Gelübde

Gelübde. Der Schiffer, vom Sturme in ein unbekanntes Meer verschlagen, der Pilger in finsterer Nacht auf rauhen Pfaden, der Wanderer in der Wüste, der die Oase und die labende Cisterne verfehlt, der Kranke an der Todespforte, wendet sich in seiner höchsten Noth zu Gott, Hilfe und Rettung flehend. An sein brünstiges Gebet kettet sich das Gelübde. Wenn er den Hafen, wenn ex das gastliche Obdach findet, verspricht er dem Herrn ein Dankesopfer anzuzünden, oder er gelobt, den leidenden Brüdern, die gleich ihm geduldet und noch dulden werden, ein Wohlthäter zu sein. Aber auch im Uebermaße irdischer Freuden, in außerordentlichen Glücksfällen, wo der Mensch dankbar das Walten der Vorsehung verehrt, entstehen Gelübde – sein Dank wird Liebe, innige Liebe zur Menschheit. – So waren und sind noch Kreuzzüge, Wallfahrten, die Stiftungen von Kirchen, Klöstern, Hospitälern etc. die Ergebnisse von Gelübden. Israel gelobt seinem Gotte einen Altar, wenn er es wieder heimführt in das Land seiner Väter; Jephtha gelobte seine Tochter und brachte mit blutendem Herzen das größte Opfer; der Grieche versprach den zürnenden Göttern eine Hekatombe, der Ritter des Mittelalters nahm das Kreuz und focht für den Glauben gegen die Heiden, oder er gründete Klöster, wo Laienbrüder oder Laienschwestern für ewige Zeiten dem Herrn danken sollten. Man stiftete auf diese Art jährliche Messen, Brod- oder Geldvertheilungen an Arme, Aussteuer für arme Bräute etc. Der Muselmann gelobt eine Pilgerfahrt nach Mekka zum Grabe des Propheten, der gläubige Hindus wallfahrtet nach dem Ufer des Ganges, der Parse zu den brennenden Naphtaquellen. So sind denn aus dem kindlich-frommen Glauben, der Himmel lasse auf ein menschliches Gelöbniß Hilfe und Rettung folgen und ändere seinen allweisen Beschluß, wenn er Reue und inniges Vertrauen im zitternden Menschen erkannt, viele der trefflichsten Anstalten, die segenbringend für die Menschheit wurden, entstanden; und wenn sonach Gelübde aus einem Mißverständniß der Weisheit und Allmacht des höchsten Wesens, dessen Beschlüsse unabänderlich sind, das mit heiligem, ewigem Ernste waltet, oder auch aus Aberglauben entstanden: so wurden sie doch in ihren Folgen eben so wichtig als heilbringend.

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http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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  • Gelübde — Gelübde,das:1.⇨Versprechen(1)–2.einG.ablegen/leisten/tun:⇨versprechen(I,1) Gelübde→Versprechen …   Das Wörterbuch der Synonyme

  • Gelübde — (Votum), 1) jedes feierliche Versprechen an Gott, etwas zu thun od. zu lassen, z.B. bei der Taufe, Confirmation, Beichte: 2) Zusage od. Versprechen, ein gewisses willkührliches, von Gott nicht gefordertes Verhalten zur besonderen Verehrung Gottes …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Gelübde — (lat. Votum) heißt im allgemeinen jedes mit einer gewissen Feierlichkeit gegebene Versprechen, im besondern aber ein der Gottheit geleistetes Versprechen, die Zusage einer Leistung des Menschen für den Fall der Gewährung einer Bitte.… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Gelübde — Gelübde, lat. vota als freiwillige Selbstverpflichtungen zu Gottes Ehre, Gatten die Hebräer, bei denen das G.opfer sowie das Nasiräat, d.h. das G., sich von allen berauschenden Getränken zu enthalten, die Haare wachsen zu lassen und keinen todten …   Herders Conversations-Lexikon

  • Gelübde — ↑Votum …   Das große Fremdwörterbuch

  • Gelübde — Sn std. (11. Jh.), mhd. gelübede, ahd. gilubida Stammwort. Verbalabstraktum zu geloben. ✎ RGA 10 (1998), 662 664. deutsch s. geloben …   Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache

  • Gelübde — »(Gott oder bei Gott gegebenes) Versprechen«: Das Substantiv mhd. gelüb‹e›de, ahd. gilubida gehört zu dem unter ↑ loben behandelten Präfixverb »geloben« und meint eigentlich »Gelöbnis« …   Das Herkunftswörterbuch

  • Gelübde — Ein Gelübde (von althochdeutsch gilubida: „geloben“) ist ein feierliches abgelegtes Versprechen, sich an eine Regel zu halten oder einen Vorsatz (zum Beispiel eine Pilgerreise) zu erfüllen. Der Begriff wird häufig im religiösen Zusammenhang… …   Deutsch Wikipedia

  • Gelübde — Gelöbnis; Ehrenwort; Verpflichtung; Erklärung; Schwur; Bekräftigung; Bund; Eid; Versprechen; Aufgabe; Zusage * * * Ge|lüb|de [gə lʏpdə] …   Universal-Lexikon

  • Gelübde — 1. Gelübde bricht alle Rechte. (S. ⇨ Gedinge 1 u. 3.) – Graf, 24, 263. Mhd.: Glübde bricht alles recht. (Rössler, I, 105.) 2. Gelübde bricht Landrecht. – Pistor., IX, 71; Simrock, 3368. 3. Gelübde macht Schuld. – Körte, 1991. 4. Heimlich Gelübde… …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

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