Maintenon, Marquise von

Maintenon, Marquise von, Francisca von Aubigné, Marquise von, wurde den 8. September 1635 im Gefängnisse zu Niort geb., wo ihr Vater, Constant von Aubigné, gefangen saß, und wohin ihn seine Frau, eine geborne von Cardillac, begleitet hatte. Wohl selten hat ein weibliches Wesen wie sie, alle Stufen des menschlichen Elendes und Glückes durchlaufen. Als dreijähriges Kind folgte sie ihren Eltern nach Amerika; wurde durch die Nachlässikeit eines Bedienten allein am Ufer zurück gelassen, und entging der Gefahr, von einer Schlange gebissen zu werden, nur durch die Geistesgegenwart ihrer Mutter. Frau von Aubigné erzog Francisca mit der zärtlichsten Liebe, bemühte sich, früh in ihr die Liebe zur Tugend zu erwecken, und ihren Geist durch die verschiedenartigsten Kenntnisse zu bereichern. Nach dem 1647 erfolgten Tode ihres Gatten kehrte sie mit ihr nach Frankreich zurück, wo ihre überaus dürftige Lage sie zwang, das Anerbieten der Frau von Neuiilant, ihre Tochter zu sich zu nehmen, nicht auszuschlagen. Aber das arme Mädchen sah sich hier mit beispielloser Strenge behandelt, und mußte nicht selten die Dienste der niedrigsten Magd versehen. In so drückender Lage mochte sie sich noch glücklich schätzen, die Gemahlin des mißgestalteten Scarron zu werden. Dieser hatte erfahren, welch trauriges Loos sie im Hause ihrer Verwandten finde, und bot ihr an, entweder die nöthige Summe zu bezahlen, wenn sie das Klosterleben vorziehe, oder sie zu heirathen, wenn sie einwillige. Das sechzehnjährige Mädchen wählte Letzteres. Scarron war ohne Vermögen und an allen Gliedern gelähmt, aber sein treffender Witz und seine unbesiegbare gute Laune machten sein Haus zum Sammelplatz Aller derjenigen, die Geist und Liebenswürdigkeit zu würdigen wußten. Seine Gemahlin wurde bald die Zierde dieses ausgesuchten Kreises; ihr Verstand und ihre liebenswürdige Bescheidenheit erwarben ihr die Liebe und die Achtung der Welt. Scarron starb den 27. Juni 1660 und hinterließ seine Witwe in der drückendsten Noth. Umsonst bemühte sie sich von Ludwig XIV. die Pension zu erhalten, in deren Genusse ihr Mann gewesen war. Schon machte sie Vorbereitungen, ihr Vaterland zu verlassen, um bei einer portugiesischen Fürstin die Erziehung der Kinder zu übernehmen, als Frau von Montespan sie kennen lernte, Gefallen an ihr fand und sich für sie bei dem Könige verwendete, der ihr jetzt das früher Verweigerte verlieh. Ihre Verhältnisse verbesserten sich noch mehr, als ihr Frau von Montespan die Erziehung ihrer beiden Söhne anvertraute. Auf diese Weise lernte Ludwig XIV. sie kennen, der ihr zwar seine Achtung nicht versagen konnte, aber übrigens keine sehr vortheilhafte Meinung von ihr hegte. Nach und nach zerstörten jedoch die Briefe über ihre Zöglinge, die sie unmittelbar an den König richten mußte, das gegen sie gefaßte Vorurtheil. Ludwig machte ihr 1674 ein Geschenk mit 100,000 Livres, wofür sie das Gut Maintenon kaufte, dessen Namen sie jetzt annahm. Hatte sich nun des Königs Abneigung schon in Vertrauen verwandelt, so ging dieses bald zur Liebe über, wozu der herrschsüchtige, ungleiche und wunderliche Charakter der Frau von Montespan nicht wenig beitrug. Er ernannte sie zur Staatsdame der Dauphine, und der geschmeidige Charakter