Holland

Holland

Holland. Das Land der Niederungen, Dämme und Canäle, der Industrie und des Handelsgeistes, der Windmühlen und Blumen, der übertriebenen Reinlichkeit und des Phlegma's, aber auch der Kraft und des Heldenmuthes. Die Holländer waren einst die bedeutendste Seemacht, dehnten ihre Eroberungen und Entdeckungen nach allen Zonen aus und siegten in heldenmüthigen Kämpfen gegen Briten, Spanier, Deutsche und Dänen. Der Flächenraum des Bodens beträgt ohne Luxemburg 570 Quadrat M. Der größte Theil desselben ist durch riesige Anstrengungen der See abgewonnen worden, denn fast durchgängig liegt das flache Land im Norden tiefer als der Meeresspiegel und nur zahlreiche natürliche Hügel: die Dünen und künstliche Dämme schützen vor dem Andrang der Wogen und somit auch vor Ueberschwemmungen. Zahlreiche Flüsse, verbunden durch zahllose Canäle, bewässern es; sie sind die Pulsadern des Handels, auf welchen dieses Land seiner Lage nach, vorzugsweise hingewiesen wurde. Ueber die Dämme hin führen vortreffliche Kunststraßen, in die See hinaus laufen die Polders, tiefer liegende Landstrecken, welche leicht unter Wasser gesetzt werden können. Der Boden ist fast durchgängig Ebene: Dünen, Marschländer, durch die trefflichste Kultur in das fruchtbarste Land verwandelt. Zahllose Heerden, welche herrliche Butter, den bekannten Eidamer Käse, Häute und ausgezeichnete Wolle liefern, weiden auf den grünen Triften. Holland ist auch das Land der Blumenkultur. Man erblickt dort, besonders in der Gegend von Harlem und dem Haag, ganze Felder mit Tulpen, Hyacinthen, Narzissen, Tacetten etc. besät. Hollands Blumenhandel, noch jetzt bedeutend, war es in frühern Zeiten noch mehr. Man bezahlte einzelne Tulpenzwiebeln mit mehrern tausend Gulden. Nebst der Blumenzucht steht der Gartenbau auf einer hohen Stufe. Wälder gibt es hier nicht, nur Gebüsche, Weidengruppen an den Ufern, Obstbäume, Stauden, Hecken. Brennmateriale liefern die reichen Torfgruben. Das Trinkwasser wird meist in Cisternen gesammelt. Man baut viel Gemüse, Tabak, Hanf, Flachs, Rübsamen, Krapp, Senf, Mohn, Klee etc. Die Fischerei ist bedeutend, holländ. Heringe werden durch ganz Europa verführt. Die Zahl der Einwohner, deren größter Theil germanischen Stammes ist, beträgt 2,670,000. Sie bekennen sich meist zur protest. Religion, sind schlicht, bieder, thätig, phlegmatisch, aber energisch, sobald sie die Gefahr zum Handeln auffordert. Holländische Reinlichkeit ist zum Sprichwort geworden. Sie wird häufig übertrieben und artet in ein lästiges Ceremoniel aus. So muß man vor manchen Häusern Stiefel und Schuhe ablegen und bereit stehende reine Pantoffeln anziehen, will man Eintritt erlangen. Holland ist trotz des ruhigen und verschlossenen Charakters seiner Bewohner das Land der Speculationen; riesige Handelsunternehmungen, patriotische Opfer der größten Art gingen von hier aus. Man erwirbt und sucht zu erwerben, das Geld hat Geltung, der Reichthum gibt Ansehen, aber man prunkt nicht mit ihm wie in England; doch wo es einen großen, einen gemeinsamen Zweck gilt, zeigt man jenen auch und erzielt mit Aufopferung colossale Resultate. Durch alle Zeitläufe hindurch hat sich der holländische Nationalcharakter ehrenhaft gezeigt, was an ihm Stereotypes haftet, hat seinen Grund bloß in seiner Solidität, seiner Kraft und achtungswerthen Consequenz. Die Liebe zum Herrscherhause ist eine rührende; politischen Ehrgeiz, phantastische Neuerungssucht kennt man nicht. Die ganze Nation bildet gewisser Maßen eine patriarchalische Familie, in welcher das Vertrauen wechselseitig ist. Wenn man die Tracht der vornehmsten Klassen ausnimmt, so findet man in den Städten, auf den Dörfern und in den Zimmern, wo sie hinter den Fenstern mittelst kleiner Spiegel die Personen besehen, welche vorübergehen, überall die Frauen wieder, welche Gerard Dow, van Dyk, Teniers, Rembrand etc. zum Muster dienten. Es sind noch dieselben Kopfputze, dieselben Kleiderschnitte, dieselben frommen, lieblichen Gesichter voll Resignation und sanfter