Geossrin, Marie Therese

Geossrin, Marie Therese

Geossrin, Marie Therese, Marie Therese, geb. Rodet, eine mit allen Tugenden des Geistes und Herzens ausgezeichnete Frau, die ohne productive Schriftstellerin zu sein, sich durch die Reinheit ihres Charakters, ihren Geschmack, ihr Urtheil, ihren gewählten Umgang bei ihren Zeitgenossen berühmt gemacht hat, wurde den 2. Juni 1699 zu Paris geboren. Schon im 15. Jahre ward sie an einen Oberstlieutenant der Bürgermiliz verheirathet, der in geistiger Beziehung tief unter ihr stand; ihr aber nach einer kurzen Verbindung ein beträchtliches Vermögen hinterließ, wodurch sie in den Stand gesetzt wurde, ihrem Hange zur Wohlthätigkeit, auf die edelste Weise zu folgen. Die liebenswürdige Witwe versammelte von jetzt an in ihrem Hause die geistreichsten und vornehmsten Männer von Paris. Alles, was sich durch Genie und Rang auszeichnete, strömte in ihren Salon; hier war sie die Seele der Unterhaltung, hier fesselte sie, ohne glänzen zu wollen. Ihr Geschmack, ihre Einfachheit, ihre gutmüthige Laune bezauberte Alle. Jedem, den sie kannte, war sie Freundin oder Wohlthäterin. Niemand verließ sie ungetröstet, unerquickt. Ohne große Kenntnisse verstand sie es geistreich mit den gelehrtesten Männern zu sprechen; ohne die Conversation an sich zu reißen, wußte sie dieselbe zu leiten und zu beherrschen. Für Jeden hatte sie ein Lob, eine Ermuthigung, die mit der reinsten Herzensgüte ausgesprochen wurde. Den Armen war sie ein wohlthätiger Engel, Künstler und Schriftsteller ehrte und zeichnete sie nicht nur aus, sie unterstützte sie auch. Wer damals nach Paris kam und auf Rang oder geistige Geltung Anspruch machen wollte, mußte nicht nur ihren Salon besucht, sondern sie auch gesprochen haben. Wie eine milde Frühlingssonne, erwärmte, beleuchtete, verschönerte sie Alles um sich her. So groß wie ihr Wohlwollen, eben so rein war ihre Gesinnung; nirgends ein Zug von Eitelkeit in ihrem Charakter, kein Streben nach Geltung! Ihr Wahlspruch war: »Geben und Vergeben.« Undank schmerzte sie nicht, dem Danke wich sie aus. Sie hatte Nachsicht mit den Fehlern und Gebrechen Anderer, aus dem einfachen Grunde, weil ein Jeder auch seinerseits diese Nachsicht in Anspruch zu nehmen Ursache hat. Sie war ein liebender Genius der Menschheit, deren Leiden und Interessen sie ihr ganzes Herz öffnete. Personen vom höchsten Range suchten ihre Bekanntschaft, fanden sich geehrt durch ihr Wohlwollen. Graf Poniatowsky, zum Könige von Polen erwählt, meldete ihr seine Thronbesteigung mit den Worten: »Mutter! Ihr Sohn ist König geworden.« Er lud sie nach Warschau zu sich ein, sie reiste in einem Alter von 63 Jahren dahin ab, und fand die glänzendste, ehrenvollste, der Mutter eines Königs wahrhaft angemessene Aufnahme. In Wien wurde sie bei ihrer Durchreise von der Kaiserin Maria Theresia und Joseph II. gleichfalls höchst ehrend ausgezeichnet. Nach Paris zurückgekehrt lebte sie einfach und bescheiden wie zuvor, versammelte denselben geistreichen Zirkel um sich und wirkte so, fromm und liebevoll, für ihre Umgebungen bis an ihren Tod, der im October 1777 erfolgte. Ihre vertrautesten Freunde, d'Alembert, Morellet und Thomas widmeten ihrem Angedenken Schriften; Alle aber, die sie kannten, ehrten es noch lange über das Grab hinaus.

B.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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