Heilig

Heilig. Nicht immer mag sich der Mensch mit der Alltäglichkeit und ihren Erscheinungen befassen. Er fühlt es, daß sein Lauf nach der Höhe gehen soll. Selbst in dem Leben des rohesten Naturmenschen bemerken wir zuweilen Augenblicke, wo in der Brust desselben ein ungewöhnliches Sehnen erwacht, sich loszureißen von dem Gemeinen, und sich zu beschäftigen mit dem geheimnißvollen Ahnen des höchsten Wesens. Und bei dem Gebildeten und Bessern kommen nicht Augenblicke nur, es kommen da Stunden und Tage, wo er dem frommen Aufschwunge seines Innern folgt. Er fühlt sich durchdrungen und erwärmt von der himmelentsprossenen Flamme der Religion. Und wo das läuternde Feuer derselben wirket, da weichen die Schlacken, da sinkt der bethörende Schleier. Die Wahrheit und die Tugend erscheinen in der ihnen eigenthümlichen Glorie der Demuth und fleckenlosen Reinheit. Auch die Liebe schwingt sich auf den Fittigen geläuterter Gefühle auf zu dem göttlich Erhabenen. Auch sie sondert sich ab von dem Gemeinen, – sie wird heilig. – So bezeichnet man denn mit dem Ausdrucke h eilig die Rückkehr zu der ursprünglichen sittlichen Reinheit und das Streben nach dem Ziele höherer Vollkommenheit. Heilig nennen wir, daher die Gottheit, – denn sie steht umstrahlt von dem höchsten, vollkommensten Glanze sittlicher Reinheit. Wir sprechen von heiligen Orten und Gebräuchen, – denn in denselben und durch dieselben soll in uns erweckt und erstarkt werden das Sehnen und Streben nach höherer Reinheit, nach Heiligkeit. Wo wir also vergeblich nach dem Begriffe des Heiligen fragen, dort werden wir auch stets vergeblich nach sittlichem Streben und Fortbilden suchen. Denn nur in der Achtung gegen das Heilige leuchtet der erste Strahl der sich entwickelnden Menschlichkeit.

–t.–


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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