Gray, Johanna

Gray, Johanna, geboren im Jahr 1537, war die Urenkelin Heinrich's VII. und älteste Tochter des Herzogs von Suffolk. Ihr Erscheinen in der politischen Welt bildet eine eben so kurze als traurige Katastrophe. Sie wird uns als ein durch seltene Geistesgaben und Bildung ausgezeichnetes Wesen geschildert, dem Studium der heiligen Schrift und Klassiker ergeben, obwohl sie den Putz mehr liebte, als sich mit den strengen Ansichten der reformirten Kirche vertrug. Neuere Schriftsteller haben ihr viel zugeschrieben, wovon sie nichts gewußt zu haben scheint. Die schönen Reden, die sie ihr in den Mund legen, ihre eifrige Vertheidigung der Rechte Maria's, ihre philosophische Verachtung des königlichen Glanzes, ihre Weigerung, eine ihr nicht gebührende Krone anzunehmen, und ihre erzwungene Ergebung in den Willen ihrer Eltern, müssen als Fictionen jener Autoren betrachtet werden, die im Eifer, den Charakter ihrer Heldin zu verherrlichen, nicht bedachten, daß sie erst 16 Jahre zählte. Johanna war das willenlose Werkzeug einer Partei, an deren Spitze ihr Schwiegervater, der Herzog von Northumberland, stand; dieser, Mitglied des Regentschaftsrathes unter Eduard VI., ein Mann von unbegrenztem Ehrgeiz brachte durch fortwährende Ränke mehrere Mitglieder der Regentschaft auf das Blutgerüst. So bahnte er sich über die Leichen seiner Collegen und Nebenbuhler den Weg zum Vertrauen des Königs, und wußte bald den kränkelnden Fürsten zu bereden, seinen Nachfolger zum Voraus zu bestimmen, und seine beiden Schwestern Maria und Elisabeth von der Thronfolge auszuschließen. Auf diese Weise ging die britische Krone auf Johanna Gray über, deren Großonkel der König war und Northumberland's Haus gelangte auf den Thron. Aus Liebe zur Einsamkeit hatte Johanna die Erlaubniß begehrt und bei dem schwankenden Gesundheitszustande des Königs leicht erhalten, London zu verlassen und einige Tage zu Chelsea zuzubringen, wo sie den 9. Juli 1553 durch ihre Schwägerin, Lady Sidney, eine Weisung des Rathes erhielt, unverzüglich nach Sionhouse zurückzukehren, und daselbst die Befehle des Königs zu erwarten. Am folgenden Morgen eröffnete ihr der Herzog von Northumberland, der König sei todt, und habe sie, ehe er verschieden, zu seiner rechtmäßigen Erbin erklärt. Bei diesen Worten knieten die anwesenden Lords nieder, erkannten sie als Königin und schwuren ihr Treue. Johanna nahm die ihr dargebotene Krone an, obgleich sie bei ihrem sanften und ruhigen Charakter ein stilles Privatleben dem unsichern Besitze der Krone vorgezogen hätte; sie hoffte – so lauten ihre eignen Worte – Gott werde ihr Kraft verleihen, den Scepter zu seiner Ehre und mm Besten der Nation zu führen. Den andern Tag begab sie sich in den Tower, den gewöhnlichen Aufenthalt der englischen Könige vor der Krönung, und hielt ihren Einzug mit großem Gepränge. Doch war die Stimmenmehrheit auf Maria's Seite, welche die Huldigungen der Nation empfing und Alles aufbot, ihre Herrscherrechte geltend zu machen; der überlegenen Macht derselben unterlag Northumberland, vom Volke, seines Stolzes und seines Ehrgeizes wegen, gehaßt. In wenigen Tagen zog Maria triumphirend in die Hauptstadt ein. Northumberland, mit andern Häuptern der Partei, wurde hingerichtet. Auch Johanna und ihr Gemahl Guilford Dudley fielen in die Hände der Siegerin, und beide wurden jetzt an demselben Orte als Gefangene bewacht, wo sie kurz vorher im Glanze der Majestät eingezogen waren. Nach einer abermaligen Empörung zu Gunsten Johanna's ließ Maria sich überreden, den Befehl zur Hinrichtung Guilford Dudley's und seiner Gattin zu unterzeichnen. Die siebzehnjährige Johanna und ihr gleich jugendlicher Gemahl büßten ihre zehntägige Hoheit mit dem Leben. Nachdem erstere mit unerschütterlichem Muthe, von den Fenstern ihres Gemaches der Hinrichtung ihres Gatten zugesehen hatte, bestieg sie den 12. Februar 1554 festen Schrittes und mit freudiger Miene das für sie im Hofe des Tower errichtete Blutgerüst. Johanna bekannte in wenigen, an die Zuschauer gerichteten Worten ihr Verbrechen, in Northumberland's Verrath gewilligt zu haben, obwohl sie nicht zu den Urhebern der Verschwörung gehört habe. Es sind uns noch einige Briefe aufbewahrt, welche diese unglückliche Königin geschrieben haben soll. Sie athmen Todesverachtung und erhabene Frömmigkeit.

E. v E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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