Irene, Kaiserin von Constantinopel

Irene, Kaiserin von Constantinopel

Irene, Kaiserin von Constantinopel, geb. zu Athen 752 von unbekannten Eltern, eben so reich ausgestattet an Körper wie an Geist, daß Constantin V. sie zur Gemahlin seines Sohnes Leo erwählte. Sie gewann bald das Vertrauen und die Liebe ihres Gatten, dessen schwacher Gesundheitszustand ihn von den Geschäften entfernt hielt und benutzte ihren Einfluß, um den Verfolgungen gegen die Priester, welche den Bilderdienst unterstützten, ein Ziel zu setzen. Kurz vor Leo's IV. Tode, der sich auf die Seite der Bilderstürmer neigte, entdeckte er voll Zorn einige Bilder in den Zimmern der Kaiserin, erklärte sie für eine Betrügerin und Meineidige, und brach jeden Umgang mit ihr ab. Wirklich hatte Irene, die in den Gebräuchen der katholischen Kirche erzogen worden war, dem Kaiser Constantin V. auf die heiligen Mysterien einen Schwur abgelegt sich nie dem Bilderdienste zu weihen; sie machte sich jedoch selten ein Gewissen daraus, ihrem Ehrgeize die heiligsten Pflichten zu opfern. Nach dem Tode Leo's 780 öffnete sich ihrer Herrschsucht eine neue, glänzende Bahn, da ihr, während der Minderjährigkeit ihres Sohnes Constantin's VI., die Leitung der Geschäfte übertragen wurde. Irene besaß keine der Schwächen ihres Geschlechtes, aber dafür alle Laster einer ungezügelten Ehrsucht, die in ihrem Herzen selbst die mächtige Stimme der Natur übertönte. Unempfindlich gegen alle Freuden, außer der, zu herrschen, suchte sie weniger den ihr anvertrauten Thronerben zu einem tüchtigen Regenten heranzubilden, als selbst zu regieren, und bemühte sich nur deßwegen die Krone auf dem Haupte ihres Sohnes zu erhalten, damit sie ihr nicht entginge; und als er sie allein tragen und seine Abhängigkeit von sich werfen wollte, opferte sie ihn mit unnatürlicher Grausamkeit. Gleich im Beginn von Irene's Regentschaft brachen Empörungen aus, an deren Spitze die Brüder ihres verstorbenen Gatten standen, und zum Zweck hatten, ihr die Herrschaft zu entreißen. Sie vereitelte die Hoffnungen Jener durch ihre Wachsamkeit und bestrafte die Anführer mit unerhörter Härte. Nachdem sie im Innern des Reiches die Ruhe wieder hergestellt sah, beschäftigte sie sich, ihre Macht nach außen zu erweitern. Italien war im Begriffe, dem morgenländischen Reiche verloren zu gehen; da sich Irene jedoch zu schwach fühlte, um den kühnen Entwürfen Karl's des Großen mit Erfolg entgegen zu treten, so beschloß sie, durch kluge Politik zu gewinnen, was durch die Gewalt der Waffen nicht möglich gewesen war. In dieser Absicht warb sie für ihren Sohn um die 8 jährige Tochter Karl's des Großen. Nachdem dieß erreicht war, wandte die Kaiserin ihren Blick nach Osten, um den Einfällen der Sarazenen Einhalt zu thun, errang wirklich einige Vortheile, mußte aber mit dem berühmten Harun al Raschid einen kostspieligen Frieden schließen. Hierauf unterwarf sie Sicilien, vertrieb die Slaven aus Griechenland, durchzog mit einem prunkenden Gefolge einen großen Theil der Monarchie, stellte Beröa unter dem Namen Irenopolis wieder her und befestigte außer Philippopolis mehrere andere Orte. Währenddessen hatte die Regentin nicht an Beendigung des Schisma's, das die morgenländische Kirche zerrüttete, denken können. 