Italien (Literatur und Poesie)

Italien (Literatur und Poesie). (Literatur und Poesie.) Kein Volk der Erde darf sich einer so nationellen, so mannichfaltigen und so glänzenden Blüthenzeit der Literatur rühmen, als das italienische. Ein sieches Alterthum war mit dem Sturze des weströmischen Reichs zu Grabe gegangen, allein selbst auch in den sich daraus gestaltenden rohen Uranfängen einer neuen Zeit, bewährte der Genius die gottentsprossene Kraft und an den Schrift- und Kunstwerken, die sich aus dem Untergange gerettet hatten, entzündete sich das mildklare Himmelslicht der Humanität. Allein nicht ohne blutige Mühen wurde das Juwel geistiger Selbstthätigkeit errungen: aus den Kämpfen der Befreiung von fremder Herrschaft bildeten sich unter innern Stürmen die eigenen Verfassungen der lombardischen Städte und hiermit trat der Charakter der Nation auf das Mächtigste hervor. Im 13. Jahrh. entwickelt, erhob sich im folgenden durch die Florentiner die Literatur zur klassischen Vollendung, und so ging, durch die unsterblichen Schrift- und Kunstschätze der größten Vorzeit, die gleichsam ihre Wiedergeburt erlebten, durch die gewaltigen Erinnerungen an eine Weltherrschaft, durch die Summe von Kraft und Wohlstand der kleinen Freistaaten, durch die allgemein ausgebildete Empfänglichkeit für geistige Genüsse und den Schutz hochgebildeter Fürstengeschlechter, von Italien die gesammte wissenschaftliche und künstlerische Bildung Europa's aus. Leider wurde diese Stufe nur kurze Zeit behauptet; nach dem Falle der politischen Selbstständigkeit hielt ein Despotismus geistlicher und weltlicher Machthaber das moralische wie das nationelle Gefühl unterdrückt, im Innern offenbarten sich unheilbare Spaltungen, im Aeußern Kraftlosigkeit. Und so lastet noch jetzt Unglück auf dem Garten Europa's; verwüstet sind seine reich prangenden Blumenreihen, der Boden aber ist geblieben, ist noch heute so ergiebig wie je vorher, und wird seine Pfleger immer finden. – Die erste der drei Perioden, in welche eine übersichtliche Darstellung der schönen Literatur Italiens zerfällt, beginnt von der Entstehungszeit der Sprache und reicht bis zum Schlusse des 15. Jahrh., der Schwelle des goldenen Zeitalters. Provençalen durchwanderten längst schon den Süden unsers Welttheils, als zuerst in Sicilien unter dem gedeihlichen Einflusse hohenstaufischer Herrscher poetische Versuche aufkeimten: Friedrich II. selbst, sein Sohn Enzio, Pietrodelle Vigne, Vincenziod'Alcamo dichteten Lieder in der Form der Troubadours; durch ihre Nachahmer aber erst, Guido von Arezzo, Brunetto Latini, Cino von Pistoja u.A., gewann der toscanische Dialekt jene entschiedene Oberhand, die durch Dante zur dauernden Autorität erhoben ward. Das Romanzo, welches die Genannten brauchten, war, wie alle aus der lateinischen entstandene Sprachen, zur metrischen Bildung höchst geeignet; der Schmuck des Reimes kam erst mit den nordischen Eroberern in's Land. Da erschien Dante Alighieri (s. d.), der Göttliche, und sprach die Richtung eines neuen Lebens, auf den Säulen des Christenthumes ruhend, in herrlichster Begeisterung aus. Er ist der Vater der Poesie Italiens nicht nur, sondern der des gesammten Europa. Durch Francesco Petrarca (s. d.), dessen Lieder von der ganzen Folgezeit unerreicht geblieben sind, erlangte die Lyrik ihre Vollendung; unter den Nachfolgern des großen Meisters sind nur Poliziano und Accolti, Curico Aretino genannt, hervorzuheben. Die epische Dichtungsart erhob zuerst Giov.Boccaccio (s. d.); denn Dante's