Nervensystem

Nervensystem, nennt man die sämmtlich im Körper verbreiteten Nerven im Zusammenhange; doch muß es füglich in zwei Systeme geschieden werden, das der Gehirn- und Rückenmarksnerven und das der Nervenknoten des Unterleibes oder Gangliensystems. Erstere verbreiten sich meistentheils zu solchen Organen, welche dem Willen unserer Seele gehorchen und mit Bewußtsein derselben thätig sind, diese aber regieren und beleben solche Organe zur Thätigkeit, die unserm Willen nicht gehorsamen. So öffnet und schließt sich das Auge, der Muskel bewegt sich nach dem Willen der Seele, das Herz, die Lunge, der Magen, die Leber u. s. w. aber sind immer, auch im Schlafe, ohne unser Wissen und Willen für den Zweck des Lebens thätig. Zwar ist die Trennung dieser Systeme nicht schroff, denn aller Orten sind die Verbindungen anatomisch nachgewiesen, und daher erklärt sich auch die eintretende Thätigkeit wider unsern Willen in den Organen des erstern, die Folgen eines Willens auf die Organe des Letztern. Die Weisheit der Natur entzog die zum Leben nothwendigen Organe unserm Willen, weil wir kaum der Ordnung huldigen würden, die das Fortbestehen des Lebens verlangt, und der Schlaf sonst nicht vorhanden sein könnte, und scheint deßhalb die Seele in getrennter, aber zusammenwirkender Thätigkeit, wahrscheinlich auch mit getrennten Centralkraftpunkten geschaffen zu haben. Die Nerven, mit ihren Wurzeln, Gehirn, Rückenmark und Ganglien oder Gehirnen des Unterleibes, dessen Mittelpunkt das Sonnengeflecht in der Magen- und Lebergegend ist, sind die merkwürdigen Organe, wo die Materie und das Geistige auf eine dem irdischen Begriffe unlösbare Weise in Verbindung treten, und indem sie als der Grund des Lebens erscheinen, hängen sie doch wieder von der Thätigkeit der Organe ab, die sie zur Thätigkeit leiteten; ja es scheint, als wenn die geistige Kraft aus dem Processe der allgemeinen Ernährung hervorgehe und von der Nahrung abhängig sei, denn ohne Nahrung und gesunde Luft leidet der Geist, wie der Körper, und im Kinde wächst die Geisteskraft erst, wenn der Körper schon eine gewisse Ausbildung erlangte. Auch beeinträchtigen sich Geist und Körper gegenseitig. Zuviel Uebung des Geistes entzieht dem Körper, zuviel Aufopferung für diesen, jenem die Kraft. Im naturgemäß, d. h. thätig und einfach lebenden Menschen, tritt diese Beeinträchtigung nicht hervor, wohl aber, wenn die Kultur uns feindliche Genüsse kennen lehrte und die Körperanstrengung verminderte. Reizende Genüsse bei Stubenleben erregen die Organe des Unterleibes, besonders das wichtige Pfortadersystem mit seinem Blutreichthume, aus dem die Galle, wahrscheinlich aber die Nervenkraft für das Unterleibsnervensystem, durch das Blut entwickelt wird. Die Ueberreizung trägt sich auf die Nervenknoten und Geflechte über, erhebt sie über ihre ruhige Thätigkeit zu einer Ueberspannung, wodurch sie an Empfindlichkeit und Empfänglichkeit dem Gehirne des Kopfes ähnlicher werden, wie dieses schmerzen, oder zu andern krankhaften Aeußerungen getrieben werden können, was sich besonders im Sonnengeflecht oft deutlich darthut, und bei Hypochondern, Hysterischen und Magnetisirten grell hervortritt. Den wichtigsten Antheil aber an dieser krankhaften Entwickelung der Unterleibsnerven genannter Kranker hat die gleichzeitige eng damit verbundene Funktion der Gattungserhaltung, welche zur verderblichen Leidenschaftlichkeit steigend, Geist und Körper verwirrt und krankhaft stimmt, ja beide der einseitigen Richtung der Nerven des Unterleibes unterthan macht. Unser Körper ist nicht für den Genuß der Reizmittel geschaffen, die wir ihm bieten, am allerwenigsten aber für das anstrengungslose Leben, das nicht im Stande ist, ihrem schädlichen Einflusse zu begegnen. Besonders ist das weibliche Geschlecht, dessen Unterleibsfunktionen erhabner, wichtiger und vielfacher sind, vor dem schädlichen Einflusse der Reizmittel zu bewahren und zu anstrengender Thätigkeit anzuhalten, damit die schädlichen Folgen jener bekämpft werden. Vorzüglich ist Arbeit und Bewegung nöthig, denn auch ohne Genuß wirklich starker Sachen erzeugt die Unthätigkeit bei gutem Leben ein Uebermaß von Nervenkraft, das bald eine falsche Schwäche herbeiführt, welche der Schwäche eines von starken Getränken überfüllten Gehirns ähnlich ist, und eben so falsche Empfindungen, Begierden und Wünsche hervorbringt, als jenes falsche Vorstellungen. Ja, die zwischen beiden Systemen bestehende Verwandtschaft und Wechselwirkung zieht den Verstand bald in das Gebiet der Täuschungen, denn der schwächer ernährte Geist glaubt die fehlerhaften Empfindungen des gesteigerten Unterleibslebens, wird der Sclave desselben, wie wir dieß oft in lächerlichen Beispielen am Hypochonder und Hysterischen sehen, so wie an allen den Frauen, deren wichtigste Funktionen in Unordnung sind.

D.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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