Mercoeur, Elisa

Mercoeur, Elisa

Mercoeur, Elisa. Man hat oft geklagt, daß Deutschland so manches schöne Talent, das gepflegt die herrlichsten Früchte getragen haben würde, verkümmern läßt, aber auch in der Weltstadt Paris, wo das Genie in der Regel nicht nur Anerkennung, sondern auch fürstlichen Lohn findet, starb eine junge Dichterin, deren Schönheit und Talente wohl einen höhern Anspruch rechtfertigten, verlassen, vergessen, weder von der Großmuth, noch vom Mitleid aufgesucht – ein weiblicher Camoens – im Hospitale. Krank und fieberisch aufgeregt, fristete sie ihre Tage und die einer alten, armen Mutter mit Unterrichtsstunden. Die Nothwendigkeit sollte das körperliche Uebel besiegen; aber der zarte Körper erlag der Anstrengung, dem Ueberreize, und die Nachricht »Elisa Mercoeur ist todt,« Elisa, noch vor wenigen Jahren das Wunderkind der Salons –, erinnert plötzlich wieder an das Dasein eines Mädchens, dessen Debut man mit hundertfältigen Kränzen geschmückt, um sie durch leichtsinniges Vergessen nur tausendfach zu demüthigen! Elisa war in der Bretagne geboren; ein Freund ihrer Eltern, dem zufällig Gedichte des 15jährigen Mädchens zu Gesichte kamen, rieth ihr nach Paris zu gehen, dort, meinte er, sei der Wirkungskreis für ihr schönes Talent. Und Elisa pilgerte mit der Mutter nach Paris, hoffend und gläubig, wie der Moslim nach der Kaaba. Das junge, schöne, schlank und zart gebaute Mädchen, mit den wunderbar schwarzen Augen, mit dem süßen Anklang des heimathlichen Dialectes, mit der sonoren Stimme, das bescheidene und doch so kluge, gebildete Naturkind – wurde das Schooßkind der Salons, die gefeierte Tagesgöttin! Man druckte ihre Gedichte, declamirte sie, las sie vor; zahlreiche Componisten wetteiferten, ihre Romanzen in Musik zu setzen. Aber Elisa, von Huldigungen überschüttet, blieb bescheiden; gleich als ahne ihr das trübe Ende. Mehrere Anträge um ihre Hand wies sie von sich, um ihre Mutter nicht zu verlassen, deren einziger Trost, deren einzige Freude sie war. Was sie dichtete, mußte Geld erwerben, und die Tage ihrer Mutter zu verschönern, war Elisa's einzigstes Streben. – Karl X. verlieh der jungen Dichterin eine Pension, und so schien ihre Zukunft gesichert. – Da kam die Julirevolution, die Bourbons wurden vertrieben, die Gnadengehalte der Pensionärs gestrichen – und Elisa Mercoeur war nicht nur arm geworden, sondern auch vergessen. Von da an gab sie Unterricht, besuchte im rauhesten Wetter die entferntesten Quartiere von Paris, stieg in das dritte und vierte Stockwerk, erkältete sich, bekam eine Lungenentzündung, konnte aber das Bett nicht hüten, um ihre Lehrstunden nicht zu versäumen, und – starb endlich, das thränenfeuchte Auge nach dem verrauschten, so armselig verspielten Leben hingewendet, von dem sie sich nur deßhalb schwer trennte, weil sie eine hilflose Mutter zurückließ. Da erst, bei der Todesbotschaft, erinnerte sich Paris an das schöne bretagnische Mädchen. Man begleitete ihre Leiche nach dem Kirchhofe Père la Chaise, ließ sie beisetzen in einem ausgemauerten Grabe und legte einen Denkstein auf den Hügel mit dem Namen Elisa's und einer Lyra darunter. Dann eröffnete man eine Subscription für die tiefbetrübte Mutter, legte die Gedichte der Tochter neu auf, gab Concerte, und brachte eine Summe zusammen, wovon die Mutter Mercoeur bis an's Ende ihrer Tage leben kann. Dieß geschah im Januar 1835, und Elisa starb kaum 26 Jahr alt. – Von ihren Gedichten sind einzelne in's Deutsche übersetzt worden. Ein berühmter franz. Maler hat Elisa abgebildet, und ein reicher Pair das Gemälde für eine bedeutende Summe an sich gebracht.

–i–


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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