Maria, portugiesische Heldin

Maria, portugiesische Heldin, eine schöne und heldenmüthige Portugiesin, die fromme Tochter und treuliebende Gattin, wie sie ihre Zeitgenossen nannten, war die Tochter eines armen Edelmannes in Lissabon, der in Hoffnung auf Gewinn seine ganze Habe zu Geld machte und nach Goa reiste, um durch Tauschhandel seine Vermögensumstände zu verbessern. Die Tochter übergab er der Schwester seiner frühverstorbenen Gattin und lichtete frohen Muthes die Anker, vor sich die Hoffnung, die so Vielen geleuchtet und so Viele getäuscht. Das Schicksal wollte es Anders. Jahre vergingen und Maria harrte vergebens auf die Heimkehr des geliebten Vaters. Aus dem holden Kinde war inzwischen ein blühend schönes Mädchen geworden; es fanden sich zahlreiche Freier, doch nur einem tapfern Seemann gab sie Gehör, der ihr versprach, nach Ostindien zu segeln, um den Vater aufzusuchen. Die Vermählung ward im Hafenschlosse Belem gefeiert, und noch denselben Tag traten die Gatten ihre Reise an. Die Fahrt war kurz und glücklich. Von Insel zu Insel, von Küste zu Küste flog die liebende Tochter, den Verlorenen suchend. Ueberall vernahm sie, daß er da gewesen; die letzte Spur fand sie an der Mündung des Zambezaflusses – von hier aus schwand jede Nachweisung. Die Vermuthung, er müsse im indischen Meere verunglückt sein, wurde zur Gewißheit, als bei ihrer Ankunft in Goa jede Nachricht von Schiff und Bemannung schwieg. – Hier lebte nun Maria einige Jahre an der Seite ihres Gatten, seine Liebe durch die aufopferndste Gegenliebe belohnend. Den Vater wieder zu finden, darauf hatte sie schon verzichtet. Sie errichtete ihm ein Grabmal in ihrem Garten und benetzte es oft mit heißen Thränen. Als Mutter zweier Kinder erfreute sie sich eines heiteren Still-Lebens unter Indiens leuchtendem Himmel, der inzwischen nicht lange ungetrübt bleiben sollte. Sambadschi, der Sultan von Visapour, der Erobernde, überstieg den Ghats und belagerte auch Goa. Besatzung und Einwohner leisteten die tapferste Gegenwehr; immer enger aber ward die bedrängte Stadt eingeschlossen, immer höher stieg die Noth. Man mußte endlich zum Aeußersten schreiten und einen Ausfall wagen. Der Anführer desselben war Mariens Gatte. Er blieb auf dem Felde der Ehre. Unverrichteter Dinge kehrten die Truppen wieder heim und brachten Marien den blutigen Helm des Geliebten. Doch ihre hochherzige Seele erlag nicht der Last des neuen Unglückes. Mit begeisterten Worten redete sie zu den Kriegern, rief das Volk herbei, schilderte mit glühenden Zügen das Unglück, die Schmach, welche die Stadt im Falle einer Uebergabe treffen würde, und erbot sich als Führerin, wenn man ihr folgen wolle. Wie eine gottbegeisterte Seherin erschien sie Allen – man sah ein Wunder, man glaubte es. Alles stürzte zu den Thoren hinaus, wie ein Strom schwoll die Menge, Glaube, Begeisterung, Siegeshoffnung erfüllte jede Brust: man stürzte sich auf den Feind, stürmte seine Verschanzungen. und die überraschten Indier glaubten, ein böser Dämon habe sich an die Spitze der Portugiesen gestellt. Maria hatte den glänzendsten Sieg errungen; denn am andern Morgen war das Lager der Feinde abgebrochen und Goa befreit. – Die dankbare, gerettete Stadt bestattete den Leichnam ihres Gatten feierlichst, und Maria trat als Hauptmann an die Stelle des Geliebten, den ihr ein neidisches Mißgeschick geraubt. So lange sie lebte, bezog sie den Gehalt ihres neuen Ranges, obgleich sie nie mehr nöthig hatte, die sanfteren Gefühle der edlen Weiblichkeit zu verläugnen und als Göttin des blutigen Rachewerkes aufzutreten. Ihr Lebensabend verging heiter und ruhig, ihre Kinder, tapfere Krieger und Helden, waren noch in den spätern Lebenstagen der Trost der heldenmüthigen Mutter.

V.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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