Kopfputz

Kopfputz. Das Bestreben den Kopf, als den schönsten und edelsten Körpertheil, zu schmücken und zu schützen, ist fast allen Nationen gemein, und zahllos, wie die Sprachen derselben, sind die Formen, welche Männer wie Frauen ihrem Kopfputze geben. Fast ohne Widerspruch gilt bei uns die Meinung, daß die Trachten der civilisirten Welt die der Naturvölker an Schönheit übertreffen obschon wir diesem, aus vielen, Klima wie Wohlstand betreffenden Gründen, nicht zu widersprechen wagen, so mag doch kühn behauptet werden, daß im Alterthume sowohl, als bei manchen unsrer uncivilisirten Mitbrüder, gerade der Kopfputz weit origineller und malerisch schöner erscheint, als die köstlichste Fabrikation der ersten Pariser Modehändlerin. Allerdings meinen wir hiermit nicht den aus hundert und mehr Ellen falscher Haarflechten zusammengesetzten Thurmbau auf dem Scheitel der sanften Otaheiterin, noch das bis zum Wirbelschopf geschorne und durch Federn gezierte Haupt des Irokesen; aber wohl möchten wir wünschen, daß Lockenmassen wie Flechten der Europäerin zu jener Einfachheit zurückkehrten, die wir als ewigen Typus der Schönheit an des alten Griechenlands Götterbildern finden. Am wenigsten abgewichen von diesen Idealen zeigt sich die Südländerin, versteht sich im Volke, und wenn gleich nicht zu läugnen steht, daß trüber, nördlicher Himmel eine schützende Kopfbedeckung erheischt und unsere Winde des zarten Schleiers, wie der flatternden Haarflechten und der Refilla spotten würden, so haben wir doch Ursache uns zu freuen, daß wenigstens die Periode des blühendsten Unsinnes im weiblichen Kopfputze (das 18. Jahrhundert) vorübergegangen ist und dem Bessern Platz gemacht hat. Blicken wir auf jene, für die Tyrannei der Mode ewig denkwürdige Zeit, so sehen wir, mit Uebergehung des lächerlichen, als Folge der Revolution eingetretenen, griechischen Wendepunktes, die Herren und Damen von 1700–1789 und weiter mit so groteskem Kopfputz, daß die Häßlichkeit der Perücken nur mit der gleich großen der weiblichen Kopfzeuge verglichen werden kann. Die unerläßliche Basis derselben war eine gesteppte Mütze bonnet piqué), über welcher sich dann erst das Drahtgerüst (carcasse), das die Form bedingte und den Stoff stützte, erhob. Eine Unmasse von Kanten, Nesseltuch, Bändern, Flor, Blumen oder Federn bildete darüber die Haube, den pouf, die toque, je nachdem es sonst der Putzmacherin beliebte, ihr Machwerk zu nennen. Wichtige politische Ereignisse, mythologische Erinnerungen u. s. w. dienten dann dazu, noch ein à la hinzuzufügen und so schaute man denn 1778 auf den Frisuren ein dreimastiges Schiff mit sieben aufgezogenen Segeln, und nannte diesen bewundernswürdigen Kopfputz à la belle poule, zum Andenken an die französische Fregatte gleiches Namens, die sich beim Ausbruch des damaligen Seekrieges ganz besonders tapfer gehalten hatte. Eine andere, nicht minder seltsame Erfindung der Art hieß à l'aigrette parasol, d. h. vermöge kleiner, unsichtbar angebrachter Stahlfedern konnte bei drückendem Sonnenbrande ein kleiner Sonnenschirm über dem Haarwulste ausgespannt werden. Die obligaten, Würsten ähnlichen Locken voll Pomade und Puder deckten den Hals, wie der Schirm die Augen. Zu Ehren der Göttin Ceres nannte man einen dritten Kopfputz, der so ausgeführt ward, daß die auf dem Wirbel emporgesträubten Haarspitzen eine mit mehrern Bändern umwickelte Garbe vorstellten und wahrhaft unbeschreiblich erschien ein vierter, der den drolligen Namen au chien couchant führte. Fügen wir hierzu noch die wirklich gräulichen Kopfputze à la harpie, à l'hérisson mit seinen Variationen und das aus den schreiendsten Farben zusammengesetzte bonnet en gueule de loup (Wolfsrachenhaube) hinzu, so pflichtet uns gewiß Jedermann bei, wenn wir das zierliche, keck auf einem Ohre balancirte Rothmützchen der Morlackin und die mit bunten Glaskorallen gestickten Stirn- und Zopfbänder der Jacutin, weit hübscher finden. Spaßhaft ist es endlich, die vielen Verunstaltungen des türkischen Bundes, die zu jener Zeit en vogue waren, zu vergleichen. Die reizende Circassierin, welche ihr glänzendes Rabenhaar unter einem mit Gold durchwirkten Stück Seidenzeug von prächtiger Farbe birgt und diesem einfachen Kopfstück die niedlichsten Gestalten zu geben weiß, während einzelne kunstlose Locken auf den weißen Nacken, gleichsam entschlüpft, fallen, wie würde sie mitleidig gelächelt haben, wenn ihr das Kopfzeug der französischen Damen à la circassienne geheißen, gezeigt worden wäre. Langsam zurückgehend, begegnen wir außerdem den Fontangen und wunderlichen Haargebäuden vieler Art, bis endlich das Auge wohlgefällig im siebzehnten Jahrhundert auf dem wallenden Gelock der schönen Anna von Oestreich, Frankreichs gefallsüchtiger Königin, ruht. Wohl zierte die Krone ihr Haupt, doch eben so geschmackvoll ersetzten Blumen und Schleifen dieß