Mythologie

Mythologie. Die Lehre und Kenntniß der Göttersagen, ein wichtiger Zweig in der Kulturgeschichte aller Völker, die Wurzel, aus welcher der Baum der Völkergeschichte aufwächst. In mythisches Dunkel hüllt sich der Zeiten Beginn, Erde und Himmel fließen ineinander, und aus ihrer Umarmung treten hohe und hehre Gestalten, urkräftige Naturen, deren Wirken eine schwächere Nachwelt anstaunte und übernatürlichen Wesen, Göttern, zuschrieb. Nur eine gedrängte Uebersicht der Mythologien aller Völker sei hier gegeben, nur das Wichtigste und Wissenswertheste sei daraus hervorgehoben, um zu zeigen, wie wunderbar und verschieden sich in den Völkern die Farbenstrahlen der in der Menschenseele so tiefbegründeten Gottesahnung brachen und theilten, und alle doch Strahlen einer Glaubenssonne waren, die dem einen Volke aber im Demantlichte höchster Reinheit und Liebe, einem andern mit blutiger Nordscheingluth grausamer Menschenopfer flammte. – Indien. Frühzeitig offenbarte sich in diesem Wunderlande der schöpferische Gottesgeist den Menschen durch die Natur. Das Schaffende und Werdende, das Erhaltende und Seiende, das Zerstörende und das Gestorbene bildeten die Idee einer Götterdreiheit aus, jener großen Trinurti von Brahma, Wischnu und Schiwa, dem Schöpfer, Erhalter und Gestalter und dem flammenden Vernichter, die sich gegenseitig durchdringen und wieder eins sind mit den Elementen Erde, Wasser und Feuer. Gott ist die Natur, und die Natur ist Gott. Die ewige Auferstehung neuen Lebens aus dem Dahingestorbenen, die Verjüngung der Natur, ihr zeugendes Sein, die Aehnlichkeit der jungen Pflanze mit der, aus deren Samen sie aufsproßte, die Gleichheit derselben Thiergeschlechter, die Aehnlichkeit der Kinder mit den Eltern und Vorfahren leiteten die sinnigen Weisen Indiens zu der erhabenen Idee der Seelenwanderung (Metempsychose), einer Läuterungsbahn durch verschiedene niedriger als der Mensch organisirte Naturkörper und Geschöpfe, in welchen Zuständen böse Handlungen abgebüßt, Sünden der Väter von den Kindern gesühnt, und die gefallenen Seelen und Geister allmählig durch strenge Buße wieder zum Licht empor gehoben werden. Vor der Schöpfung ruhte tief in sein Selbst versunken Parabrahma, oder Brahmatma (der Athem der Weltseele), und das ewige Schweigen rings um ihn unterbrach zum ersten Male sein Schöpferwort, Die Welt entstand schwimmend auf der Fluth des Meeres, Brahma, Wischnu und Schiwa gingen hervor aus Parabrahma's Willen, Schiwa befruchtete die Welt, und Maja entstand, die Liebe, die sich mit Gott vermählte, aus Maja's unbeflecktem Schooße wird Buddha, die Tugend, das reine Wohlwollen, geboren. Wischnu, der himmlische Erhalter, steigt zur Erde nieder zu den Riesen und Menschengeschlechtern, um die Welt zu erlösen. Er bekämpft das Böse, erleidet den Tod, jede seiner Verwandlungen und Seelenwanderungen hebt ihn höher, bis er als Gottmensch Krischna die Prophezeihungen erfüllt, die seinem Erscheinen vorangingen, als glorreicher Sieger der Hölle und des Todes auftritt, und das Haupt der bösen Schlange, der Sünde, zertritt. Nächst den höchsten Göttern der indischen Mythologie: Parabrahma, Brahma, Wischnu, Schiwa, Buddha und deren Gemahlinnen, gibt es noch unzählige. Alle Sterne haben Götternamen, alles ist von Genien belebt und beseelt. Die guten heißen Dives, Dewetäs, die bösen Asuren, über Letztere herrschen Moisasur (der Erzböse), und Rhabun. Man sagt, daß Indien 333 Millionen Götter kenne und nenne. Es ist natürlich, daß in einem Lande von so ungeheurer Ausdehnung bewohnt von Menschen mit der glühendsten Phantasie des Orients, eine Glaubenseinheit nicht stattfinden konnte, daher zerfiel auch im Laufe der Zeit der Urmythus, und theilte sich in gigantische Aeste, und streckte dichtbelaubte Zweige voll Göttergestalten über Asien aus. Zuerst war der Brahmaismus herrschend; eine