Lissabon

Lissabon. Es ist ein unnennbares Gefühl der Wonne, das uns im weiten Busen des Tejo empfängt, nachdem wir kaum vor wenigen Tagen die Nebelregionen Englands verließen. Nun auf einmal schwebt über uns ein wunderklarer Himmel, von einem so reinen und glänzenden Blau, daß es das Auge kaum ertragen kann; und dieser Himmel spiegelt sich wieder im weiten, silberhellen Busen des Stromes. Während nun unser Schiff ankert bei dem alten Thurm von Belem, der fest, wie eine Burg Gottes auf Felsen gegründet ist, schweift das Auge über ein Wellenmeer von grünen Rebhügeln und Orangengärten, die mit weißen Quintas (Landhäusern) besetzt, den Horizont einrahmen. Bis dahinauf aber dehnt sich ein weites, terrassenförmiges Panorama, das aus einer dicht gedrängten unabsehbaren Masse von 300 Klöstern, Kirchen und Kapellen, und 45,000 Häusern und Palästen mit 270,000 Ew. besteht. Das ist Lissabon. Die Stadt ist offen, ohne Mauern und Thore, von der Landseite nur durch ein Kastell beschützt, von der Stromseite durch vier solcher fester Plätze. Jenseit des dort zwei Meilen breiten Tejo erhebt sich auf einem überhangenden Felsen das malerisch gelegene Fort Almeida. Unzählige Barken, die kleineren von den treuen und zuverlässigen Schiffern aus Algarbien gerudert, gleichen Schwärmen von Wasservögeln, während die stolze Fregatte und zahllose Kauffahrer mit ihren aufgeblähten Segeln gleich Schwänen über den hellen Seespiegel daher gleiten und dann in dem dichten Mastenwald des trefflichen Hafens sich zur Ruhe legen. – Dort am breiten, von Quadern erbauten Quai steigen wir aus. Geräumige, schnurgerade Straßen mit vier Fuß breiten, erhöhten Trottoirs, durch Pfeiler und Ketten geschützt, empfangen uns. Lange Reihen von Palästen, alle blendend weiß, mit grünen Jalousien und zierlichen eisernen Balkons geschmückt, ziehen sich hinauf zu dem geräumigen, regelmäßigen Praco do Commercio (Handelsplatz) mit dem prachtvollen Börsengebäude und der kolossalen Reiterstatüe Königs Joseph I. Weiter hinauf liegt der Roscioplatz, einst für die Auto-dafés dienend, dann der Fruchtmarkt, mit seinen Pyramiden von Orangen, Liebesäpfeln, Cancavelos-Trauben oder andern köstlichen Südfrüchten. Noch weiter hinauf erhebt sich terrassenförmig der Passeio Publico, der öffentliche Spaziergang, der jedoch bei der Eingezogenheit der Frauen und der Trägheit der Portugiesen so wenig besucht wird, daß man nur einige Mönche oder neugierige Fremde dort unter hohen Lorbeerbäumen und ernsten Cypressen wandeln sieht. Bis hierher vorgedrungen, zweifelt der Fremde nicht, eine der schönsten Städte Europa's betreten zu haben. Die breiten herrlichen Straßen sind reinlich und des Nachts beleuchtet; glänzende Equipagen rollen durch eine geschäftige Volksmasse, die aus Bewohnern aller Theile der Erde zusammengesetzt zu sein scheint. Da sieht man den würdevollen Orientalen, mit seinen hellfarbigen Faltengewändern, Neger, Zambos und Mulatten, wohlbeleibte Millionen-Minheers aus Amsterdam, mit ihrem unbeweglichen Phlegma, die glatten Gesichter der Engländer in weiter, auf den Schultern hängenden Modenkleidung, Matrosen von allen Farben und Trachten, Mönche, mit und ohne Bart, beschuhet und barfüßig, grau, weiß, schwarz oder braun gekleidet und vor Allen, überall geschäftig und mit ihren Wassertonnen und Lasten sich durchdrängend, die braunen Galegos (aus dem spanischen Galicien) an ihren Lederkappen kenntlich, 30,000 an der Zahl. Unter den Portugiesen selbst gibt es unendliche Schattirungen. Auch hier, wie überall in der civilisirten