Günderode, Karoline von

Günderode, Karoline von, eine eben so durch seltene Gaben des Geistes und Herzens ausgezeichnete, wie durch ihr tragisches Ende bekannte, deutsche Dichterin, war 1780 zu Carlsruhe geboren, und Tochter des Kammerherrn und Hofraths W. v. Günderode. Von mehreren Schwestern, die frühzeitig starben, blieb sie allein zurück und erblühte zur Freude ihrer Eltern in seltener Fülle der Gesundheit und reizender Körperschöne. Ihre Gestalt war groß, ihr blaues Auge voll Geist, ihre Physiognomie edel, ausdrucksvoll. Ihre Phantasie glühte für alles Edle und Große, ihre Gefühle durchloderte ein schwärmerisches Feuer, ihre Empfindung war tief und innig, über ihr ganzes Wesen der Stempel der Genialität ausgedrückt. Dieß Alles und ihr tragisches Ende erwarben ihr mit Recht den Namen der deutschen Sappho. Ihre »Gedichte und Phantasien,« welche sie unter der Pseudonyme Tian herausgab, durchweht eine seltene poetische Glut und läßt ahnen, was die Dichterin in späteren Jahren bei einer mehrgeregelten Phantasie geleistet haben würde. – Liebe war das Lebenselement dieser hohen Seele und Liebe ihr Tod. – Auf eine früh getrennte Verbindung folgte eine zweite, mit glühender Phantasie genährte Leidenschaft. Schon träumte sie von ihrem höchsten Erdenglücke, von ihrer nahen Verbindung mit dem Gegenstande ihrer Neigung und schwelgte in den Vorgefühlen einer Seligkeit, die ihr Geist sich mit Sonnen und Sternen ausgeschmückt; da traf sie plötzlich, wie der Blitz aus heiterm Himmel, auf dem Schlosse einer befreundeten Familie am Ufer des Rheins ein Brief, der all ihre irdische Seligkeit vernichtete. Sie sollte entsagen; mit ehernen Zügen schilderte das Schreiben die Unmöglichkeit der Erfüllung ihres höchsten Lebenswunsches. Unbemerkt entfernte sie sich Abends aus dem Freundeskreise, steckte einen Dolch zu sich und ging an das Ufer des Stromes. Mit dem Rücken gegen das Wasser drückte sie sich zu wiederholten Malen den tödtenden Stahl in die Brust, in der Absicht rücklings in den Strom zu stürzen und von ihm fortgerissen zu werden oder in demselben unterzusinken, da sie mehrere Steine in ihren Shawl gebunden hatte. Sie blieb jedoch am Ufer liegen und am folgenden Morgen fand ein Landmann die blutige, noch im Tode schöne Leiche der Unglücklichen. Es war im Sommer 1806. – Sechs und zwanzig Jahre alt, blühend und kräftig, geliebt und geehrt endete sie, alle diejenigen, welche sie kannten, mit Schmerz und Mitleid erfüllend. Ihr Herz war trefflich, aber es mußte brechen unter der Uebermacht ihrer Phantasie und ihrer zügellosen Leidenschaft. Nachweisungen über ihr Leben und die Motive zu ihrem freiwilligen Ende finden sich in »Bettina's Briefwechsel.« – Ihre sterbliche Hülle ruht auf dem Kirchhof zu Langenwinkel im Rheingau.

B.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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