reine Lehre, Gottesoffenbarung durch die Natur; Brahm war, als sein liebendes Verlangen, Wesen außer sich zu sehen, durch Maja's Erscheinung in Erfüllung gegangen, eins mit Brahma, Wischnu und Schiwa. Brahma's Gattin ist Sareswadi, die Göttin der Weisheit und Wissenschaft, der Ordnung und Harmonie, sie ist sein Geschöpf. Nach den Veda's ist die Welt ein großes Ei, es zerfällt in zwei Hälften, die Himmel und Erde sind. Im allbelebenden Strahle der Sonne entwickelte sich alles Vorhandene. Eine andere Verehrung des göttlichen Wesens that sich im Schiwaismus kund. Die Anhänger des Schiwa setzten denselben über Brahma; sie vertauschten den reinen Naturdienst mit einem Sinnendienste, ihre Feste waren rauschend, ihre Opfer blutig, ihre Verehrung lasterhaft. Bald verbreitete sich dieser Kult nach Westen, wurde von andern Nationen theils angenommen, theils mit schon vorhandenem Götterkult verschmolzen, der Wischnuismus zeigte einen geläuterten Schiwakult und trat an die Stelle des reinen Brahmaismus. Buddha trat auf, oder vielmehr Wischnu selbst, aber die Braminen nahmen nicht durchgängig seine Lehre an, der Buddhaismus wurde aus Vorderindien verdrängt, und breitete sich in Tibet und China aus, wo er mit dem spätern Lamaismus und der Lehre des Fo verschmolzen wurde. Der reine Buddhadienst zählt gegen 25 Mill. Bekenner, während Schiwaismus und Wischnuismus im übrigen Indien an 130 Mill. Anhänger hat. Das vielfach verzweigte System der Priesterkaste, der Braminen, so wie der fanatischen Büßer, die Tempel- und Opfergebräuche, die Feste mit ihrem Freudentaumel und religiösen Rasereien, die Selbsttödtungen der Witwen, die Pilgerfahrten nach den Gangesquellen, das Waschen und Baden, ja das freiwillige Ertränken in diesem heiligen Strome, alles dieses, eng verknüpft mit dem Indischen Mythus, kann hier nur angedeutet, nicht ausführlich erörtert werden. – China. Das Dunkel seiner auf niedriger Stufe stehenden Götterverehrung lichtete zuerst der große Konfutse (Confucius) durch seine reine, auf Sittenveredlung und Liebe basirte Lehre. Volksreligion wurde die mit Priestertrug und Gaukeleien ausgestattete Lehre des Laotsee, und der Buddhaismus unter dem Namen der Lehre des Fo brach sich glänzende Bahn unter den Vornehmen des Reiches, ja selbst am Kaiserhofe. Es findet sich in den uraltheiligen Schriften der Chinesen sehr Vieles, was an die christliche Lehre von der Dreieinigkeit erinnert. Ebenso kannten die Chinesen die große Weltsage, daß eine Jungfrau einen Sohn gebären würde, dessen Göttlichkeit sich in sterblicher Hülle offenbaren werde. Jenen lang ersehnten Heiland aber glaubten sie im Fo gefunden zu haben. In dem großen tibetanischen Reiche, der Mongolei, hat sich aus derselben indischen Quelle der Buddhaismus zum Lamaismus ausgebildet (s. Dalai Lama), und auch in ihm ist in der Person des großen Gottpriesters die Weltidee eines Mittlers zwischen der Menschheit und dem höchsten unsichtbaren Wesen ausgesprochen. Die übrigen Völkerschaften des östlichen und nördlichen Asiens, die sich nicht zum Muhammedismus bekennen, und nicht zu den strengen Buddhaverehrern gehören, huldigen meist einer Vielgötterei ohne System, mit Ausnahme der Schamanen, die den größten Theil Sibiriens und der chines. Tartarei bewohnen, und eine ausgebildetere Idee von dem höchsten Wesen, aber verbunden mit Polytheismus, haben. Der Schamaismus soll die älteste asiatische Religion gewesen sein, aus welcher sich allmählig die späteren Formen der Gottesverehrung und des religiösen Kultes entwickelten. Die höchste Gottheit der Cingalesen auf Ceylon und den übrigen ostindischen Inseln heißt Ossa Pulla Maups, auch betet man die Gestirne an; Japan ist in Sekten zerspalten. – Persien. Die Urreligion der alten Parsen war reiner Feuerdienst, Sonnenanbetung, bis die Kunde von ihrem großen Religionslehrer Zerduscht, den die