Welt, besonders in neuester Zeit verwischt das Moderne immermehr die alte Sitte; doch den portugiesischen Dandy erkennt man leicht an der phantastischen Uebertreibung aller pariser Moden. Immer seltner wird der alte Sebastiano – oder der Stammportugiese, der mit unerschütterlichem Glauben auf die Rückkehr des verzauberten Königs Sebastian und damit der guten alten Zeit hofft; aber noch unterscheidet sich leicht die verschmitzte Physiognomie des Neuchristen (heimlichen Juden) von der des südlichen Abkömmlings der vertriebenen Mauren. Kurz, ein beständiger Carneval scheint hier in den festlich geschmückten Straßen zu herrschen. So ist es wenigstens in dem westlichen Theile der Stadt (o Mejo), welcher seit dem verheerenden Erdbeben von 1755 neu und verschönert aus den Trümmern entstanden ist. Desto schaudervoller ist das Leben und Weben in der stehen gebliebenen Altstadt. Hier, in den engen, krummen Straßen, die bergauf und bergab laufen, zwischen den himmelhohen dunklen Häuserreihen mit ihren, oft wie Vogelbauer vergitterten Balkons, üben ganze Scharen heißhungriger, magerer Hunde das Recht, das Aas aus den Straßen wegzuschleppen. Jeder Unrath aus den Häusern wird dahin gegossen; was der Regen nicht wegschwemmt oder die Sonnenhitze nicht in schwarzen Moder verwandelt, der Wind nicht als Staub durch die wenig schließenden Fenster in die Häuser treibt, bleibt Schlamm, in welchem der stolze Bettler dahin schleicht, um ein Sonnenplätzchen für die Auslegung seiner künstlich unterhaltenen Schäden und Geschwüre zu suchen. Auch die seltsame, zweirädrige Chaise, hoch und eng, mit einem Maulthier in der Gabel und einem nebenher trippelnden Pferdchen bespannt, wagt es mit Gefahr des Umwerfens, durch diese oft aufgerissenen Straßen zu fahren. Und während dort die heiligen Bilder und ihre Votivlampen in den Mauerblenden der Häuser und Kirchen allein das Geschäft der Straßenbeleuchtung übernommen zu haben scheinen, blitzt hier und dort im Dunklen das Auge eines Banditen oder sein Messer, nachdem er vom eifernden Kapuziner den Ablaßzettel gekauft. Dennoch weiß die zierliche, zartbeschuhte Portugesa hierdurch ihren täglichen Weg zur Messe zu finden. Ihre seinen üppigen Formen verhüllt der weiße oder rothe Tuchmantel, das glänzend schwarze Haar versteckt ein Tuch mit hinten herabhängendem Zipfel. Nur das feurige Auge, so strahlend wie schwarze Diamanten, weiß selbst aus dieser halben Verhüllung ihres dunklen Teint's reizend zu kokettiren. Zu ihrem Luxus gehört es, nicht ohne eine Schar eigner oder für jeden Gang gemietheter Dienerinnen auszugehen, die dann paarweise, in gleichfarbigen Mänteln, hinterher trippeln. Das häusliche Leben der Frauen hat noch gar viel Orientalisches. Die Eifersucht der Männer bewacht ihre Freiheit. Der spanische Cortejo (Hausfreund) wird hier nicht zugelassen. Der Mann mit seinem Heer fauler Bedienten, die zum Luxus gehören, besorgt lieber selbst alle Geschäfte der Haushaltung. Müßig und tändelnd sitzen die Senhoras oder Senhoritas am liebsten mit untergeschlagenen Beinen auf zierlichen Strohmatten, oder auf den an den dritten Stockwerken angebrachten Balkons. Der Weg zur Messe ist ihr einziger Ausgang. Ihre beschränkte Bildung wird durch ein heiteres Naturell voll Witz, Laune und Feuer in der Liebe reichlich ersetzt. Ungern sehen es die Männer, wenn sie schreiben können; denn sie fürchten, diese Fertigkeit zu ihrem Nachtheil gebraucht zu sehen.

B....i.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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