Anna von Frankreich

Anna von Frankreich, älteste Tochter Ludwig's XI. und Charlotten's von Savoyen, wird uns in der Geschichte als eine mit durchdringendem Geiste und ausgebreiteten Kenntnissen, mit Muth und Festigkeit begabte, ausgezeichnete Frau geschildert. Anna war mit Peter II., Herrn von Beaujeu, nachmaligem Herzog von Bourbon, vermählt, und von Ludwig XI. bis zum reiferen Alter ihres Bruders, Karl's VIII. zur Regentinn bestimmt. Ob sie schon früher von ihrem Vater in die Geheimnisse des Staates und der Verwaltung eingeweiht wurde, ist uns unbekannt, doch müssen wir daran zweifeln, da Ludwig XI. mit peinlicher Aengstlichkeit selbst seinen nächsten Anverwandten, den Dauphin und den Herzog von Orleans, von jeder Theilnahme an den Regierungsgeschäften zurückhielt; eben so wenig können wir mit Bestimmtheit über Anna's erste Lebensjahre und Jugend Etwas auffinden. denn erst nach dem Tode Ludwig's, der 1483 erfolgte, gewinnt sie geschichtliche Bedeutung. Einer Ordonnanz Karl's V. zu Folge, war Karl VIII., der im vierzehnten Jahre den französischen Thron bestieg, volljährig; aber diese Volljährigkeit, die mehr der Form als der That nach bestand, ließ eben deßhalb nur um so mehr das Bedürfniß fühlen, das Ruder des Staates stärkeren Händen anzuvertrauen. Anna rechtfertigte die Wahl ihres Vaters. Es gelang ihr, die verschiedenen Parteien, welche sich gegen ihre Regentschaft bildeten, zu besänftigen. Ludwig, Herzog von Orleans, muthmaßlicher Thron. erbe, falls der Dauphin, ohne Nachkommen zu hinterlassen, sterben sollte, betrachtete Anna's Ernennung als eine Ungerechtigkeit, die man gegen ihn, den ersten Prinzen des königlichen Hauses, beging. Der Herzog Johann von Bourbon, älterer Bruder des Herrn von Beaujeu, glaubte sich durch seine dem Staate geleisteten vielfachen Dienste gleichfalls zur Theilnahme an der Regierung berechtigt. Der Hof theilte sich zwischen diese drei Mitbewerber, von denen jeder im Geheimen seine Kabalen spann, jeder sich eine mächtige Partei zu bilden hoffte. Anna sah die verderblichen Folgen, welche unstreitig dieser innere Zwiespalt nach sich ziehen würde, voraus, und trug auf die Einberufung der Stände an, um ihnen die Entscheidung einer so wichtigen Frage zu überlassen. Eben so klug als gewandt, wußte sich Anna des Geistes des jungen Königs zu bemächtigen, und die Stände dahin zu bewegen, daß sie die Rechtmäßigkeit ihrer Regentschaft anerkannten, jedoch mit dem Vorbehalte, daß alle wichtigeren Anordnungen die Zustimmung von zwölf Räthen erhalten sollten. Nachdem Anna das Ziel ihrer Wünsche auf diese Weise erreicht hatte, und sie ihre Macht durch jenen Ausspruch befestigt sah, ging ihr Bestreben dahin, Eintracht und Frieden im Innern herzustellen und zu erhalten; Ordnung und Regelmäßigkeit in die verschiedenen Zweige der Verwaltung einzuführen; zugleich suchte sie mit umsichtiger Klugheit die Ruhe und Sicherheit des ihr anvertrauten Königreiches auch nach Außen dauernd zu begründen. Unter Anna's Leitung hätte sich Frankreich eines lange entbehrten glücklichen Zustandes erfreuen können, wäre nicht ihr heilsames Wirken durch den unbefriedigten Ehrgeiz des Herzogs von Orleans gehemmt worden. Obgleich Anna Letzteren durch die Ertheilung der Statthalterschaft von Paris, ferner der Provinzen Isle de France, Champagne und Brie besänftigt zu haben glaubte, ergriff er dennoch 1485 die Waffen gegen den König, oder vielmehr gegen die Regentschaft der Anna von Beaujeu. Mit ihm verbanden sich der Graf von Dunois, der Herzog der Bretagne und der Erzherzog Maximilian von Oestreich; überdieß wurde die Provinz Guyenne von dem Grafen von Angouléme zum Aufstande gereizt. Aus diesen schwierigen Verhältnissen wußte sich Anna mit Vorsicht und Klugheit zu ziehen. Der Herzog von Orleans wurde bei St. Aubin durch die Gewalt der königlichen Waffen besiegt, und gerieth in Anna's Gefangenschaft, die ihn volle zwei Jahre in dem festen Thurme von Bourges festhielt. Diese Strenge erscheint einigen Geschichtschreibern mehr eine Folge verschmähter Liebe, als aus dem Wunsche hervorgegangen, das königliche Ansehen zu rächen und zu befestigen. Jedenfalls verursachte ihr die Gefangennehmung des Herzogs große Freude, da sie sich von nun an ohne lästige Mitbewerber an der Regierung sah; der Herzog von Bourbon starb zu derselben Zeit. Doch es nahte der Augenblick, wo Anna, durch das erwachende Selbstgefühl des Königs, von dem Schauplatze so thätiger Wirksamkeit abtreten sollte. Karl VIII. hatte sein neunzehntes Jahr erreicht; sein Verstand und sein Scharfblick ließen ihn endlich das niedere Getreibe des Hofes und Anna's ehrgeizige Plane durchschauen. Der Vormundschaft seiner Schwester müde, war die Befreiung des Herzogs von Orleans, Anna's erbittertsten Feindes, ohne deren Mitwissen, seine erste selbstständige Handlung. Von diesem Zeitpunkte an verlor Anna den großen Einfluß, den sie bisher ausgeübt hatte; aber zu klug, zu welterfahren, ihre Erbitterung zu zeigen, bezeigte sie selbst dem Herzoge ihre Freude über seine Befreiung. Als dieser unter dem Namen Ludwig XII. später den Thron Frankreichs bestieg, überhäufte er Anna, deren Verfolgungen er ausgesetzt gewesen war, mit Wohlthaten; er vergaß die Strenge, mit der sie ihn behandelt hatte, und erinnerte sich nur des vielfachen Guten, welches seinem Vaterlande unter ihrer Leitung zu Theil geworden war. Anna erreichte das hohe Alter von sechzig Jahren, und starb 1522 im Schlosse Chantella.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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