Gebirge

Gebirge. Das erhabene gigantische Gerüste, in welchem die fruchtbringende Erde ruht, das Riesengebäude, von welchem alle Vegetation sich wie schwebendes Gartenland zu den Tiefen des Meeres hinabneigt, nennt man Gebirge. Sie bilden Kränze von Bergen, schließen Hochebenen ein und ziehen sich als eine Kette von Gipfeln, Kämmen, Thälern und Abgründen nach allen Weltgegenden bis zum entlegensten Meeresgestade herab. Gebirge constituiren die natürlichen Grenzen der Länder, dämmen Meere, weisen Strömen ihre Richtung an, umringen Seen, saugen Dämpfe und Nebel in sich, ziehen die Wolken an, tragen undurchdringliche Wälder auf erhabenem Rücken und sind Wetterscheiden. Vor Allem sind sie es, an denen das ganze weite Gebiet der Länder wie an den jugendlichen Brüsten der Mutter sich sättigt und stillt, denn aus ihrer geheimen Werkstatt strömen Bäche und lasttragende Flüsse. Gebirgen verdanken wir alle Metalle, Steine und vulkanische Produkte. Brasiliens Gebirge sind mit Diamantengruben angefüllt, persische und indische Frauen schmücken sich mit Juwelen aus den tibetanischen Hochgebirgen. Das Himalayagebirge, das höchste und erhabenste der Erde, mit seinem 26,264 Fuß hohen Dawala-Ghiri, dessen Arme sich nach Norden über Tibet und die Bucharei, nach Süden über ganz Indien ausbreiten, ist das asiatische Centralgebirge, die Wiege des Menschengeschlechts, mit schöner, jugendlich blühender, üppiger Vegetation, voll Quellen, voll duftender Naphthagruben, mit Blumenteppichen überhangen und auf seinen Gipfeln ewig starrende Eisgletscher tragend. In Amerika sind es die Cordilleren, welche sich von ihrem Hauptstocke, den Riesengebirgen Quito's und Mejico's, ihre Arme nach Süden und Norden ausstreckend, das längste Gebirge der Erde bilden Ersteigt man ihre höchsten Punkte: den Sorate, Ilimani und Chimborasso, so befindet man sich 23,000 Fuß über dem Wasserspiegel. Wie ein Felsentempel erheben sich ihnen gegenüber die öden Gebirge Afrika's: das Mondgebirge, die abessinischen Alpen, mit ihren Nilquellen und der Atlas mit seinen reichen, glücklichen Hochländern. In Europa sind es die Schweizer- und Tyroler-Alpen, welche in Savoyen ihre höchste Höhe (Mont-blanc, 14,000 F. h.) erreichen, die Quellen des Rhein und Po, der Etsch und Rhone enthalten, und südlich als Apenninen nach Italien hinabziehen, nach Norden hin in den Gebirgen und Eichenwäldern von Deutschland sich abflachen und mit dem Schwarzwald, Harz, Fichtel- und Erzgebirge, Böhmerwald und Mittelgebirge an's Riesengebirge sich anreihen. Die Pyrenäen sind es, die mit dem Montserrat und den Cevennen Spanien von Frankreich trennen, es sind die englischen und schottischen Gebirge, deren abenteuerlich zerrissene Gestalten Ossian's Gesänge verherrlichen. Aber nicht nur auf die Gestalt des Landes, nicht nur auf Vegetation allein üben die Gebirge ihren mächtigen Einfluß, auch den Menschen, die sie bewohnen, verleihen sie jenes charakteristische Gepräge, das sie so auffallend von den Bewohnern der Ebene unterscheidet. Sie sind kräftig, heiter, genügsam; eine innige Liebe scheint die Bergbewohner an den Boden zu fesseln, der ihre Geburtsstätte war, denn ziehen sie hinab in die Ebenen, welche zu ihren Füßen liegen, so überfällt sie bald eine bange Sehnsucht, jenes bekannte Heimweh, das nur gestillt werden kann, wenn sie zurückkehren in die geliebten Berge.

J.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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