Lorme, Marion de

Lorme, Marion de, eine Frau, eben so berühmt durch ihre Schönheit und ihre Schicksale, als auch berüchtigt durch ihre Aufführung. Sie stammte aus einer bürgerlichen Familie, die in Chalons in der Champagne lebte, und wurde im Jahr 1612 oder 1615 geb. Ohne Grundsätze und ohne gute Beispiele, die ihr den rechten Weg hätten zeigen können, wuchs sie empor, und kam der Verführung, die sie von allen Seiten umgab, auf halbem Wege entgegen. Henri d' Effiat de Cinq Mars, Liebling Ludwig's XIII., war der Erste, der ihre Gunst gewann. Doch bald verschenkte sie diese an den Cardinal Richelieu, dessen Geliebte sie längere Zeit blieb. Auch der große Condé huldigte ihr, und in ihrem Hause hielten die sogenannten Frondeurs, welche die Gegenpartei des Hofs bildeten, und an deren Spitze Condé stand, ihre geheimen Zusammenkünfte. Mazarin, davon unterrichtet, wollte Marion gefangen nehmen lassen. Allein sie war so reizend und so freigebig mit ihrer Huld, daß sie überall und selbst im Cabinet dieses Fürsten Freunde und Anbeter fand, welche sie warnten. Sie entfloh, man gab sie für krank und einige Zeit darauf für todt aus. Sie machte sich das Vergnügen, verkleidet, unter ihrem Fenster ihr sogenanntes Leichenbegängniß vorüber ziehen zu sehen. Mehrere ihrer Liebhaber, die sie wirklich für gestorben hielten, folgten dem Sarge und weinten herzlich über ihren Verlust. Sie aber reisete in der darauf folgenden Nacht nach England, lenrte dort einen reichen Lord kennen, der, entzückt von ihrer Schönheit, ihr seine Hand bot, aber bald nach der Heirath starb und ihr ein bedeutendes Vermögen hinterließ. Marion glaubte dieß nun in ihrem Vaterlande auf eine ihrem Geschmack angemessene Weise genießen zu können. Sie verkaufte deßhalb Alles, was sie besaß, und kehrte mit einer großen Summe nach Frankreich zurück. Doch zwischen Dünkirchen und Paris was sie von einer Räuberbande überfallen, die ihr Alles nahm, was sie an Geld und Kostbarkeiten mit sich führte. Damit noch nicht zufrieden, erklärte der Räuberhauptmann auch sie selbst für seine Beute, nahm sie mit sich und zwang sie, sich mit ihm zu verbinden. Er liebte M. mit der heftigsten Leidenschaft, und brachte ihr stets einen Theil seines Raubes zum Opfer, wodurch sie sich wieder ein Vermögen sammelte, das, als sie auch von ihm Witwe geworden war, ausreichte, wenn auch nicht glänzend, doch anständig zu leben. Sie zog jetzt nach Paris, richtete sich in der Vorstadt Saint Germain ein, gab aber Niemand, selbst nicht Ninon de Lenclos, ihrer ehemaligen liebsten Freundin, Kunde von ihrem Dasein. Endlich, nach einem Zeitraum von länger als 30 Jahren, wurde das Verlangen in ihr rege, Versailles, den Schauplatz eines glänzenden Theils ihres Jugendlebens, wieder zu sehen. Die erste Person, welche ihr dort begegnete, war Ninon, noch trotz der hohen Jahre in unverwelklicher Schönheit prangend. Freudig wollte sie ihr in die Arme stürzen, aber Ninon trat scheu und verlegen zurück, denn sie erkannte die Todtgeglaubte nicht. Marion, welche weit entfernt war, dem Alter die Ursache zuzuschreiben, weßhalb die Freundin sich von ihr wie von einer Fremden abwandte, kehrte trostlos nach Paris zurück, und der Schmerz, von ihrer ältesten und theuersten Jugendgefährtin vergessen zu sein, warf sie auf's Krankenlager. Ihr Bedienter und die Kammerfrau, ermüdet von den Dienstleistungen, welche sie bedurfte, beschlossen, sich der beschwerlichen Pflege ihrer Gebieterin zu entziehen, und mit dem, was sie an Silberzeug und baarem Gelde besaß, zu fliehen. Sie führten diesen Vorsatz aus, und ließen die unglückliche Marion, welche unvermögend war, ihr Bett zu verlassen, im kläglichsten Zustande zurück. 24 Stunden schmachtete sie so in der tiefsten Hilflosigkeit, als der Zufall einen ihrer Nachbarn zu ihr führte. Ihm klagte sie die Noth ihrer gräßlichen Einsamkeit und er entdeckte den Diebstahl der treulosen Diener, der sie zur Bettlerin machte. Was nun anfangen? – Doch sie kannte Ninon's hilfreiche und mitleidige Seele. An sie wollte sie sich wenden, und trug ihrem Nachbar auf, zu ihr zu gehen, ihr alle ihre Schicksale mitzutheilen, die sie ihm erzählte, und um ihren Beistand zu bitten. Aber ach, er kehrte bald und mit Thränen in den Augen zurück. Ninon, die letzte und beste Zeitgenossin der unglücklichen Marion, war am Tage vorher gestorben. Diese Nachricht, die sie jeder Stütze beraubt, auf die sie noch zu rechnen wagte, machte einen so erschütternden Eindruck auf ihr Gemüth, daß sie einige Stunden darauf ihren Geist aufgab. Sie hatte ein Alter von 85 Jahren erreicht.

A.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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