Haitzinger-Neumann, Amalie

Haitzinger-Neumann, Amalie

Haitzinger-Neumann, Amalie, geboren 1801 in Karlsruhe, eine der verdienstvollsten deutschen Schauspielerinnen des letzten Jahrzehndes, betrat frühzeitig die Bühne ihrer Vaterstadt, vermählte sich im 16. Jahre mit dem beliebten Schauspieler Neumann, den sie jedoch nach kurzer Ehe durch den Tod verlor. Amalie, gleich nach ihrem Auftreten der Liebling ihres heimathlichen Publikums, entwickelte ihr Talent eben so schnell als entschieden. Eine Reihe von Jahren hindurch erfreute sie die ersten Theater Deutschlands durch ihre zahlreichen Gastspiele, und es gibt kaum eine andere deutsche Schauspielerin, deren Ruhm in so kurzer Zeit so allgemein verbreitet gewesen wäre. Mit ihr begann die Zeit der sogenannten Theatertriumphe, die nicht allein im Bereiche der Kunst blieben, sondern auch in's Privatleben übergingen und in derselben Art später der Sontag zu Theil wurden. Der Enthusiasmus der Theaterfreunde, der Beifallsjubel ward epidemisch. In Deutschland gab es damals keine höheren Interessen, als die des Theaters, Alles concentrirte sich um dasselbe und Amalie Neumann war der glänzende Mittelpunkt darin. Sie verdiente es in vieler Beziehung; denn Schönheit, Anmuth und Grazie hatten ihr die Götter schon in der Wiege gegeben; sie war im Besitze eines wohlklingenden Organs, sanfter, treuherziger Augen, ihre Darstellungsart war frisch, voll Feuer, Leben und Laune, ihr Humor unnachahmlich. Mehr aber als durch Alles dieses siegte sie durch eine Manier mit dem Publikum und zu dem Publikum zu spielen durch das Herausgehen aus dem Rahmen des Stückes und das Hingeben ihrer Persönlichkeit an Jedermann im Schauspielhause. Durch diese eben so unkünstlerische, als reizende Koketterie, brachte sie es dahin, daß, wo sie die Bühne betrat, das Publikum sich in ein Heer von Liebhabern verwandelte. Man vergaß das Stück, man vergaß die Rolle, die Situation, die Mitspielenden; man sah nur das reizende Weib Amalie und liebte sie und hätte sie gern an's Herz gedrückt vor Entzücken. Das war freilich eine Ausartung; aber das damalige Publikum verliebte sich in diese Ausartung; selbst die Kritik übersah die unkünstlerische Beimischung und verzieh sie der schönen Frau wegen ihrer Schönheit. So hat Amalie mit ihrer Jugend und ihrem Liebreiz glücklich gewuchert – sie erreichte eine temporäre Höhe des Kunstruhms, wie keine ihrer Zeitgenossinnen. In Kränzen, Gedichten und Serenaden wurde damals eine ungeheure Verschwendung getrieben und die Namen »alte und junge Garde,« so bezeichnend für die Theaterfreunde, welche das schöne Weib auch außer dem Theater liebend und bewundernd umschwärmten, ihr huldigten, ihr Feste gaben, sogar ihr zu Ehren einen Rosenorden stifteten und dergleichen geckenhafte Ostentationen mehr, datirten sich aus jener Zeit. Jener Nimbus ist nun freilich im Verlaufe von 5–6 Jahren verflogen; Amalie ist nicht mehr die gefeierte Göttin des Tages, aus deren Schuhen man Champagner trinkt, deren Wagen man zieht und um deretwillen sich Juden und Griechen duellirten; sie ist aber noch immer eine geschätzte Schauspielerin, die überall, wo sie erscheint, verdienten Beifall erwirbt, namentlich in der ihrem Talent angemessenen Sphäre: dem Lustspiel, der Posse und zum Theil in sentimental tragischen Rollen. Zur höhern Tragödie hat sie durchaus keinen Beruf, und nur der damalige Taumel, der allgemeine Sinnenrausch, konnte sie auch in der Art Leistungen auszeichnen. Seit 6 oder 7 Jahren ist sie mit dem trefflichen Tenoristen Haitzinger in zweiter Ehe vermählt. Beide gehören zu den ersten und mit Recht beliebtesten Mitgliedern der karlsruher Hofbühne, wo sie lebenslänglich angestellt sind. Alljährlich benutzen sie ihren Urlaub zu verschiedenen Gastspielen, wo Amalie Haitzinger bemüht ist, schöne Erinnerungen an ihre Glanzepoche zu wecken, ohne jedoch diese selbst heraufbeschwören zu können.

–n.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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  • Haizinger — (Haitzinger), 1) Anton, Opernsänger (Tenor), geb. 14. März 1796 in Wilfersdorf (Liechtenstein), gest. 31. Dez. 1869 in Wien, war anfangs Schullehrer in Wien, wurde später seiner schönen Stimme wegen vom Grafen Pálffy, Direktor des Theaters an der …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

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