786 berief sie endlich ein Concilium nach Constantinopel; aber die Bischöfe wurden durch ihre Leibwache, meist eifrige Bilderstürmer, beleidigt; Irene löste die Garde auf und verlegte 787 das Concilium nach Nicäa, wo der Bilderdienst feierlich wieder hergestellt wurde. Unterdessen schien Karl d. Gr. wenig geneigt, seine Ansprüche auf Italien Irenen zu überlassen; die Vermählung mit seiner Tochter zerschlug sich und Irene gab ihrem Sohne eine Gattin von niederer Geburt. Der junge Kaiser hatte jetzt sein zwanzigstes Jahr erreicht, ohne auch nur den geringsten Antheil an der Regierung nehmen zu dürfen. Endlich beredeten ihn seine Freunde, die Kaiserin nach Sicilien zu verbannen und selbst zu herrschen. I. kam der Verschwörung noch vor ihrem Ausbruche auf die Spur; strafte die Theilnehmer mit furchtbarer Strenge, ließ Constantin in einem Zimmer des Schlosses verhaften und versammelte die Truppen, um sich den Eid der Treue ablegen zu lassen. Allein die Armenier weigerten sich und gaben dadurch das Signal zu einem allgemeinen Aufstande, in welchem Constantin VI. sich zum Kaiser ausgerufen sah. Irene wurde in das Schloß Eleutheria, das sie selbst erbaut hatte, verwiesen. Die ehrgeizige Fürstin verbarg ihren brennenden Durst nach Rache, während sie im Geheimen die Priester und Großen zu gewinnen suchte; sie schmeichelte selbst ihrem Sohne und errang dadurch endlich 792, nach einer Verbannung von 15 Monaten, die Erlaubniß, wieder am Hofe zu erscheinen. Das Volk sah Irene's Wiedererscheinen mit eben so viel Freude, als es früher ihre Verbannung verlangt hatte. Nur die armenischen Truppen verharrten in ihrem Hasse gegen die Kaiserin. Constantin, dessen Erziehung in jeder Hinsicht vernachlässigt worden war, erfreute sich in keiner seiner Unternehmungen eines glücklichen Erfolges; seine Unerfahrenheit verwirkte ihm das Vertrauen seines Heeres, und seine beispiellose Strenge erweckte den bittersten Haß. Diese Stimmung der Gemüther benutzte Irene und stellte sich an die Spitze einer Verschwörung gegen ihren Sohn. Er erfuhr den Plan frühe genug, um zu fliehen, wurde aber ergriffen und auf Befehl der unnatürlichen Mutter geblendet. Nun im Besitze des Thrones, des Gegenstandes ihrer heißesten Wünsche, suchte sie auf alle Weise das Gräßliche ihres Verbrechens vergessen zu machen. Sie rief alle Verbannten zurück, verminderte Auflagen und Steuern, beschenkte viele Kirchen und gründete Hospitäler. Allein die mächtige Stimme des Gewissens vermochten diese Wohlthaten nicht so leicht in der eigenen Brust zu beschwichtigen. Die Söhne Constantin's V. lebten schon lange in strenger Hast; Einer war geblendet, zwei anderen hatte man die Zunge verstümmelt, aber der Wunsch, zu herrschen, lebte in ihnen fort. Noch einmal gelang es ihnen, eine Empörung anzustiften, die sie jedoch durch einen martervollen Tod büßen mußten. Zu gleicher Zeit intriguirten zwei Günstlinge Irene's, Staurallus und Aëtius, nicht nur gegen einander, sondern auch gegen ihre Wohlthäterin. Jeder suchte die Krone an sich zu reißen. Der Tod des Ersteren befreite Irenen von dieser drohenden Gefahr. Allein während sie eine Gesandtschaft an Karl d. Gr. schickte, um ihm ihre Hand anzutragen und auf diese Weise dem gänzlichen Verfall ihres Reiches vorzubeugen, nahm Bardanus, einer ihrer Feldherren, den Purpur, indeß zu gleicher Zeit (801) der Großschatzmeister Nicephorus zum Kaiser ausgerufen wurde. Der ehrgeizige Heuchler ließ sich heimlich vom Patriarchen krönen und begab sich dann zu Irene, welche unwohl im Bette lag, betheuerte, daß Gewalt ihn zur Annahme der Krone gezwungen, er jedoch nun seine Macht zu ihrem Glücke benutzen werde. Irene erbat als einzige Gnade von ihm, sich in ihr Schloß Eleutheria zurückziehen zu dürfen. Nicephorus bewilligte die Bitte, doch unter der Bedingung, daß Irene ihm alle ihre Schätze überliefere. Kaum im Besitze derselben, ließ er sie nach Lesbos deportiren, wo die stolze Fürstin ihren Unterhalt durch Spinnen erwerben mußte. Hier starb sie am 9. Aug. 802 im 52. Lebensjahre. Ihr Leichnam wurde nach Constantinopel gebracht, und in dem von ihr gegründeten Kloster beigesetzt.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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