Henriette Marie, Königin von England

Henriette Marie, Königin von England von Frankreich, eine der geprüftesten Fürstinnen, die sich selbst nur die unglückliche Königin nannte, war die Tochter des unsterblichen Heinrich's IV. und der schönen Maria von Medicis. Im Jahre 1609 zu Paris geboren, zählte Henriette kaum sechzehn Jahre, als sie ihre Hand dem Prinzen von Wales, Karl Stuart, reichen mußte. Sanft und gut, durch viele Tugenden ihrer würdig, besaß dieser Prinz nicht die Geistesgröße, die er später als König Karl I. von England bedurfte. Unkluge Rathgeber verleiteten den leicht zu gängelnden Monarchen zu vielen Mißgriffen, und leider trifft auch die junge Königin mancher Vorwurf rücksichtlich der kirchlichen Spaltungen, die das meiste Unheil zur Folge hatten. Sie, eine Enkelin von Jeanne d ' Albret (s. d.), dehnte als eifrige Katholikin ihr Recht auf eignen Gottesdienst möglichst weit aus und bot dem Unwillen über das Profelytenmachen kühn die Spitze. Ihre bis dahin friedliche Ehe ward dadurch zuerst gestört, denn unwillig über diese Umtriebe ließ Karl den ganzen Hofstaat und die Geistlichkeit der Königin nach Frankreich zurücksenden. Nur durch Wohlthaten rächte sich Henriette an dem sie anklagenden Volke, und nachdem ihre Milde sie mit dem Gemahle wieder versöhnt hatte, beging dieser den zweiten Fehlgriff, indem er die Fortgeschickten zurückrief und dadurch die kaum besänftigte Menge auf's Neue gegen den Hof aufregte. Seine darauf folgenden Handlungen sachten die Flamme des Aufruhrs auch in Schottland an, und als Mangel an Geldmitteln und das endliche Verstehen seiner Lage ihn 1642 zwangen, ein Parliament zusammen zu berufen, da schuf er sich selbst in diesem den unerbittlichsten Richter, der sein Haupt zur Sühne für die begangenen Thorheiten forderte. Indessen wetteiferten Hohe und Niedere, Puritaner und Bischöfliche in Schmähungen gegen die Königin. Sie sollte die Charakterschwäche und das Zutrauen des Königs gemißbraucht, ihn zum halben Katholiken gemacht und den Plan zur Vernichtung der Glaubens- und der Volksfreiheiten entworfen haben. Den Gräueln des Bürgerkrieges und den Verleumdungen der Parteien gegenüber zeigte sich von nun an die Tochter Heinrich's des Vierten in ihrer ganzen Erhabenheit und Starke. Nur ein Flecken, das Blut des edlen Strafford, die letzte Stütze des Königs, den dieser auf Henriette's Rath dem Volke opferte, fällt in dieser Epoche auf ihr sonst so reines Leben. Die schweren Leiden des verlorenen Fürsten und die, welche ihrer in Angst und Erniedrigung warteten, sollten bald diese fruchtlose That der Selbstliebe rächen. In London nicht mehr sicher, verließ das Königspaar mit seinen Kindern (die niedlichen Köpfchen von zwei derselben, die van Dyk's Meisterhand malte, zeigt nebst dem Portrait ihres unglücklichen Vaters, die Dresdner Gemäldegalerie) die Residenz, und Henriette ging unter dem Vorwande, ihre älteste, dem Prinzen Wilhelm von Oranien bestimmte, Tochter nach Holland zu geleitten, dorthin, um Hilfe an Geld und Waffen zu holen. Ein furchtbarer Sturm, der sie bei der Rückkehr traf, warf ihre kleine Flotte, mit Verlust von zwei Schiffen, wieder an die eben verlassene Küste. Der üblen Vorbedeutung und der Novemberstürme nicht achtend, ging die heldenmüthige Frau nach 14 Tagen wieder unter Segel und landete dies Mal zwar glücklich, aber nicht unentdeckt an Englands Küste. Die Wachsamkeit ihrer Feinde empfing sie dort und nahm ihr die mitgebrachten Vorräthe; kaum entging sie selbst der Gefangenschaft Sie, der die Zerwürfnisse des empörten Landes und die Unbesonnenheiten des gestürzten Königs zur Last gelegt wurden, war jetzt seine beste Rathgeberin. Ihre großen Eigenschaften gewannen ihm