte. Er widmete seine geistreiche Feder der unterdrückten Natur und der Erziehung und schrieb so nachdrücklich, daß seine Ansicht endlich wirklich Eingang fand. Die Erwachsenen konnten und wollten so rasch ihre Kleiderunwesen nicht ändern, doch sahen sie theilweise die Lächerlichkeit und üblen Folgen ein und man begann die Kinder zum Einfachern zurückzuühren. Was England schon längst seiner Jugend gestattete, ein weites Matrosenkleidchen, matelotte, Blouse, das weder Bewegung noch Wachsthum hemmt, ward nun auch den armen gequälten Kleinen in Frankreich. Der als Egalité nachmals so übelberüchtigte Herzog von Orleans fing seiner Seits an, die englische Männertracht, den Frack und reading-cott (franz. redingote) in die Mode zu bringen, und als dieser noch mit Nachdruck von dem habit français bekämpft ward, als die bejammernswerthe Gemahlin Ludwig's XVl., Maria Antoinette von Oestreich, der geschmacklosen Tracht ihres Standes entschlüpfte und dort, wo sie nur der Freude, nicht der Repräsentation lebte, ein einfaches, weißes Gewand um die schonen Glieder, die bald der furchtbare Samson von der Guillotine schleifen sollte, wallen ließ, als ihr puderloses, blondes Gelock ein schmuckloser Strohhut deckte, da brachen die Gräuel der Revolution über das unglückliche Land und seine verlorenen Beherrscher. Was nur irgend an die ehemalige Gewalt der in den Staub getretenen Aristokratie erinnerte, galt für verpönt. An die Trachten, Erfindungen des gesunkenen Hofes kam mithin zuerst die Reihe der Vernichtung. Naturgemäßer und volksthümlicher sollten sie werden, und so erwünscht auch diese Veränderung an und für sich war, so sehr schritt man auch hier zum Extrem; dennoch ward der Sanscülottismus und die carmagnole nie von der Nation durchgängig adoptirt. Der Volkswuth genügte es, das Bestandene zu beschimpfen, es zu bessern vermochte sie nicht. Der Schule David's war es vorbehalten, den Uebergang von den altfranzösischen Moden zu denen unsrer Tage vorzubereiten. Im Atelier dieses großen Malers, des hitzigen Republikaners, entstand, geweckt von der blinden Verehrung für das Antike, der Gedanke, sich zu kleiden, wie die Griechen oder Römer, die ewigen Modelle der Schönheit und Kraft. Schon war man bemüht gewesen, ihre Staatsverfassung einzuführen; man nannte sich Agamemnon und Brutus, warum sollte man nicht ihre Toga tragen? Die Schüler David's thaten es, und obschon die Verschiedenheit des Klima's ihres Enthusiasmus spottete, so sah man doch eine kleine Zahl von ihnen standhaft bei dem einmal gefaßten Entschlusse beharren, selbst dann noch, als sie wahrnehmen mußten, wie wenig Proselyten sie machten. Dennoch war damit der erste Anstoß gegeben. Das griechische Gewand zog die Frauen an, die Fischbeingerüste u. s. w. kamen in Vergessenheit. und die, welche nach der blutigen Periode der Revolution bei den Festen des Directoriums erschienen, trugen anliegende Gewänder, die nach Art der Antike gemodelt sein sollten; aber freilich lauter Hebegestalten erforderten, um erträglich zu sein Hatte man ehedem unter der Unmasse von Fälschungen körperliche Fehler geschickt verborgen, so warf nun die unerbittliche Mode, gleichsam übermüdet im Gaukelspiel ihrer Laune, den alten Ueberfluß von sich und verlangte unbarmherzig Schönheit, um zu schmücken. Aus dieser Epoche glänzen die Namen der lieblichen Madame Tallien und Recamier wie helle Sterne. Ihren wahrhaft griechischen Wuchs vermochten die kurzen Taillen, ihre edle Physiognomie die winzigen Jäckchen nicht zu entstellen, so wenig, wie der Reifrock nebst Zubehör es vermocht hätte. Josephine