Griechen Zoroaster nannten, Geltung gewann. Sonne, Mond und Gestirne waren die Gegenstände der Verehrung, Thiere wurden zum Opfer gebracht. Der Gegensatz von Licht und Dunkel, Tag und Nacht, Leben und Tod, wie der von einem schönen gesegneten Lande, Iran, und einem rauhen, voll Wüsten, Turan, reichte auch in die intellectuelle Welt hinüber, und erzeugte jenen Dualismus von Ormuzd und Ahriman, dem Licht- und Nachtgott, dem Gegensatz von gut und böse; Ahrimans Schöpfung entsprangen die lebendigen Gegensätze zu der des Ormuzd. Er schuf mit Inbegriff seiner Wesenheit sieben Erzdews, und unzählige niedere Dews, die stets gegen die guten Wesen des Ormuzd ankämpfen, bis zu ihrer endlichen Ueberwindung. Nach Ormuzd göttlichem Walten entstand die Welt. Fort und fort ertönt sein Schöpferwort. Thronend im unbeweglichen Himmel, Sakhter, schuf er Peiraman, den umkreisenden Himmel; inmitten seiner Wohnung steht die Sonne, Mond und Fixsternhimmel umwandeln sie. Einst wird das ewige Leben, Ormuzd, den zeitlichen Tod, Ahriman, besiegen, eine allgemeine Auferstehung wird erfolgen, Ahriman stürzt in ewige Finsterniß und dauernd herrscht in seinem verjüngten Lichtreich Ormuzd fort. Die Parsen hatten keine Götterbilder, wohl aber Symbole in Thiergestalten, und die Magier waren die Priester des Feuerdienstes. Aus jener Thiersymbolik ist vieles in das griechische und römische Alterthum, und selbst in die spätere christliche Zeit übergegangen. Das Einhorn galt als Symbol der reinen Thierwelt, und die mystischfromme Nachwelt erhob es zum Sinnbilde der unbefleckten Jungfräulichkeit. Ahrimans Sinnbild war der Schlangendrache, der als Teufelsfratze bis auf unsere Zeiten kam. Die Cherubim, die Salomon in seinem Tempelbau anbrachte, waren ihrer Gestaltung nach dem Bilde des Ormuzdfeuers nachgeahmt, und der Stier war das Sinnbild des Mithras. Mit Mithras tritt die hohe Weltidee des Mittlers, vorhin schon angedeutet, auch in der persischen Mythe auf. Zerduscht (Zoroaster), der große Religionslehrer des persischen Reiches, lebt selbst als mythische Person in der Erinnerung. Seine Ideen gründen sich auf ein zukünftiges Reich des Friedens, der Glückseligkeit, voll Liebe und Milde, Wahrheit und Gerechtigkeit; alles deutet auf die Sage von einem Mittler. Daher zogen die Magier, Priesterfürsten, die Weisen des Morgenlandes (Persien), dem Sterne nach, den neugebornen Heiland in Judäa zu suchen, denn vom Sterne und vom Heilande hatte schon lange die Sage wunderbar den Osten durchtönt und durchklungen. – In Arabien herrschte vor dem Auftreten Muhammeds der Sabaismus, derselbe Sterndienst, der auch in Persiens Frühzeit allein üblich war. Die verschiedenen Völkerschaften dieses großen Reiches nahmen allmählig auch andern Kult an. Die Sternenanbetung führte zur Sternendeutung, namentlich bei den Chaldäern. Letztere waren ein Priesterstamm, ähnlich den Magiern, und hatten ihren Sitz in Babylon. Nach ihnen hatte die Göttin Homorka das Chaos geschaffen und Baal (Bel) Licht und Finsterniß getheilt. Weithin über Kleinasien, Syrien und Phönicien reichte der Dienst dieses Gottes. Baal und Baaltis waren Sonne und Mond, als Gottheiten gedacht, und nächst ihnen nennen die Mythen noch den Baal-Pegor, den Moloch (jedenfalls auch ein Sonnengott, dem man nächst Kindern auch Stiere, wie dem Mithras opferte) die Astarte, Astaroth (analog der Venus), den Melkarth, einen tyrischen Zeit- und Schutzgott, der an den griechischen Herakles erinnert, den Fischmenschen Oannes (s. d.), die Kabiren (s. d.), punische wie ägyptische Gottheiten mit vielverbreiteter Verehrung. In Karthago waren besonders blutige Menschenopfer üblich, die über das Weltmeer hinüber nach einer fabelhaften Atlantis weisen, welche die Wogen verschlangen, wenn nicht das amerikanische Festland diese Atlantis der Tradition selbst war, wie denn in Mexico die große, mit