Malibran-Garcia, Maria

Malibran-Garcia, Maria, eine der größten Sängerinnen unserer Zeit, wurde 1809 in Paris geb., ist die Tochter des vormaligen Tenoristen Garcia und von spanischer Abkunft. Während ihrer Kindheit zeigte sie wenig Neigung zur Musik, allein im 13. Jahre entwickelte sich ihre Stimme und von da an machte sie in der Ausbildung eines herrlichen Organs, wie es die Natur nur wenigen Sterblichen verleiht, die bewundernswürdigsten Fortschritte und betrat, 15 Jahre alt, als »Rosine« im Barbier von Sevilla zuerst die Bühne. Diese glockenreine, umfangreiche Stimme, diese treffliche Methode, das Gefühl, welches das junge Mädchen den Tönen einzuhauchen wußte, dieß lebhaft besonnene Spiel, die jugendliche, zarte Gestalt, dieß dunkle, südliche, die Glut der Empfindung zum Entzücken malende Auge, der Liebreiz der ganzen Erscheinung: Alles dieß riß das Publikum schon nach der ersten Darstellung zur allgemeinsten Bewunderung hin. Sie wurde für die große Oper gewonnen, erhielt aber Anfangs wenig Gelegenheit, ihren Werth geltend zu machen und in größeren Partien zu glänzen. Ihr Vater ging bald darauf mit seiner ganzen Familie nach New-York, und hier erwarb sich Maria als Desdemona den ungetheiltesten Beifall. Ein reicher, aber bejahrter Kaufmann bot ihr seine Hand an, die sie annahm und das Theater verließ. Als ihr Gatte aber Bankerott machte, betrat sie abermals die Bühne, wurde jedoch von dessen Gläubigern so gedrängt, daß sie sich von ihm trennte und 19 Jahre alt nach Europa zurückkehrte. Sie trat 1828 zuerst als »Semiramis« in der italienischen Oper auf und von da an datirt sich ihre Glanzepoche, ihr europäischer Ruf. Sie wurde die Opernzeit mit 50,000 Francs engagirt, sang in London, Neapel, Mailand etc. und galt sehr bald die erste lebende Sängerin. Ihre Reise durch Italien 1835 glich einem Triumphzuge. Ganze Städte huldigten ihr, man fertigte Büsten von der schönen Frau, setzte ihr Inschriften, weihete ihr goldene Lorbeerkränze und wählte sie zum Ehrenmitgliede vieler Akademien. In einer kleinen Stadt Toscana's, durch welche sie reiste, ging der Enthusiasmus der Bevölkerung so weit, daß man ihr die Pferde vom Wagen spannte und ihr so lange frische verweigerte, bis sie vom Wagen herab auf offener Straße eine Cavatine sang. Der Jubel war grenzenlos, und die große und zugleich bescheidene Künstlerin ergötzte sich nicht wenig über dieses Intermezzo. Daß ihr Talent auch überall seinen goldenen Lohn gefunden und der Reichthum sich zum Ruhme gesellt hat, bedarf keiner weitern Bemerkung. Nachdem 1835 ihre erste Ehe gerichtlich für ungiltig erklärt worden, vermählte sie sich 1836 mit dem genialen Violinvirtuosen von Bériot, der in Italien und England ihr Reisegefährte gewesen war. Doch behielt sie ihren frühern Namen bei. – Die Malibran ist eine außerordentliche Erscheinung, wie sie die Natur nur selten schafft. Lächelnd standen die Götter an ihrer Wiege und gaben ihr Schönheit, Anmuth, Geist, die Macht der Stimme, Talent der Darstellung und in deren Gefolge auch Reichthum und Ruhm. Gleich groß im tragischen wie im heitern Genre, gleich trefflich als Rosine wie als Desdemona, wird sie in jenem nur von der Devrient-Schröder durch imposante Erscheinung und tragische Tiefe übertroffen, von der Sonntag aber nicht erreicht. Im Naiven und Sentimentalen buhlt sie mit dieser um den Kranz. Ihr Gesang ist herzergreifend, voll Wohllaut, Schmelz, voll Zauber in allen Corden. Sie beseelt das Orchester, den Dirigenten, die Mitspielenden, die Chöre: Alles entflammt sich an ihrer Begeisterung und tritt unwillkürlich aus sich selbst heraus. So waltet sie schon in den Proben, singt den Mitwirkenden Passagen, malt ihnen Aktionen vor, eifert sie zum Zusammenspiele an und schafft so ein Ganzes, dessen leuchtender Mittelpunkt sie dennoch immer bleibt. Sie ist vollendet in der Technik des Gesanges – die Meister der verschiedenen Schulen: Mozart, Cimarosa, Boieldieu, Rossini, Bellini etc., weiß sie zu erfassen und in ihren charakteristischen Eigenheiten lebendig wieder zu geben. – Und wie schön ist dieß Weib! Wie ausdrucksvoll das edle Antlitz, das Auge glutstrahlend und doch schmachtend, wehmüthig im Schmerze, das Haar nachtdunkel, stets einfach gescheitelt, jeder Situation, jedem Charakter, der Königin wie dem Landmädchen angepaßt, die Gestalt mittelgroß, im reinsten Ebenmaße, die Haltung immer edel in der naiven, wie in der tragischen Stellung! – Es sind mehrere Portraits von ihr erschienen, allein nur Grevedon's Zeichnung ist dem Totalcharakter nahe gekommen. – Von New-York her im Besitz der englischen Sprache, hat sie den Briten im vorigen Jahre nicht wenig geschmeichelt, als sie nicht nur in der italienischen, sondern auch in der englischen Oper sang, und das Idiom Albions mit einer Eleganz aussprach, als wäre sie auf der Nebelinsel geboren.

B.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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