Riesenwerk: »La divina Commedia,« der großartigste Grenzstein zwischen dem Alterthume und der neuen Zeit, das erste vollendete Kunstwerk der letztern, darf keiner Dichtgattung untergeordnet werden. Als Vorläufer Ariost's sind Pulci und Bojardo zu nennen. Im Roman ist Boccaccio's »Decamerone« allen spätern Erzählern Muster geworden; dagegen blieben Didaktik und Drama in diesem Zeitraume noch weit zurück. Die zweite, die Blüthenperiode der italienischen Poesie, sah in jeder Hinsicht die gewaltigsten, bewundernswerthesten Fortschritte, und die ästhetische Kultur Italiens eilte weit der aller andern Nationen voran. In Petrarca's Stile wetteiferten Cariteo, Broccardo, Pietro Bembo, Francesco Molza, Gaspara Stamba, Alessandro Allegri; das romantische Epos erhoben auf die höchste Stufe der Ausbildung Lodovico Ariosto (s. d.), dessen »Orlando furioso« an schöpferischem Genie, wundervoller Dichtung und klassischer Lieblichkeit der Sprache überreich ist, und Torquato Tasso (s. d.), der in seinem »Gerusalemme liberata« den Heldengeist des Ritterthums mit den Elementen begeisterter Liebe, erhabenen Muthes, heiligen Ehrgefühls und frommen, aufopfernden Glaubens mit der höchsten Würde und in einer Sprache verkündet, die, dem Ohre Musik, an Kraft, Schönheit und Pracht nie wird erreicht werden können. Unter vielen Erzeugnissen dramatischer Poesie findet sich kein Meisterwerk, und selbst Tasso's »Torrismondo« hält mit seinen übrigen Dichtungen durchaus keinen Vergleich aus. Dagegen entwickelte sich in diesem 16. Jahrh. die Prosa zur höchsten denkbaren Vortrefflichkeit. Denkmäler sind im didaktischen Stile die Schriften von Marchiavelli, im artistischen die des Benvenuto Cellini, Giorgio Vasari, Sperone Speroni; die dialogische Kunst ward durch die Satiriker Pietro von Arezzo und Giambattista Gelli gefordert. Diese Periode, die glänzendste aller Literaturgeschichten, beschließt Guarini, der in dem merklichen Verfalle der Poesie, wie er sich, namentlich in Marini's Schöpfungen, schon am Ende des Jahrhunderts offenbarte, als der würdige Sohn einer so reichen Vergangenheit allein erwähnenswerth ist. – Die dritte und letzte Periode sah in ihrem Beginne die Lyrik und die Satire fast ausschließlich bebaut, in der erstern glänzten Fulvio Festi, Alessandro Marchetti, Felice Zappi, in der letztern Tassoni, Lalli, Lazarelli, Maggi; das 18. Jahrhundert dagegen hebt die Namen Rolli, Fragone, Metastasio als berühmteste hervor. Die neueste Zeit ist wieder reich an trefflichen Produkten, namentlich lyrischer Poesie, Bondi, Fantoni, Monti, Silvio Pellico, Gherardo de Rossi zeichneten sich aus, während auch die Kunst der Improvisatoren (s. d.) die regste Theilnahme fand. Die dramatische Dichtungsart, im Lustspiel durch Goldoni (s. d.) u. A., in der Tragödie durch Alfieri (s. d.) bereichert, zählt viele achtungswerthe Erzeugnisse. Nicolini, Manzoni, S. Pellico, Federici und Nota gehören der letzten Zeit an, früher schon war das idyllische Drama durch Guarini und Buonarotti vorzüglich gehoben worden. Ausgezeichnete Erscheinungen sind ferner Casti, dessen »Novelle galanti« und Ugo Foscolo, dessen »Ultime lettere di Ja- copo Ortis« in Aller Händen sind; auf dem Felde des Romnans ist in neuester Zeit wenig geleistet worden, so bedeutend auch das Fach der Novelle kultivirt worden ist, Manzoni's »Spos promessi und Rosini's »Monaca di Monza« aber gehören zu den Ausnahmen.

T.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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