den zahllosesten und grausamsten Opferungen verehrte Göttermenge auf nordafrikanischen Ursprung zu deuten scheint. Im übrigen Afrika, Aegypten ausgenommen, herrschte vor dem Auftreten des Christenthums in Abessinien und des Muhammedismus in den nördlichen, wie in vielen Negerstaaten, allgemein, wenn auch variirt, der Fetischmus (s. d.). Die Ew. von Guinea, Senegambia, und andern Ländern sind Fetischanbeter. – Aegypten. Dieses merkwürdige Land hatte in früher Zeit Religionsgebräuche, die unverkennbar auf indischen Ursprung deuten. Der Völkerstrom, der sich vom Himalayagebirge herab über die Erde wälzte, fand am Nil eines seiner gesichertsten Ziele. Aegypten hatte Kasten, wie Indien, und in den hochkultivirten Staaten Mexico's fanden sich dieselben in aller Starrheit wieder, als Amerika entdeckt worden war. Das Land bildete einen großen Priesterstaat, und in Theben, Memphis, Heliopolis und Sais wurde ein Götterkult gepflegt, der für Griechenlands und Latiums spätere Religionen vom größten Einflusse war. Die Priesterkaste war im Besitz aller Weisheit und Kenntniß. Sie stand in ihrer geistigen Ausbildung sehr hoch, und die Natur sprach zu ihrem offenen Sinne in bedeutungsvollen Symbolen. Der frühere, rohe Fetischmus der Ureinwohner, als Thieranbetung vorherrschend, wurde als Symbolik beibehalten. Eine Urgottheit, Amun, die Allgüte, offenbarte sich zuerst durch sein Wort, als Weltkraft: Kneph und Athor, Urlicht und Urfinsterniß, Urgeist und Urmaterie. Aus Knephs Munde ging das Weltei, und aus Athor gebar sich Phtha, Feuer und befruchtendes Leben. Da schieden sich Tho, die Erde, und Potiris, der Himmel. Phtha aber theilte sich in eine männliche und weibliche Gottheit, Mendes und Neith, Sonne und Mond. Diese wirkten schaffend weiter, und stiegen als die segnenden Gottheiten Osiris und Isis zur Erde herab. Unter dem Einflusse von Sonne und Mond walten die Kabiren, Planetengötter. Diese waren als männlich gedacht, und hatten weibliche Weltkräfte, als Mond, Aether, Feuer, Luft, Wasser, Erde zur Seite. Die Erde, Rhea, trägt Osiris und Isis in ihrem Schoße, und in diesem wird aus der Umarmung jener beiden Arueris geboren. Hermes ist Ursache, daß Osiris und Isis zur Erde niedersteigen; Osiris wird von seinem bösen Bruder Typhon getödtet, von Isis gesucht, von Horus gerächt, und als Gott im heiligen Stiere Apis verehrt. Das ganze Göttersystem scheint auf astronomischen, tief durchdachten Ideen zu beruhen. Ueber Hermes, der auch Thot und Anubis heißt, s. Merkur. Nach diesen großen Hauptgottheiten Aegyptens, Hermes, Isis und Osiris, treten noch andere auf: Harpokrates, Serapis, Ammon, Nephthis, Bubastis, Kanopus, Buto, Som-Herakles, Antäus und Busiris, alle beziehungsreich auf die periodische Nilüberschwemmung des Landes und die astronomische Wissenschaft seiner Priester. Glaube an die Seelenwanderung und die Verehrung des symbolischen Lotos zeigen wieder deutlich nach Indien hin. Die Israeliten nahmen in Aegypten viel von der Landesreligion an, daher ertroßten sie in der Wüste von Aaron das goldene Apisbild, daher gründeten auch Moses und sein Bruder eine Priesterkaste, und einen ceremonienvollen Dienst, der sogenannten Stiftshütte, jedenfalls nach ägyptischen Vorbildern. – Griechenland und Italien Auswandernde Stämme verpflanzten Glauben und Kult in früher Zeit aus Aegypten nach Hellas; aber auch aus andern Nachbarländern kamen Ueberlieferungen dorthin, und daher wurde die griechische Mythologie so reich und mannichfaltig. Eine Menge dunkler Göttergestalten treten in den ältesten verworrenen Sagenkreisen auf; wie die Kabiren, die Kureten, Dactylen etc., und in diesen Kreisen stehen schon Bakchos, Herakles, Orpheus etc. Die Kenntniß des spätern Göttersystems der Griechen danken wir zunächst den Werken Hesiods und Homers. Aus dem Chaos gebiert sich die Gäa (Erde), der Tartarus (Unterwelt) und der ältere Eros, die allschaffende, lebendigmachende Liebe, der Erebos und die Nacht, die den Aether und das Licht erzeugen. Kinder der Nacht sind noch Schlaf, Tod, Träume, Schicksal, Vergeltung etc. Gäa erzeugt den Uranos, das Himmelsgewölbe, und mit diesem das Meer. Kronos und Rheia bringen das bekannte spätere Göttergeschlecht hervor. Im alten Italien waren die Etrurischen Staaten am mächtigsten, ausgebildetsten, und hatten eine zahlreiche Priesterschaft. Diese lehrte von der Weltschöpfung und dem Kreise der Zeit: Der Demiurg schuf in 6000 Jahren die Welt, Himmel und Erde, Firmament und Meer, Sonne und Mond, Thier- und Menschenseelen. Andere sechstausend Jahre lang dauert das Menschengeschlecht; nach Ende des zwölftausendjährigen Weltjahres beginnt eine neue Schöpfung. Gott hieß Aesar (an die Asen der scandinavischen Mythe erinnernd), Tina war die Weltseele, Natur, Schöpferhauch. Die Lehre von den Penaten, Laren, Larven, Lemuren, als Genien und Schutz, wie Schreckgeistern, wurde früh gepflegt. Janus war Gott der Zeit, Natur- und Sonnengott, Seelenführer, Mittler, seine Gattin oder Schwester, Camise oder Carmenta, die hervorbringende weibliche Kraft der Natur. Mantus war der Gott der Unterwelt, auch Februus genannt, von dem der Monat Februar den Namen trägt, wie der Januar von Janus. Etrurische Untergottheiten sind noch: Tages, der Lehrer des Ackerbaues, wie der Weissagung, überhaupt aller Wissenschaft, Voltumna, Nortia, Vertumnus, u. a. Das Augurienwesen nahmen die Römer von den Etruskern an, wie die Verehrung mehrerer Gottheiten. Die Sabiner verehrten ihren Stammgott Sabus oder Sabinus, den Weinpflanzer, Sonne und Mond, den Todesgott Soranus, den Summanus, Gott der nächtlichen Blitze, und die Göttinnen Vakuna, Feronia, Larunda etc. Die Lateiner hatten, ehe sie die griechischen Götter annahmen, schon Saturn, Neptun, Jupiter, Ops, Silvanus, Faunus und Fauna oder Fatua, Egeria und Flora, nebst einer großen Menge Schutzgottheiten des Lebens, wie der Natur und der Gewerbe. Zuletzt erhob Rom noch die Unzahl von Tugenden, Lastern und andern moralischen Begriffen zur allegorischen Götterpersonification, wie Concordia, Fama, Justitia, Juventa etc. – Gallien und Britannien. Bei dem Volksstamme der Celten (s. d.) finden sich Anklänge asiatisch mythischer Religionssagen, mit einer geläuterten Weltanschauung; sie hatten Kunde von einer Schöpfungsmythe, von religiöser und astronomischer Zeitbestimmung, von einer Seelenwanderung und einer Vernichtung der Erde und des Himmels durch den einstigen großen Weltbrand, der durch den indischen, wie durch den scandinavisch-nordischen Mythos zieht. Barden und Druiden waren die Priester und Lehrer jener Völker, waren Propheten und Zauberer, waren Pfleger und Träger der Religionssage und der heiligen Gebräuche. Die Römer verglichen die vorgefundenen Idole mit ihren Göttern, daher wurde der gallische Teutat, der germanische Teut, Thiusko, ihnen zum Merkur, Belin (Balldur) zum Apoll, Hes (Hesus, der sächs. Wodan), zum Mars, und Taran, Taran-uhn, vielleicht der germanische Thor, zum Jupiter. Der Hauptsitz der Druiden war auf der Insel Man, und ihre Mythe von der großen Weltüberschwemmung ist folgende: Der See von Clion brach aus, die Welt überschwemmend; alles Lebende fand den Tod, nur zwei Menschen, Dwyvan und Dwyvach, retteten sich in einem Rachen; von ihnen stammen die Einwohner Britanniens ab. Hu ist in der Druidenlehre der Herrscher über Meer und Land, der Allvater; sein Weib ist Ceridwen (s. d.), das schaffende Urweib, die gebährende Naturkraft; sie ist der Mond, wie Hu die Sonne ist. Nach Deutschland weisen uns schon einige der gallischen Götter hin. Sicher war unsere mythische Frühzeit der gallischen näher befreundet, als der scandinavischen. Im deutschen Götterglauben fand sich kein System; nach Tacitus machten sich