Italien (Musik)

Italien (Musik). (Musik.) Die Geschichte der italien. Musik ist zugleich die Jugendgeschichte dieser Kunst überhaupt; denn diese wurde erzogen unter der Aegide der christl. Religion, deren zweite Heimath Italien war. Das Bedürfniß, die Anbetung und den Preis Gottes, in erhöhter, begeisterter Sprache (Gesang) auszudrucken – auf das natürliche Gefühl des Menschen gegründet– war aus heidnischer und jüdischer Vorzeit der christl. Religion überkommen, aber die dürftigen Nachrichten über den Zustand dieser musikalischen Kindheit lassen sehr bezweifeln, daß injenem unruhigen Drängen der Völker viel mehr als der Gebrauch sich fortpflanzte. Jetzt finden wir die Wiege dieser Kunst hinter düstern Kllostermauern und in der einsamen Zelle der Mönche, und diese Abgeschlossenheit gab ihr eine zwar einförmige, aber sorgsame Erziehung, die sie stark machte, um später mit stolzer Kraft, wie ein junger Aar seinem einsamen Felsensitze zu entfliehen Und seine Schwingen in siegender Freiheit auszubreiten. Wenig Bestimmtes gelangte aus jener Zeit auf uns. Wir finde die Namen Guido von Arezzo (4020) und Marchettus in Italien, aber zugleich, daß nordischer Fleiß und grübelnder Verstand fähiger war, eine feste theoretische Grundlage der neuen Kunst zu finden, als die Bemühung des Südländers. Belgien und Holland wurden das Vaterland mehrerer Kirchencomponisten (De Muris 1330, Ockenheim 1450, Josquin 1500, Villars 1550). Sie erhoben zuerst die Musik auf einen höheren Standpunkt. Mehrere derselben fanden ihre zweite Heimath in Italien und ihre Intelligenz leitete und erzog die italien. Talente. Hierdurch entwickelte sich bald eine schönere Periode, der italien. Geist vereinte sich mit dem ernsterm Studium Jener, und stellte sich mildernd und klarer zu Jener Kraft und Künstelei, wie ein blauer Himmel über einer finstern Landschaft. Der Held dieser Periode war Palestrina (1580). Ihm folgten Nanini, Zarlino, Allegri. Unter Palestrina's nächsten Nachfolgern hatte die Musik eine so große Erweiterung ihrer Bildung erreicht, daß sie sich nicht langer in den Banden der Religion halten ließ. Die engen Formen, die der christl. Kultus in den Hallen der Tempel vorschrieb, waren erschöpft und man vermochte nicht stehen zu bleiben. Man schuf statt der Chöre einstimmige Gesänge, wagte die Begleitung einiger Instrumente, nahm endlich eine Zusammenstellung von Sologesängen und Chorsätzen aus der christlichen Sagenwelt, dramatisch-lyrische Themen, und machte Oratorien. Statt der christlichen Sagen drängten sich bald mythische und heidnische ein; die Kirche und die frommen Versammlungshäuser der Christen verstießen diese musik. Ausartung und die Oper entstand. – (Peri 1600, erste Oper: Euridice. Carissimi, 1640. – Astorja, Caldara, Marcello, Scarlatti 1700. Durante 1720, Leo, Pergolesi, Porpora 1750. Majo. Alle diese waren zugleich und fast vorzüglich Componisten der Kirche.) So war das frühere Kind selbst Mutter geworden; aber das Neugeborne wurde von da an das Eigenthum der Welt, Herrscherin der Seelen, ihr Thron die Phantasie; und während die Kirchenmusik den Zenithpunkt ihrer Laufbahn erreicht hatte, reiste die Oper zu einer größern Ausbildung empor. In dieser Freiheit nun streiften sich von der italischen Musik mehr und mehr alle Reste jener frühern Fesseln, alle so fest gewurzelten Merkmale jener in früherer Zeit empfangenen nordischen künstlicheren und tieferen Richtung ab. In der freiern Ausübung der Kunst, in der weltlichen Bestimmung, in der Allgemeinheit des Genusses entfloh aller Einfluß der ersten Erziehung und der Charakter des Landes und Volkes begann sein Vorrecht auf die Bildung und Umbildung der italien. Musik geltend zu machen. Nicht die hohen Marmorbogen waren jetzt die Kerker der Kunst, sondern Italiens duftige Hügel, sein heiterer Himmel, sein blaues Meer war ihre Heimath geworden, und ihr Tummelplatz die Bühne, der Widerschein eines freudigen sinnlichen Lebens. Jene Menschen, die sich mit heißem Blute dem Strom ihrer Gefühle hingaben und in begieriger Ungebundenheit alle Genüsse des Augenblicks erfaßten, waren das Forum, vor das die italien. Musik gezogen wurde, und aus ihrer Mitte erstanden und erstehen jetzt die Maëstri, die mit einem Schatz von Talent und eben so großartig-keckem Kunstleichtsinne ausgerüstet, jene Musik schaffen, die ihrem Volke unnennbares Entzücken und sich selbst üppige, aber oft früh welkende Lorbeern bringt, jene Musik, die unsere eben so rigoristischen, als lächerlich einseitigen Kunstrichter, sogar Künstler verdammen, und der wir doch so gern lauschen und deren Töne uns erwärmen, wie der grüßende Hauch des Südens. – So blieb in Italien das poetische Gedicht der Musik, ihre weibliche Schönheit, der Gesang (die Melodie), nach Deutschland wanderte ihre männliche Kraft, ihre poetische Prosa, der Instrumentalsatz (die Harmonie); und da von zwei Hälften keine dritte übrig bleibt, mußten sich die Franzosen ihren Theil aus dem Abfall beider zusammensuchen. – Die italien. Componisten ersten Ranges würden bis zur Gegenwart folgende sein: 1750, Piccini, 1780, Sacchini, Cimarosa, Cherubini, Martini, Paesiello, Salieri, Santi, Zingarelli, Paer, Righini, Rossini, Paccini, Bellini, Donizetti etc.

–k.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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