Locken

Locken, galten von jeher als ein Haupterforderniß der Schönheit, und wenn sich auch in der Trachtengeschichte der Volker zuweilen Haarschnitte finden, die sie ausschließen, so möchte man doch beinahe annehmen, diese seien nur aufgekommen, um Fehler zu verbergen oder Mängeln abzuhelfen. Frauen und Kinder, die eigentlichen Repräsentanten der Anmuth, entsagten nie diesem holdesten Schmucke des Menschenantlitzes, und die Vorliebe dafür führte gar bald zu künstlichen Mitteln, sich denselben zu verschaffen, wo er fehlte. Aufrollen des Haars, unter ihnen das Unschuldigste, machte bald combinirtern Platz, und schon die kokette Römerin hatte von der Griechin das Brenneisen, womit die haarschmückende Sclavin bewaffnet an der Toilette erschien, entlehnt. Griechenlands hehre Frauengestalten, denen die Grazien selbst den richtigsten Takt eingeflößt zu haben schienen, ließen den Locken stets ihre natürliche und deßhalb schönste Richtung zum Herabsinken auf Nacken, Schläfe oder Stirn. Keine Nadeln fesselten steife Lockenmassen auf dem Scheitel und bauten Wulste daraus zusammen, wie wir auf den Häuptern der römischen Julien und Faustinen erblicken; aber die spätere, im Geschmack entartete Zeit nahm begierig diese Auswüchse des Haarputzes auf und pflanzte die Luft daran fort bis zur bekannten Perükenperiode, wo der Lockenunsinn auf das Höchste stieg. Schon zu Rom waren falsche Haarmassen, Färbestoffe, Puder und Pomaden gebräuchlich; die prunksüchtigen Venetianerinnen im Mittelalter, die Frauen an den Höfen Englands und Frankreichs damaliger Zeit verschmähten denselben Apparat keineswegs, nur während der eigentlichen Herrschaft der Galanterie hatten die modischen Lockenformen in Paris besondere Namen. Es gab darunter »Herzensräuber,« »entschlüpfte Seufzer« etc. Das Frisiren, von allen Lockenvariationen die widerwärtigste, war bereits unter Franz I. geübt worden, und die großen Rollen ähnlichen Locken, denen man viele Jahre später noch erlaubte auf den Nacken zu fallen, verdienen kaum diese Benennung. Unverändert hielten nur die Orientalinnen an der ursprünglichen Lockenform, die immer die ansprechendste bleiben wird, und begeistert singen die Dichter des Morgenlandes das schwarze Ringelhaar ihrer Holdinnen, das ihre glühende Phantasie den vollen Trauben der Hyacinthe vergleicht, wenn es dem prächtigen indischen Tuche oder dem klaren Mousselin, der ihr Haupt verhüllt, entschlüpft und sich auf den weißen Schultern wiegt. Aber auch in unserm kältern Europa gaben reiche Locken Stoff zu zarten Poesien, und wenn auch die Wenigsten eine Berühmtheit gleich den unsterblichen Stanzen Petrarca's, die er Laura's Goldlocken widmete, zu Theil wurde, oder sie sich Pope's berühmtem »Lockenraub« an die Seite stellen dürfen, so flößen doch die einfachsten davon ein inniges Interesse ein, wenn sie Begebenheiten schildern, wie das Unglück des schönen Königs Enzius, der bekanntlich durch eine aus dem Fasse, das ihn verbarg, heraushängende Locke verrathen ward. Gegen die Allongen-Perüken mit ihrer abnormen Lockenfülle eiferten die Geistlichen ehedem auf den Kanzeln, eben so ein Engländer gegen die lächerliche Mode König Karl's II. von England und seiner Höflinge, ein Favoritlöckchen, love-lock, das weit länger als das übrige Haar war, zu tragen. Noch peremptorischer verfuhr zur Schreckenszeit Frankreichs das Fallbeil der Guillotine, welches vorzugsweise die schön frisirten und gelockten Köpfe der Hofherren und Damen abschlug, während der wildeste Haarputz die wüsten Physiognomien der Schreckensmänner umgab. Das geflossene Blut hatte Puder und Pomade rein weggewaschen, und als mit der wiederkehrenden Ruhe auch das Bedürfniß zu gefallen sich regte, da wagten die schönen Frauen im Gegensatze zur ungeheuren Lockenfülle des alten Hofes, Nachahmungen jenes leichten Gekräusels, das die Natur selbst um die Schläfe der Kindheit lockt, ehe noch des vollen Haares reiche Ringel über den Nacken wallen. Daraus entstanden die damals sehr beliebten und uns jetzt so lächerlich dünkenden tire bouchons, und wirklich war das Wort dafür passend, denn sie glichen in der That Korkenziehern. Bald nahmen auch die Männer sie an und wir sahen die incroyables der letzten neunziger Jahre und die der ersten des neunzehnten Jahrhunderts mit dergleichen kleinen Löckchen, die wie eine Franze über ihre Stirn herabhingen und den Dimensionen nach ziemlich verwandt mit dem Vließe der sanften Schafe sind. Die fortschreitende Verbesserung im Anzuge und dem, was dazu gehört, strich diese kleinen Undinger indeß bald wieder zurück, und beide Geschlechter adoptirten auf's Neue die wahren Locken, bis eine abermalige Manie in ihrer Vergrößerung, vereint mit Erfindung des seidnen Haares, neue Ueberladungen schuf. Dennoch bleiben die vielgepriesenen und vielbespotteten seidnen Locken so nützliche wie wohlthätige Putzgegenstände für Viele, denen entweder eine höchst arbeitsame Lebensweise nur wenig Zeit zum Ankleiden übrig läßt, oder für ältere Personen, die nur ungern fremdes Haar zum Ersatz des verlornen verwenden und doch noch nicht ganz der Mode entsagen wollen.' Nur das Uebermaß schadet überall und nur der Mißbrauch brachte den seidnen Locken, welche Hauptvorzüge der Reinlichkeit, Leichtigkeit und Wohlfeilheit vereinen, das Anathema der fashionablen Welt, die sich ihnen niemals hätte günstig zeigen dürfen, doch auch jetzt sie nicht ohne Unterschied der Anwendung verwerfen sollte. Glücklicher Weise gefiel es der Mode, bald darauf Flechten und Schalen (coques) an die Stelle der Locken überhaupt treten zu lassen, und wenn man dazwischen auch noch deren trägt, so ist doch auch hierin die rechte Mitte, die nichts tyrannisch befiehlt noch untersagt, eingetreten.

F.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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