die Germanen von den Göttern keine menschlichen Bilder; heilige Haine waren ihre Tempel; Priester und Priesterinnen, weise Frauen, Alrunen, brachten Opfer und weissagten aus Baumzweigen. Die Römer erzählen vom Merkur, Sol, Luna, Jupiter und Vulkan, ja von der Isis u. a. Unzweifelhaft tritt die Gottheit Wodan (s. d.) in der germanischen Mythe hervor, ebenso Donar, der Donnergott, analog dem scandin. Thor. Von Göttinnen vor allen die Hertha, Danfana, Nehallennia, Hulda und Perachta (Perhia), Ostara etc. Die christliche Sage nennt uns ferner einige Idole, die Bonifacius, der eifrige Götterfeind, sammt ihren Tempeln und Heiligthümern zertrümmerte, so Hesus, Biel, Stuffo, Lara etc. Germanien scheint übrigens mehr Heldensage als Göttermythe gehabt zu haben, dafür aber lebte still und tief im Volke der Glaube an eine wunderbare Welt von Geistern, Elfen, Zwergen, Kobolden, Nixen, Riesen etc. (Vergl. d. Art. Kobolde, Elfen, Nixen, Zwerge.) – In der sich weit in die Ländergebiete deutscher Zunge hineinerstreckenden wendischen, sorbischen und slavischen Heidenwelt zeigt sich wieder ein ausgebildeteres Göttersystem mit einer Fülle von Bildern. Ein schroffer Gegensatz zwischen Licht und Dunkel, zwischen Licht- und Schwarzgöttern war fest begründet, und konnte an Persien und Medien erinnern. Dieses System erstreckte sich auch auf die Länder farmatischer Stämme. In vielen Städten genossen die Götter besondere Verehrung, wie in Rhetra, Romow, Arkona (auf der Insel Rügen), Krakau, Posen, Thorn in Polen, Kiew und Nowgorod in Rußland; in diesen Städten waren die Pandämonia der slavischen, sarmatischen und finnischen Mythe aufgestellt, und hatten zahlreiche Priester. Einen Gott der Götter, einen Allvater, einen Bilgott (guten Gott) ahneten auch die Wenden, Obotriten und Sarmaten. Sonnen- und folglich Lichtgötter waren Swantewit, Radegast, Prowe, Siwa, Sweixlix, Podaga, Rugiwit etc. Schwarzgötter, Nachtgötter aber Czernobog oder Pya, Perkun, Flins, Zirnitra, Marowit etc. Dazwischen ist, wie natürlich, manches aus dem scandinavischen Mythus eingedrungen, ja im großen Pantheon zu Rhetra fand man neben den nationalen slavischen Gottheiten auch griechische Idole. Das Göttersystem der Zweiheit war auch bei den finnischen Volksstämmen ausgebildet, indem Licht- und Schwarzgötter angenommen wurden. Hoch oben im Norden wohnte der finnische Volksstamm der Lappen, die nun größtentheils den christlichen Glauben angenommen haben, doch aber in den entferntesten Gegenden noch Heiden sind, oder mindestens Heidenthum und Christenthum vermischen. Die Lappländer kennen einen Gott Tiermes, den Thor der Skandinavier, Donar der Germanen, nennen ihn auch Aijeke, Großvater, Aeltervater, und halten ihn für den wohlthätigen Geber des Lebens, den Erhalter der Gesundheit, den ergiebige Jagd und reichen Fischfang Verleihenden. Ein zweiter Gott ist ihnen Storjunkare, der Statthalter des Tiermes, auch ein Jagdgott, der zum Fang der wilden Thiere Beistand leistet; die dritte Gottheit ist Baiwe, die Sonne. Sie machten sich Bilder von ihren Götzen, oft sehr roh, aus bloßen Holzklötzen, diese heißen Seitas. Die Lappen hielten, wie die Finnen, viel auf Zauberwerke, Opfer, glaubten an eine Fortdauer der Seelen nach dem Tode, und dachten sich dieselben als das gespenstige Juhlvolk oder Juhlheer, welches ungemein viele Aehnlichkeit mit dem wilden oder wüthenden Heere der deutschen Volkssagen hat. Die Finnen selbst nannten die Gottheit Kawe, hervorgegangen aus dem Schooße Kundtarris, der Natur. Kawe zeugte 12 Söhne, die sich, in Folge des vorherrschenden Dualismus, in zwei Reihen sonderten. Die erste führt Wäinämöinen, das gute Princip, die zweite Hiisi, das böse. Es ist wichtig, wie bedeutsam die Zahl zwölf in den verschiedenen Mythen erscheint. Hellas hatte 12 große Götter, der Norden 12 große Asen, ähnliche Zahlenbedeutsamkeit