Beauharnois, nachmalige Madame Bonaparte und Kaiserin (am Kaiserhofe wurden die Schleppen zum Etiquettencostüm aufgenommen), stand ihnen würdig zur Seite im Reiche der Schönheit, und als der Kriegsgott unter ihres zweiten Gatten siegreichen Fahnen den ehernen Schritt ertönen ließ, da verschwanden auch allmälig die in's Burleske und Grotteske verzerrten englischen Männermoden. Ein Incroyable jener Zeit, der bis über die Ohren in der unermeßlichen Cravatte, welche der wallähnliche Rockkragen noch überragt, steckt, während die für einen Antinous berechneten Unterkleider oft gar jämmerliche Storchbeinchen umhüllen und ihre Contoure mehr bezeichnen, als zur ästhetischen Anschauung gehört, gibt ein gar possierliches Bildchen, und wir haben Ursache, uns zu freuen, daß durch die martialischen Einflüsse des Kaiserthums eine passendere, das heißt, besser anzusehende Herrentracht eingeleitet wurde. Das Griechische unter den Damen erreichte ebenfalls seine Endschaft, man that ein Wenig Falten dazu und nochmals ein Wenig. Man verlängerte die Taille und die Hutschirme, bis daß Beide wieder in's Ungebührliche wuchsen. Auch Deutschland, die überrheinische getreue Nachahmerin der französischen Moden hatte unterdessen seine Griechinnen gehabt, und wir dürfen nur die Almanachs unsrer Mamas nachschlagen, um dieß zu bemerken. Jetzt sind wir nun schon wieder retrograde zu den kleinen Hütchen derselben (à la Luise von Voß), die wir jedoch Bibi nennen, geschritten, doch behielten wir noch die gewaltigen Dimensionen der jupons und Aermel der neuesten Laune bei, und werden sie behalten, so lange es der Fee Mode in Frankreich gefällt. Wohl bedürfen wir zu unsern heutigen Anzügen eine bedeutende Menge Stoff, aber es darf auch nicht übersehen werden wie unendlich wohlfeiler die Erfordernisse der Frauentoilette sind, als sonst; und wenn auch zuweilen die Klage über geringere Dauer ertönt, so sei man nicht ungerecht, sondern freue sich lieber der Zeit, wo die Fürstin den starren Goldstoff von sich thut und das leichte Mousselingewebe gleich der Bürgerin wählt. Juwelen, kostbares Pelzwerk, Blonden u. dgl. werden immer das Vorrecht der Höhergestellten und Reichen sein; auch der echte türkische Shawl (die ersten wurden von Napoleon's Offizieren von Aegypten nach Paris gebracht) wird ihr Antheil bleiben, aber schönre dem Glanze der Farben und der Reinheit der Zeichnung nach webt man in Terneaux's Fabrik. Paris, das große Zeughaus der Moden, hat deren für alle Stände, für jedes Vermögen. Man hascht nur nach Neuheit, und wenn in England das Echte über den Geschmack selbst geht, so fragt man hingegen in Frankreich weniger darnach, wenn nur die äußere Form nicht kürzlich schon dagewesen ist. Deßhalb greift man neuerlich, um neu zu sein, nach dem Altmodischen. Der mittelalterliche Geist, der Ausfluß der romantischen Poesie, will Alles gothisch, und neben dem Salon mit einem Ameublement von Accajou- oder Citronenholz, treffen wir auf das Boudoir mit Fenstern en ogive und Schnitzwerk zeigenden Schränken; ja man ist nicht einmal damit zufrieden, sondern zu einer fashionablen Einrichtung gehört nothwendig noch ein drittes Zimmer à la Louis XlV., wo uns vom Kamin die auf ihrem alten Platze wiederum instaliirte Pagode entgegennickt. Kleinigkeiten von Porzellan umgeben sie wie ehedem, oder belasten auch noch die Tischchen mit Rehfüßchen ganz wie sonst. Mit dem Pudern hat man einen mißlungenen Versuch vor Kurzem gemacht, behüte uns die Zukunft vor den Reifröcken!

F.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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