Josephine, Kaiserin der Franzosen

Josephine, Kaiserin der Franzosen. Wenn es nicht zu den Ausnahmen gehört, daß Menschen, die durch Geist oder Herz als außerordentlich erscheinen, auch durch seltene Schicksale ausgezeichnet werden, so sind es sehr oft eben die Verwickelungen der Verhältnisse, deren Einwirkung jene Eigenschaften dem Lichte der Oeffentlichkeit enthüllt; allein selten wohl oder vielleicht nirgend finden wir diese eben angedeutete Vereinigung so innig, als in den Lebensumständen einer Frau, die auf den glänzendsten Thron der Welt erhoben, als der gute Engel Frankreichs von Millionen gesegnet ward. Josephine Maria Rosa Tascher de la Pagerie ward am 24. Juni 1763 auf der Insel Martinique gerade zu dem Zeitpunkte geboren, als dieselbe unter Frankreichs Scepter gekommen war. Die Familie, der sie angehörte, war angesehen und wohlhabend, und Josephine, die schon als Kind die schöne Kreolin genannt wurde, erhielt von ihren Eltern die sorgfältigste Erziehung. Dabei zeigte sie eine seltene Entschlossenheit und eine Charakterstärke, die ihrer Jugend weit voraneilte und ihr während ihres ganzen erfahrungsreichen Lebens eigen blieb. Eine Neigung zu einem jungen Engländer, ohne die Zustimmung ihrer Eltern gefaßt, glaubte ihr besorgter Vater dadurch zu ersticken, daß er Josephinen die Briefe des Geliebten, nachdem beide durch dessen Abreise nach Europa getrennt worden waren, vorenthielt. Sie glaubte ihn treulos und fügte sich dem elterlichen Willen, der ihre Hand dem jungen Marquis von Beauharnais, dessen Vater früher Gouverneur der Insel gewesen war, bestimmt hatte. Kaum sechszehn Jahr alt, ward sie seine Gattin und folgte ihm nach Frankreich, wo beide zu Fontainebleau ihren Aufenthalt nahmen. Josephine mußte sich hier bald von zwei schmerzlichen Erfahrungen zugleich überzeugt sehen; ihr früh geliebter William war ihr treu geblieben, während ihren Gatten die Fesseln einer andern umstrickt hielten. Dennoch war die edle Frau von der Heiligkeit ihrer Pflichten so innig durchdrungen, daß sich ihr ganzes Streben dahin richtete, wenigstens der Achtung ihres Gemahles versichert zu bleiben, wenn sie es nicht vermöchte, seine Liebe zu gewinnen. Josephine, die unterdessen einem Sohne und einer Tochter das Leben gegeben hatte, zog sich mit Hortensien in ein Kloster zurück, während Eugen einer öffentlichen Anstalt zur Erziehung anvertraut ward. Endlich wurde der Prozeß mit Beauharnais gegen diesen entschieden und seine tugendhafte Gattin der Welt zurückgegeben. Sie besuchte für einige Monate ihre Heimath und kehrte dann mit der Aussicht eines verblichenen, zerstörten Lebenshimmels nach Frankreich zurück. Eine völlige Aussöhnung mit ihrem Gemahl war das erste überraschend freudige Begegniß, womit ihr neues Vaterland sie bewillkommnete. Inzwischen hatten sich die Gewitter der Revolution zusammengezogen, die Nationalversammlung wurde berufen, die Emigrationen begannen; Herr von Beauharnais, der an der Spitze der Alpenarmee in Italien gefochten hatte, und als rechtlicher Mann, seiner Verdienste sich bewußt, das Loos des auswandernden Adels zu theilen verschmähte, wurde den Machthabern verdächtig und starb unter der Guillotine am 23. Juli 1794. Der nächste Tag schon sollte auch seine edelmüthige Gattin unter das Beil des Henkers liefern, derselbe 24. Juli aber stürzte Robespierre, das Direktorium trat zusammen, und Josephine war gerettet. Einer der Direktoren aber war Barras, dessen Gunst sie mit dem General Bonaparte in Berührung brachte. Gleich nach ihrer Vermählung, die am 8. März 1796 Statt fand, reiste der Obergeneral zur Armee ab; von Siegen zu Siegen eilend, unterwarf er Italien, und von ihm aufgefordert, seine Triumphe zu theilen, kam Josephine nach Mailand, und begleitete, nachdem der Friede von Campo Formio den Feldzug 1797 beendigt hatte, Bonaparte zum rastadter Congreß. Hier war es, wo sich die meisten der nachfolgenden großen Ereignisse vorbereiteten; der Obergeneral sollte nach den Planen des Direktoriums entfernt, seinem Einflusse gesteuert, seiner Thatkraft ein ableitender, weitgelegener Wirkungskreis angewiesen werden – man schickte ihn nach Aegypten. Von dort zurückgekehrt, war bereits der Befehl gegeben, ihn zu verhaften; unter Josephinens und der Freunde Murat, Massena, Moreau, Augereau, Lefebvre Mitwirkung, durch die Ergebenheit der Armee gelang seine Rettung. Der 18. Brumaire sah das Direktorium gestürzt und Bonaparte als ersten Konsul. Josephine, die bei dem Allen auf das Thätigste die Hand im Spiele gehabt hatte, konnte sich dessen nicht erfreuen. Ihr Geist schaute in die Zukunft, und mehr noch als ihre dunkeln