Hoheitszeichen auf dem Haare ihrer Zeitgenossinnen, wie denn auch der kleine spanische Sammthut, den die Frauen mit herabwehender Feder schon zu Franz I. Zeit trugen, noch nicht völlig verschwunden war. Maria von Medicis, die reizende, zweite Gemahlin Heinrich's IV., erscheint auf alten Gemälden mit leicht um das holde Gesicht gekräuselten Löckchen, indem das Hinterhaar in einen kleinen Bügel vorwärts nach der Stirn geneigt ist und Gabrielens niedliches Köpfchen umgeben wiederum nur dichte, aufgebauschte Lockenreihen. Die schweren Hauben in Hörnerform, deren wir bereits früher beschreibend gedachten (s. Frankreich, Moden), die Sammtmützchen der Ritterdamen und Bürgerfrauen des Mittelalters, wer vermöchte ihre mannichfachen Abstufungen sämmtlich genügend zurückzurufen! Mit Letztern wechselte, vorzüglich bei Jüngern, der Schleier, und noch immer wird er von den Brabanterinnen und außer dem Oriente auch im Süden Europa's getragen. Die Spanierin umschließt daneben noch ihre reichen Haarflechten durch die bunte Refilla, die gegenwärtig als neuste Modelaune auf die Coiffure der Pariser Balldamen übergegangen ist und wahrscheinlich le tour d'Europe machen wird, wie Alles, was von dort in der Art ausgeht. Je mehr sich nun aber die höhern Klassen der Gesellschaft in den Nachbarländern Frankreichs bestreben, ihre Tracht nach dem von jener Hauptstadt vorgeschriebenen Modell unermüdlich zu ändern, je fester halten dagegen die Landleute fast allenthalben am Alten und vorzüglich an der Gestalt des Kopfputzes, den ihre Vorfahren erkoren hatten. Nirgends zeigt sich dieß auffallender als in den pyrenäischen Landstrichen und in der Boccage, dem waldigen Theile der Vendée. Die Bewohnerinnen jedes Dorfes daselbst haben ihre eigenthümliche, aus grauer Vorzeit stammende Form des Kopfputzes, an dem sogleich zu sehen, welcher Gemeinde die Trägerin angehört. In der Schweiz und einigen östreichischen Provinzen, bei den slavischen Abkömmlingen u. s. w. findet sich mitunter das Nämliche; allein nirgends geht die Kopfputz-Bezeichnung weiter als in dem Morgenlande, wo die Farbe und Form desselben sogar Stand und Religion angibt. So ist es z. B. pur den Emiren, d. h. denen, die sich von der Tochter des Propheten abzustammen rühmen, erlaubt, den grünen, weiß umwundenen Turban zu tragen. Der Kalpak, eine hohe, mit Baumwolle gefütterte, oben mit Tuch, unten mit Lammfell überzogene Mütze ist die Kopfbedeckung der orientalischen Christen und Tataren. Der Bund der ehemaligen Mamelucken war breit und sehr malerisch, der Bewohner der Wüste hingegen, Arabiens Beduine, hüllt sich in eine Decke von grobem Filz, die Kopfputz und Kleid zugleich vorstellt. Der Neger, Kaffer, Hottentott, dem die Glut der Aequatorsonne auf den Scheitel brennt, verschmäht jeden Kopfputz, der mehr als eine leichte Zierde von Federn oder Thierknochen, Muscheln u. dergl. wäre. Die Wilden aller Erdgürtel lieben nur dieß und bedienen sich daneben der Blätter ihrer Riesenpflanzen zu Schirmen und Fächern. Die Bajadere, wie die sittsame Braminentochter Indiens, schmückt ebenfalls ihr Haupt nur mit der heiligen Lotusblume, und unter allen Frauen Asiens sind es bloß die der Chinesen, die einen Kopfputz, und zwar den originellsten, tragen. Auf den dicken, mit Gold und Silberblumen durchflochtenen, Zöpfen erhebt sich bei einigen die Gestalt eines fabelhaften Wundervogels, Fong hoang. Nach dem Vermögen seiner Besitzerin ist er entweder aus Kupfer oder vergoldetem Zinnober. Der ganze Vogel steht auf dem Haupte und bewegt sich, da seine Füße im Haare festgemacht sind, bei jeder Bewegung der Dame hin und her. Seine ausgebreiteten Flügel fallen über die Schläfe derselben, der lange, aufgespreizte Schwanz bildet einen Federbusch, der Leib des Thieres steht über der Stirn, uud Hals wie Schnabel senken sich auf die Nase der Schönen. Reiche und vornehme Frauenzimmer verwenden zu diesem Hauptschmucke sogar mehrere dergleichen Vögel, die dann eine Krone bilden, doch begnügen sich insgemein die jungen Damen mit einer Krone von Kartenpapier, die mit farbiger Seide überzogen wird. Diese formt über der Stirn eine Art Diadem und ist mit Perlen, Edelsteinen und andern Zierathen geschmückt. Natürliche, doch auch künstliche Blumen und glänzende Schmucknadeln überragen diesen Kopfputz, den ältere Frauen, vorzüglich ärmere, durch ein den Kopf einige Male umwickelndes Stück Seidenzeug, Pao teon, die seidene Windel genannt, ersetzen. Der Gebrauch der Kreolinnen, das Haupt mit einem bunten Madrastuche, in gefälligen Formen zu umwinden, kommt dem sehr nahe, und es ist zu bedauern, daß die überall eindringenden französischen Hüte und Hauben auch unter ihnen diesen einem geistreichen Gesicht so gut stehenden Kopfputz gänzlich verdrängen werden.

F.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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