Milder, Anna

Milder, Anna

Milder, Anna. Es gab eine Zeit in Deutschland, und sie liegt noch nicht weit hinter uns, wo diese Sängerin die imposanteste, gefeierteste Erscheinung an unserm Opernhimmel war. Wer von den ältern Theaterfreunden erinnert sich nicht dieser hohen, schlanken, plastischen Gestalt, dieser Fülle eines mächtigen Organs, dieser Töne, die aus dem Herzen kamen und zur Seele sprachen? Anna Milder war die Meisterin ihres Terrains; wo sie auftrat, beherrschte sie es, und siegte mit dem Bewußtsein des Sieges. Viel Erhabenes hat diese merkwürdige Frau an unsern Augen vorübergeführt, den tiefsten Schmerz der Seele, die Glut der ungebändigten Leidenschaft, und wieder die ernsten Worte der Milde. Sie war das Epos des Gesanges – fern blieb ihr die Lyrik, fern die sentimentale Elegie, die Schwärmerei. War sie elegisch, so sprach sie mit Donnerworten, und lieh der Klage den Ausdruck des krampfhaft zersprengten Herzens. Was sie als Mädchen geleistet, kennt Referent nicht; er sah nur die hohe Frau, die gereifte Künstlerin, die Operpriesterin; er sah Iphigenia, die antike Heroine mit den Olymp stürmenden Gefühlen; er sah Armida, mit der versengenden Glut von Haß und Liebe; sah Elvira, Don Juans schöne Eryunie; dann jene Statyra in Spontini's Olympia etc. Weder dieser Genius, noch diese Mittel ließen sich in eine geringere Sphäre herabdrücken; weder das franz., auch das italienische Genre der Modernen gab diesem Talente einen Spielraum. Die Kritik hat ihr oft und nicht ohne Grund vorgeworfen, sie habe in künstlerischer Bildung zu wenig für ihre Mittel gethan. Von den Neuern ward sie an Großartigkeit des Metallklanges in der Stimme nur von der Schechner erreicht. Einzelne Gefeierte nahmen sich in ihrem Genre wie Pygmäen gegen sie aus. – Anna Milder wurde in Ungarn von armen Eltern geboren. Man erzählt, sie habe bis zum 17. Jahre der dienenden Klasse angehört. Ein speculativer Theaterdirector belauschte damals ihren Naturgesang, ließ sie für die Bühne bilden, und der Erfolg rechtfertigte bald seine Geldopfer. Die ersten deutschen Theater waren Zeuge ihrer Triumphe. Zwischen 1816–18 fand sie an der berliner königl. Oper ein dauerndes Engagement. Sie war ein Schatz für Spontini's kolossale Partien. Hier wirkte sie eine Reihe von Jahren in allem Hohen und Ernsten, und es dürfen namentlich ihre Leistungen im Kirchengesange nicht mit Stillschweigen übergangen werden. Mißhelligkeiten mit der Direction bewogen sie vor einigen Jahren, ihre Entlassung von der Bühne zu nehmen. Ihr Abgang war ein Verlust; denn obgleich über die Jugendfrische hinaus war sie doch noch im Besitze reicher Mittel, um in einer gewissen Sphäre glänzend zu wirken. Sie lebte von da an im Genusse der ihr bewilligten reichlichen Pension, und wirkte nunmehr nur in Concerten und bei religiösen Musikaufführungen mit. – Im Anfang d. J. 1836 besuchte sie Wien und ließ sich in einem zahlreich besuchten Concerte hören. Sie fand ungemessenen Beifall – selbst die Trümmer, welche sie der neuen Generation zu bieten vermochte, erregten noch Bewunderung; bei den ältern Hörern aber schöne Erinnerungen an die Zeit ihres Glanzes.

–n.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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