manchen Gegner, und neue Fehler folgten von seiner Seite den früher begangenen, als eine Schwangerschaft sie nöthigte, den Gemahl und das Feldlager zu verlassen. Schmerzlich und voll trüber Ahnungen war die Trennung des entthronten Paares, das sich auf Erden nicht wieder sehen sollte. Die Königin suchte ein Asyl zu Exeter, wohin ihr die Königin von Frankreich eine bedeutende Geldunterstützung sandte, die mehr als hinreichend gewesen wäre, jene Dürftigkeit, welche die Wiege der neugebornen Prinzessin (Henriette Anna von England, nachmalige Herzogin von Orleans) umgab, zu verscheuchen, wenn die hochherzige Mutter nicht auch dieses noch der Sache ihres Gemahls aufgeopfert und in seine Kasse abgegeben hätte. Schon am 17. Tage nach ihrer Entbindung mußte sie, am Nöthigsten Mangel leidend, den Säugling einer Gräfin Morton übergeben, und von dem heranziehenden Feindesheere und dem Hasse der Einwohner von Exeter bedroht, nach Frankreich entfliehen. Kanonenschüsse verfolgten die abermals mit den Meereswellen Kämpfende bis an die Küsten ihres Heimathlandes, wo neue Leiden sie treffen sollten. Der auch in Frankreich tobende Bürgerkrieg, die Fronde, vergegenwärtigte der Geflüchteten alle die Schrecken, denen sie kaum entronnen und in deren Mitte sie ihren Gemahl und ihre Kinder zurückgelassen hatte. Selbst beschränkt durch die Unruhen im Lande, vermochte Anna von Oestreich nur Wenig für die Hilfe suchende Schwägerin zu thun, und sonach zwang Noth und Sorge die Königstochter Frankreichs, Englands Königin, beim Parliamente, nach ihrem eigenen Ausdrucke, Almosen zu suchen, um ihr Leben zu fristen. Schwer mochte sie es damals bereuen, ihrem Gemahle, der nach der letzten verlorenen Schlacht von den Rebellen gefangen genommen, sich durch Unterzeichnung einiger Artikel noch retten konnte, hartnäckiges Weigern angerathen zu haben. In der Chatulle Karl's L fanden sich nach der Niederlage bei Vaseby (1644) die Briefe Henriette's, die dieß bestätigten und leider auch einige Beschuldigungen ihrer Feinde rechtfertigten. Karl ward von den Schotten an Cromwell ausgeliefert. Dieser ließ ihn nach langer Hast am 30. Januar 1649 enthaupten. Die unglückliche Königin empfing diese Nachricht mit vieler Fassung und zog sich mit ihren geretteten Kindern nach Chaillot zurück, wo unter ihrem Namen ein Kloster (des visitandines) gegründet wurde, dem sie vorstand, bis neue Kriegscenen sie wieder nach Paris trieben. Dort erreichte ihre Prüfung den höchsten Grad; denn die Tochter des besten Königs, den Frankreich je gehabt, litt in der Stadt, die er mehrmals vom Hunger errettet, Mangel an Holz und Brod im vollen Sinne des Wortes. Endlich kehrte mit Ludwig's XIV. Regierungsantritte Friede und Ordnung zurück. Die Stürme des Aufruhrs schwiegen und auch Henriettens wurde helfend gedacht. Ruhig konnte sie sich jetzt der Erziehung ihrer Kinder widmen, obgleich der Minister Mazarin ihr die bestimmte Pension sehr unordentlich auszahlen ließ. Ein Versuch, vo England, dessen Thron jetzt der Mörder ihres Gatten, Cromwell, einnahm, ein Witthum zu erhalten, ward von diesem zurückgewiesen. Ein Jahr nachher starb dieser und am 29. Mai 1660 erhielt Henriette's ältester Sohn als Karl II. die Krone seines Vaters. Wie sehr dieser Triumph der verwitweten Königin auch erfreulich sein mußte und wie bedeutend er ihre und ihrer Kinder hilfsbedürftige Lage änderte, so hatte doch das Uebermaß der erlittenen Schmach ihr den Aufenthalt in London verleidet. Sie zog es vor, ihr Leben in Frankreich zu beschließen, wo sie auch am 10. September 1666 zu Chaillot am Schlagflusse starb.

F.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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