Gesinde

Gesinde

Gesinde, beinahe gleichbedeutend mit Dienstboten (s. d.), heißen diejenigen Personen, welche für einen bedungenen Lohn (Liedlohn) Anderen (der Herrschaft) auf eine gewisse, nach beiderseitigem Uebereinkommen bestimmte Zeit Dienste leisten. Ihr Verhältniß gegen die Herrschaft ist in der Regel ein untergeordnetes, doch werden ihre Gerechtsame in civilisirten Staaten, da wo nicht Leibeigenschaft oder Sclaverei herrscht, durch bestehende Gesetze, die Gesindeordnung, welche gegenseitig wieder ihre Verpflichtungen, den schuldigen Gehorsam etc. näher bezeichnen, aufrecht erhalten. – Das Verhältniß zwischen Gesinde und Herrschaft ist sonach ein durchaus rechtliches, und jeder Theil nur so lange an seine Verbindlichkeit gebunden, als der Andere den seinigen nachkommt. Weist auch die bürgerliche Gesellschaft in höherer, socialer Beziehung ihnen eine niedrigere Stufe an, so erstreckt sich dieß doch nicht auf die Behandlungsweise, welche streng rechtlich, mild und schonend, bei etwanigen Versehen nachsichtsvoll, und gewissenhaft in Erfüllung der ihnen gemachten Versprechungen sein soll. Beiden Theilen steht es zu, pünktliche Gewährung der ihnen zukommenden Leistungen zu verlangen und auf deren Erfüllung zu beharren. Da nun das Verhältniß der Dienenden zu dem Bedienten (der Herrschaft) ein untergeordnetes, mithin nicht selten ein drückendes ist, so kann das Letztere von Seiten der Herrschaft nur durch ein humanes und herablassendes Betragen, durch Schonung und Freundlichkeit gemildert werden. Gute Herrschaften haben in der Regel gute Dienstboten, denn selbst die mindergebildeten, mindermoralischen und wenig pflichtgetreuen werden durch das ihnen stets vorschwebende gute Beispiel gebessert und erhoben. Der Befehl, in Form eines Wunsches ausgesprochen, findet ein freundlicheres Gehör und raschere Bereitwilligkeit, als der barsche Ton des Gebotes oder der Drohung. Rauheit der Behandlung stumpft ab, oder verstockt mit der Zeit, Milde und Freundlichkeit aber macht geschmeidig; ein sanfter Vorwurf bessert, Scheltworte aber und Züchtigungen erbittern und untergraben das Ehrgefühl, die moralische Würde. Von den Frauen, als dem sanfteren Geschlechte angehörig, darf man auch mit Recht eine sanftere Behandlung der Dienstboten verlangen; aber weil das Gesinde in der Regel mit ihnen nicht auf gleicher Bildungsstufe steht, sollen sie sich zu seinem Ideenkreise herab- lassen, mit seinen Schwachen und kleinen Leidenschaften, welche weder durch einen feinern moralischen Takt noch durch höhere Rücksichten gezügelt werden, schonende Nachsicht haben. Die Menschen belehren, heißt die Menschen bessern; Strafe trete nur da ein, wo Belehrung verschmäht wird und so Besserung nicht zu hoffen steht. Es ist für eine junge Frau, die zum ersten Male als eigene Herrin und Gebieterin ihrer Dienstboten auftritt, keine kleine Aufgabe, das Verhältniß derselben zu sich in der Art fest zu stellen, daß die Dienstboten aus freiwilliger Liebe und Achtung nicht nur allen ihren Verpflichtungen streng nachkommen, sondern dieselben auch mit Freundlichkeit, rasch, heiter, geschickt und vorsichtig erfüllen, daß sie zu ihrer Gebieterin Vertrauen hegen, ihr Theilnahme bezeigen, sich durch Treue, Verschwiegenheit, Ausdauer und Emsigkeit auszeichnen. Wo dieß Verhältniß sich herausstellt, bilden Dienstboten mit einen Theil der Familie und nehmen an den Freuden und Leiden derselben treu und herzlich Antheil. – So sind namentlich in unserm Deutschland die Beispiele von ehrenwerther, rührender Diensttreue und Anhänglichkeit, die oft bis an's Grab reicht, nicht selten, und die Münchener Stiftung, nach welcher verdiente Dienstboten nach Maßgabe ihrer Dienstjahre Prämien und andere Auszeichnungen erhalten, ist nicht nur in ihrer momentanen, sondern auch in ihrer Nachwirkung eine treffliche und wohlthätige, weil im Allgemeinen die dienende Klasse durch solche Belohnungen zur Nacheiferung der Besten, angetrieben wird. – In dem freien Amerika ist das Verhältniß zwischen Herrschaft und Dienstboten ganz anders gestaltet als bei uns. Hier gedenkt Niemand, er stehe noch so tief, in seiner Lage zu bleiben: denn Jeder hat tausend Beispiele vor Augen, daß unbedeutende Personen durch Fleiß und Sparsamkeit oder Talent zu Reichthümern gekommen sind. In Rücksicht der politischen Rechte stehen alle einander gleich, die Geburt hat weder Werth noch Einfluß, für Unterricht wird überall gesorgt und aus diesen Gründen bleiben die Diener dieß nur so lange, als sie nichts Anderes sein und thun können. Eine natürliche Folge davon ist, daß man in Nordamerika in der Regel schlecht bedient wird, obgleich dieß von den Reisenden häufig übertrieben worden ist. Die höhere Stufe der Bildung nordamerikanischer Dienstboten (denn die eingebornen Dienstboten können alle lesen, schreiben und rechnen) erfordert natürlich von Seiten ihrer Herrschaften auch eine andere, feinere Behandlungsart. Die Dienstboten heißen dort nicht Knecht, Magd etc., sondern Gehilfen; der Lohn steht sehr hoch und das Gesinde kleidet sich wie die Herrschaft. Der Bediente erscheint des Sonntags so elegant, wie der Herr, und die Magd so schön, wie die Herrin. Nicht der Putz verräth ihren Stand, nur das plumpere Betragen. Dienstmädchen tragen seidene Kleider und franz. Hüte nach der letzten Mode, Federn, Sevignes, Ohrgehänge, Glacéhand–schuhe und durchbrochene Strümpfe. Sie haben ihre Bälle und Gesellschaften, oft im Hause ihrer Gebieter, die sich während der Zeit anderweitig behelfen müssen. Bei solchen Gelegenheiten wird Eis, Backwerk und Wein herumgereicht; die Unterhaltung ist an–ständig, heiter, ohne in Lärm auszuarten. Nirgends ein Beispiel von Rohheit, Frivolität, unanständiger Rede. Aber die Dienstboten fühlen auch hier ihre freiere Stellung der Herrschaft gegenüber, und es ist nicht selten, daß eine Magd, wenn sie auf den Ball gehen will, ihre Herrin ersucht, ihr Armbänder, Ohrringe, Ketten etc. aus ihrem Schmuckkästchen zu borgen. Und dieß geschieht, wie uns eine englische Reisende berichtet, sehr oft! Das amerikanische Gesinde zeichnet sich durch einen Durst nach Wissen und Belehrung aus, der sich auch in ihrem reiferen Alter ausspricht. Unbekümmert um den Respect, welchen man in Europa von solchen Leuten fordert, legen sie ihren Herren und Herrinnen tausend Fragen vor. Freilich mag dabei auch die Neugierde einen Antheil haben.

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http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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