auch bei den altpreußischen Göttersagen, wie bei den wendisch-slavischen überhaupt. – Scandinavien. Unter diesem Namen werden die Länder und Inseln Schweden, Dänemark, Norwegen, die Färöer und Island verstanden, und die Götter- und Heldengeschichte ihrer Frühzeit ist es, was unter dem Gesammtnamen der nordischen Mythologie vorzugsweise begriffen wird. Die Hauptquelle dieser Mythologie voll erhabener Bilder ist die Edda (s. d.). Alfadur (s. d.) waltete hoch über allen Göttern, ehe noch die Asen (s. d.) kamen. Aus der chaotischen Urtiefe, Ginungagap, sonderte sich die Feuerwelt und die Eiswelt ab, Muspelheim und Niflheim; aus Feuerfunken und Eiszacken entstand der Riese Ymer, ihn nährte die Kuh Audumla, er zeugte die Eisriesen, und die Kuh leckte aus salzigem Gesteine einen Gott, Buri, dessen Sohn, Bör, Vater dreier Brüder, des Odin, Wile und We, wurde, die Ymir tödteten und aus seinem Leichname die Welt bildeten, Sonne und Gestirne aus Flammen der Feuerwelt schufen, Zwerge hervor brachten und die Asenburg, Asgard, bauten. Aus Esche und Erle bildeten die Götterbrüder Mann und Weib. Odin wird der herrschende Gott, sein Geschlecht, wie seine Macht, vgl. Odin und Asen. Auch das nordische Göttergeschlecht hat gleich den Göttern der indischen, persischen, ägyptischen und griechischen Mythe mit feindseligen Wesen, Riesen u. dergl. Kämpfe zu bestehen; auch sie gesellen sich oft prüfend, freundlich und hilfreich zu den Sterblichen, und steigen auf der farbigen Himmelsbrücke, dem Regenbogen, zur Erde herab. Unter der Weltesche Ygdrasil sitzen sie täglich 3 Mal zu Gericht. Alte Weissagungen künden ihren einstigen Untergang in großer Schlacht mit dem Feuerriesen Surtur. Gegenseitiger Vertilgungskampf im Lohen des Weltbrandes, das ist Ragnarokur, die große Götterdämmerung. Wenige dauern fort in der neuen Welt, und ruhen aus vom Sturme und Kampfe in einem neuen Himmel, in Allfadurs Frieden. – Nach Island flüchtete und rettete sich zuletzt aus übrigen scandinavischen Ländern Kult und Sage, und in feiernden Gesängen priesen die Skalden, Sänger und wohl auch Priester lange nach Christi Geburt, jene alten Götter; ihnen danken wir die meiste Kunde, und wahrscheinlich auch die in der Edda aufbewahrten Lieder und Weissagungen. Die nordischen Heldenlieder (Sagas) enthalten eine Fülle schöner mythisch-poetischer Stoffe. Es ist merkwürdig, daß sich in dem Island so nahen Grönland kein Anklang der scandinavischen Mythe findet. Doch herrscht auch in diesen ausgedehnten Länderstrichen vielfacher Geisterglaube, mehr Volkswahn, als Götterkult, mehr Zauberwesen, als Priesterschaft, auf Sternenbetrachtung und Naturerscheinungen basirt. Es gibt Luft-, Feuer-, Eis- und Meergeister, Kriegsgötter, Erd- und Berggeister, und Götter der Speisen und Getränke. Auch die Grönländer haben eine Fluthsage; aus dem Daumen des ersten Mannes, Kollak, entstand das erste Weib; selbst Spuren eines Seelenwanderungsglaubens finden sich dort vor. Aehnlicher Glaube und Aberglaube herrscht bei den Esquimaux. Die übrigen Bewohner Nordamerika's-, so weit die Civilisation und die christlichen Sekten nicht eindrangen, huldigten in ihrem unbewußten Drange einer einfachen Naturreligion, und nannten das höchste Wesen, das sie gläubig ahneten, den großen Geist. Die Virginier glaubten an Fortdauer nach dem Tode; ihre Hauptgottheit nannten sie Oke, und huldigten außerdem dem Fetischmus. Die Floridaner hatten Gestirndienst, Sonnen- und Mond-Anbetung, desgleichen die Caraiben auf den Antillen; dort hießen die Sonnenpriester Jacuas; auch dort eine Fluthsage, in der bei der allgemeinen Ueberschwemmung nur ein Sonnentempel auf hohem Bergesgipfel stehen blieb, in den sich ein Menschenpaar und die Thiere der Erde retteten. Die Opfer sind unblutig, rein; doch ist der Sonnendienst mit dem Glauben an zahlreiche Geister gemischt. Auch