Ahnungen bestärkten sie in ihrer Furcht Handlungen, durch die ihr Gemahl seine ehrgeizigen Entwürfe unzweideutig zu erkennen gab. Als Engel der Milde und des Friedens stand sie ihm zur Seite – Bonaparte's Ehrgeiz aber war größer als seine Liebe zu Josephinen, zur Gerechtigkeit, zur Tugend. Der 21. December 1804 setzte die Kaiserkrone auf ihr Haupt und Napoleon war schon damals unzart genug, den Gedanken der Trennung nicht unausgesprochen zu lassen. Der Tod von Hortensia's, die an Ludwig Bonaparte vermählt war, ältestem Sohne, dem bestimmten Thronfolger des Kaiserreichs, gab dazu die Veranlassung. Josephine mußte auch mit dieser Idee vertraut werden, ihre starke Seele lernte es und fand dagegen einigen Ersatz in dem Glück ihrer Kinder; namentlich Eugen's, der zum Vicekönig von Italien erhoben und mit der liebenswürdigen Prinzessin von Baiern verbunden war. Sie zog sich von dem öffentlichen Leben, aus dem Druck der Palastpolizei, die ihr im höchsten Grade hatte lästig werden müssen, nach Malmaison zurück, für welches sie von früher her eine entschiedene Vorliebe hatte, und das sie sich ganz nach ihrem Geschmack einrichtete. Napoleon besuchte sie dort oft und Josephine schien für die letzten Jahre ihrer Hoheit ganz dem Glück eines freundlichen, friedlichen Lebens zurückgegeben. Die Feldzuge von 1805 und 1806 entfernten beide Ehegatten immer mehr; und obwohl die Kaiserin bereits gelernt hatte, ihre Mißbilligung des Immerhöherstrebens Napoleon's zurückzuhalten, so war doch die Behandlung der spanischen Königsfamilie eine neue Gewaltthat, die ihrem weiblich sanften Gemüthe schmerzlich wehe that. So war das Jahr 1809 herangekommen, der Kaiser siegte in Deutschland, Wien öffnete seine Thore, Napoleon nahm seinen Aufenthalt in Schönbrunn, und hier war es, wo zuerst der Gedanke in ihm entstand, sich mit der jungen Erzherzogin Marie Luise zu verbinden. Er selbst unterrichtete davon Josephinen, und wie viel man auch von der Gleichgiltigkeit gesprochen hat, die er ihr dabei gezeigt haben soll, so ist doch zur Ehre der Wahrheit dieser Annahme bestimmt zu widersprechen und dieselbe vielmehr dahin zu berichtigen, daß Napoleon für Augenblicke sogar einem Bedauern und einer Rührung Raum verstattete und den hohen Werth seiner vortrefflichen Gemahlin vollkommen anerkennend, die Ausführung des einmal gefaßten Planes zu verzögern suchte. Der Erzkanzler Cambacérès kündigte ihr endlich den Beschluß an, Eugen übergab dem Staatsrath die Scheidungsakte und Josephine unterzeichnete sie am 16. Decbr. 1809. Die geistliche Scheidung ward am 12. Januar 1810 von den Kardinälen Fesch und Maury ausgesprochen und am 8. Februar kündigte Napoleon seine neue Vermählung an. Josephinens tiefe Trauer ging bald in eine milde Schwermuth über, die ihr die Fassung, so viel sie deren bedurfte, um der kaiserlichen Braut glücklichere Tage zu wünschen, als ihr zu Theil geworden waren, wiedergab. Der Kaiser besuchte sie oft in Malmaison und versicherte sie jedes Mal seiner höchsten Achtung und zärtlichsten Ergebenheit. Mit ahnungsvoller Seele sah sie ihn nach Rußland ziehen und mit dem lebhaftesten Schmerze vernahm sie den unglücklichen Ausgang des Feldzugs 1813. Kurz vor der Uebergabe der Hauptstadt nahm Napoleon Abschied von ihr – auf immer, denn er sah sie nicht wieder! Josephine begab sich für kurze Zeit nach dem Schlosse Navarra, kehrte aber nach Malmaison zurück, als ihr die verbündeten Monarchen einen Besuch dort ankündigten. Vorzüglich Alexander widmete ihr die zarteste Aufmerksamkeit. Ihre Kinder waren um sie, ihnen und ihr ließ Ludwig XVIII. die schmeichelhafteste Auszeichnung angedeihen, das Alles aber vermochte nicht die Blüthe ihrer durch so vielen Kummer der Entsagung untergrabenen Gesundheit aufzufrischen. Ein Brief Napoleon's, worin er ihr Murat's Verrätherei anzeigte, vollendete, was das Gewicht so vieler schmerzlichen Eindrücke und Erfahrungen lange vorbereitet hatte, sie versank bei völligem Bewußtsein und mit der ganzen Klarheit ihrer großen, edeln Seele in die Nacht der Auflösung. Ihre Kinder segnend, betrachtete sie noch einmal die Büste des Kaisers und starb – ein Gebet für ihn auf den frommen Lippen. Es war der 29. Mai 1814. Alexander traf wenige Augenblicke nach ihrem Verscheiden im Sterbezimmer ein. Ihre letzten Worte – und der Tod ist ewig wahr – enthalten zugleich ihr schönstes Lob, auch wenn nicht Alle, die sie kannten, dir Wahrheit bestätigen müßten: »ich darf sagen,« waren diese Worte, »daß durch mich nie eine Thräne geflossen ist!«

R.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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