Schwärmerei. Die Schönheit der Holländerinnen besteht ausschließlich in dem Glanze der blendend weißen Haut, der Frische ihrer Wangen und Lippen, dem dunklen, reichen Haarwuchs, der lieblichen Fülle ihrer Formen. Die Decenz ihres Betragens möchte man fast religiös nennen, und dennoch sind ihnen im Umgange mit dem andern Geschlechte viele Freiheiten gestattet, die sie aber höchst selten mißbrauchen. Eine Holländerin ist vor Allem Gattin und Mutter, selten Kokette, Salons- und Weltdame. Sie liebt, sorgt und wirkt, und prunkt nicht mit erborgtem Scheine. Ganz aus dem Leben hat uns Kind in »van Dyk's Landleben« das reizende Bild einer Holländerin vorgeführt. Im Allgemeinen wirft ihnen der Ausländer Kälte vor, aber diese ist nur mehr der Ausdruck ihres äußern, decenten Wesens. Auf ihre Erziehung wird sehr viel Sorgfalt verwendet, sie erwerben sich namentlich schon frühzeitig die Kenntniß der deutschen, französischen und englischen Sprache, so wie auch mannichfache Fertigkeiten in den schönen Künsten. Gegen Fremde sind sie liebenswürdig, bescheiden und aufmerksam. – In der Regel treiben die Holländer nur in der Ausschmückung ihrer Landhäuser Luxus. Da, wo die Reize einer Gegend fehlen, glaubt man Schmuck und Prunk auf die nächste Umgebung übertragen zu müssen. Hier sind die Fußpfade der Gärten mit buntem Sande in regelrechten Figuren bestreut, die Bäume zierlich verschnitten, die Stakete bunt bemalt, die Wände mit Porzellan bekleidet etc. – Jeder Holländer liebt sein Vaterland, die Reizlosigkeit desselben fühlt er nicht; denn gerade seine Lage, seine geographische Beschaffenheit ist ja die Quelle seines Wohlstandes, seines Glücks. Wie oft sie auch angefeindet, getadelt und carrikirt worden sein mögen: die allgemeine Achtung der kultivirten Nationen besitzen sie. Altherkömmliche Ceremonien bei Hochzeiten, Todesfällen, wo noch phantastisch gekleidete Leichenbitter üblich sind etc., übergehen wir hier als bekannt und verweisen zur näheren Kenntniß von Holland auf zwei neuere Werke: »Wienbarg's Holland und die Holländer,« dann die »Reise des franz. Exministers v. Haussez durch Holland, Belgien und Deutschland etc.« In letzterem Werke besonders hat der Verf. dem holländischen Charakter Gerechtigkeit widerfahren lassen. Holland hat in allen Fächern der Wissenschaft und Kunst ausgezeichnete Männer hervorgebracht. Für literarische Bildung und Volksunterricht bestehen die trefflichsten Anstalten, und wenn die Holländer selbst jetzt die schönen Künste weniger kultiviren, so entziehen sie ihnen wenigstens nicht ihr Interesse und ihre größtmögliche Unterstützung. Ihr Wohlthätigkeitssinn ist über jedes Lob erhaben; sie und die Dänen allein haben Armenkolonien, wo über 8000 Menschen Arbeit und Unterhalt finden. Hollands Geschichte ist reich an wechselvollen und großen Momenten. Die jetzigen Niederlande gehörten nach dem Vertrage von Verdun (843) zu Deutschland. Grafen und Bischöfe machten sich nach und nach unabhängig, ihre Besitzungen fielen später an Burgund, und durch Maria, die Erbin v. B. 1471 an Oestreich. Durch Karl V. gelangte Holland an Spanien. In diese Zeit fällt Phillip's II. blutige Herrschaft, Al ba's tyrannisches Walten, Egmont's Tod, Oraniens Thatkraft. 1579 erklärten sich in der Utrechter Union die 7 nördl. Provinzen für unabhängig und behaupteten auch ihre Freiheit. Immer blühender wurde der Handel, man eroberte und legte Kolonien an; Hollands Seemacht wurde eine europäische. Das Haus Oranien machte zum Segen des Landes seine Statthalterwürde erblich. 1794 entstand durch die franz. Revolution die batav. Republik; 1806 wurde es unter Ludwig Bonaparte ein Königreich, vier Jahre darauf mit dem franz. Kaiserthume vereinigt, gelangte aber 1815 wieder unter die Herrschaft seines angestammten, rechtmäßigen Fürsten Wilhelm's von Oranien, der noch jetzt den Thron Hollands ziert und der Stolz und die Freude seines Volkes ist

V. u.– n.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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