Hölderlin, Joh. Christian Friedrich

Hölderlin, Joh. Christian Friedrich, eines der größten lyrischen Talente unserer Literatur, zugleich aber auch einer der unglücklichsten Menschen, ist 1770 zu Neislingen in Würtemberg geboren, studirte Theologie in Tübingen und lebte darauf als Hauslehrer in Frankfurt am Main. Hier legte eine unglückselige Leidenschaft zur Mutter seiner Zöglinge den ersten Grund zu jener Geisteszerrüttung, in der Hölderlin nun schon seit einem Vierteljahrhunderte unter uns wandelt, noch im Wahnsinn ein Dichter und seiner Diotima treu, die er in den erhabensten Gesängen und in seinem unübertrefflichen Romane »Hyperion« feierte. Dieses meisterhafte Werk brachte den Verfasser mit den größten Geistern seiner Zeit in die innigste Verbindung. Trotz Schiller's Bemühungen aber blieben, Hölderlin's Wünsche um eine Anstellung unerfüllt und voll Verdruß ging er nach der Schweiz und Frankreich, wo er in Bordeaux eine Hofmeisterstelle fand. Plötzlich erschien er, ein Bettler, ein Wahnsinniger mit den Spuren der fürchterlichsten moralischen Zerrüttung 1803 bei Matthisson in Stuttgart. Seine Natur, von jeher der idealen Sphäre des Lebens zugeneigt, hatte ihr Gleichgewicht verloren, des Dichters furchtbarer Schmerz über eine verfehlte Existenz hatte sich in Sinnenrausch und Ausschweifungen betäubt, er rasete, und nur selten treten im Zustande grauenhafter Erschlaffung lichte Augenblicke ein. In solchen arbeitet er an der Uebersetzung des Sophokles. So, in diesem jammervollen Zustande, die Seele immer finsterer umwölkt von den Nebeln der gräßlichsten Zerstörung, schleppt er noch heute in Tübingen ein Leben hin, ohne Wahrnehmung, ohne Denkkraft. – Hölderlin's lyrische Gedichte sind das Vollendetste, was er geschaffen hat, großartiger, wiewohl ohne poetische Befriedigung und durch die Gewaltsamkeit des Schwunges auf den Keim der spätern Geisteszerstörung schmerzlich hindeutend ist die Anlage des Romans: »Hyperion, oder der Eremit in Griechenland.« Eine Sammlung seiner Gedichte veranstalteten 1826 L. Uhland und G. Schwab.

R.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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