der Frau von Maintenon, der durch frühzeitiges Anpassen an die verschiedensten Verhältnisse sich bewahrt hatte, berechtigte Ludwig zu dem Glauben, in ihr eine freundliche Gefährtin und treue Freundin zu finden. Des Königs Beichtvater, der Pater la Chaise, machte ihm den Vorschlag, seine Liebe durch das Band einer geheimen Ehe zu legitimiren. Zu Ende des Jahres 1685 wurde dieser Bund mit allen kirchlichen Förmlichkeiten vollzogen. Am Hofe blieb die Vermählung stets ein Räthsel, obgleich tausend Anzeichen sie verriethen. Im Innern des Palastes war es unmöglich, in ihr die Gemahlin des Königs zu verkennen. Daß jedoch Frau von Maintenon bei dem sie umgebenden Glanze nicht glücklich war, sagen uns die wenigen Worte, die sie in einem Augenblicke herzlicher Ergießung äußerte: »Ich war von Natur ehrgeizig, ich bekämpfte diese Neigung. Als die Wünsche, die ich nicht mehr hegte, erfüllt waren, wähnte ich mich glücklich, allein dieser Wahn dauerte nur drei Wochen.« – Seit ihrer Erhebung lebte Frau von Maintenon in gänzlicher Abgeschiedenheit von der Welt; ihre ganze Gesellschaft bestand aus zwei oder drei Damen. Ludwig kam täglich mehrere Male und arbeitete bei ihr mit seinen Ministern, während sie sich mit einem Buche oder einer andern Arbeit beschäftigte. Sie vermied sorgfältig jeden Schein, als übe sie den geringsten Einfluß auf die Regierungsgeschäfte, obgleich der König selten Wichtiges, ohne ihre Meinung gehört zu haben, entschied. Im Ganzen war sie jedoch ausschließend dem Willen des Königs unterworfen, und ihre Hauptsorge blieb immer, seinen Beifall zu erringen. Diese willenlose Hingebung artete in wahre Sklaverei aus die sie in ihren reiferen Jahren schwerer ertrug, als die Dürftigkeit, mit der sie in ihrer Jugend zu kämpfen hatte. Er überhäufte sie mit Beweisen seiner Achtung, aber alle diese äußeren Zeichen konnten sie nicht für den innern Kummer entschädigen, der an ihrem Herzen nagte. In einem Briefe an ihren Bruder schrieb sie: »ich sterbe vor Gram in einer Lage. die man sich nicht glänzender wünschen kann.« Ein anderes Mal sagt sie: »wie soll ich einen Mann unterhalten, der keiner Unterhaltung fähig ist?« Um die Augen der Welt nicht auf sich zu ziehen, benutzte sie ihre Erhebung nicht, um sich und die Ihrigen zu bereichern, sondern suchte den König für die Errichtung gemeinnütziger und wohlthätiger Anstalten zu gewinnen. So entwarf sie den Plan eines Institutes für unbemittelte Mädchen von Stande, dem Ludwig seine Zustimmung gab und das er in der Abtei Saint-Cyr 1686 stiftete. Mit weiser Umsicht leitete Fr. von Maintenon das Ganze, und unter ihren Augen erstand zu St. Cyr das Muster aller öffentlichen Erziehungs-Anstalten. Nach dem Tode des Königs, 1715, zog sie sich ganz dorthin zurück; sie selbst trat als Lehrerin auf und gab das Beispiel der schönsten Tugenden des Weibes. Diese ausgezeichnete Frau starb den 15. April 1719, betrauert von ihren Zöglingen und von der Welt geachtet. Es sind nach ihrem Tode Briefe im Druck erschienen, die mit Geist, aber mit einer sichtbaren Zurückhaltung geschrieben sind, als hätte sie geahnt, daß dieselben der Nachwelt bekannt werden sollten.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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