bei den Brasilianern findet sich Glaube an Unsterblichkeit, Sonnen- und Mondverehrung. In Peru ausgebildeter Sonnenkult, Blutopfer, selbst eigene Kinder, die Götter Luzco, Viracocca, Manta, die Inkas als königliche Priester. Fast überall, wo es der Priesterschlauheit nicht gelang, sich zum sichtbaren Gott, oder leiblichen Statthalter der Gottheit auf Erden zu erheben, strebten sie wenigstens nach der Herrscherwürde, und dieß gelang ihnen sehr oft und in allen Regionen. Die Einwohner Chile's nannten die Gottheit Pillan. – Aller phantastische, wilde und grausame Götzendienst concentrirte sich aber in dem hochkultivirten Mexico. Sonnenkult und höchste Verehrung eines Nationalkriegsgottes bildeten die Grundelemente der Religion, in der sich außerdem außerordentlich vieles findet, das als Sage und Glaube, als Symbol und Gottheit eine Verbindung dieses Landes mit den Ländern der östlichen Halbkugel, sei es durch Auswanderung, durch Schiffahrt, oder was sonst, unzweifelhaft läßt. Riesentrümmer von Tempelstädten, wie sie sich in Indien, in Persien und der Lybischen Wüste finden, deuten auf ein starkes Geschlecht, dem zur Ausführung solcher Bauten Kräfte zu Gebote stehen mußten, die wir nicht begreifen. Auch dort die Annahme von vier großen Zeitepochen, Weltalter, mit deren Ende jedesmal der Untergang des Menschengeschlechtes verknüpft ist, von denen drei vergangen sind, und das vierte, nach welchem die Welt durch Feuer zerstört wird, noch zu erwarten ist. Ebenso findet sich dort die große Weltsage von der Sündfluth. Coxcox hieß der Mann, und Rokiquetzal seine Frau, die auf einem Fahrzeuge sich retteten, das sich auf dem Berge Colhueahean niederließ, wo ihre Kinder von weißen Vögeln so verschiedene Sprachen lernten, daß sie einander nicht mehr verstanden. Hier sind indische, phönizische, hebräische und griechische Anklänge vereint. Das Menschengeschlecht hat eine Schutzgöttin, Omecihuatl (s. d.), die in einer Sonnenstadt des Himmels wohnt. Das höchste Wesen, nur dunkel geahnet, nannten sie Teotl, ihm entgegengesetzt war eine dämonische Gottheit, Tlanatewlolotl, die vernünftige Eule. Uebergroß war die Zahl der vergötterten Helden. Später opferten sich die Helden alle, und zur Erinnerung wurden die gräßlichen Menschenopfer eingesetzt. Der meist verehrte Gott war Huitzilopochtli (s. d.); außer ihm gab es auch noch mehrere Kriegsgötter, Schutzgötter, Götter der Elemente, und viele andere, deren abenteuerliche, zum Theil schreckliche Bilder als Ausgeburten einer seltsamen und ausschweifenden Phantasie zu betrachten sind. Die ungemein zahlreichen bildlichen Darstellungen, eine Art hieroglyphischer Bilderschrift und vieles andere erinnert sehr lebhaft an Aegypten, nicht minder die große Gewalt des priesterlichen Ansehens. – Aus diesen in der That nur flüchtigen Umrissen und Andeutungen möge der große Baum des Mythus, der gleich der nordischen Esche Ygdrasil seine Zweige über die ganze Welt erstreckt, nur einigermaßen erkannt werden, denn der Stoff ist unübersehbar, unermeßlich.

–ch–


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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  • MYTHOLOGIE — s. f. Histoire fabuleuse des dieux, des demi dieux et des héros de l antiquité. Les fictions de la mythologie. Les dieux de la mythologie. La mythologie des Grecs, des Romains. L étude de la mythologie est indispensable aux peintres et aux poëtes …   Dictionnaire de l'Academie Francaise, 7eme edition (1835)

  • MYTHOLOGIE — n. f. Histoire fabuleuse des dieux des demi dieux et des héros de l’antiquité. Les fictions de la mythologie. La mythologie des Grecs, des Romains. La mythologie scandinave. Par extension, il se dit d’un Livre qui traite de cette matière. Il a… …   Dictionnaire de l'Academie Francaise, 8eme edition (1935)

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