Arabien (Geschichte)

Arabien (Geschichte). Wie dieses Wunderland von gefahrdrohenden Korallenküsten, einem fast unzugänglichen Meere, ungeheuern Sandwüsten und Felsenbergen rings eingeschlossen ist, und ein noch bis jetzt wenig erforschtes Ganzes bildet, so ist auch seine Geschichte nicht eher zugänglich, als bis die Kinder dieses seltsamen Landes, von einem Geiste beseelt und von seiner Feuertaufe zur welthistorischen Wichtigkeit geweiht, hervorbrechen, sich in Asien, Afrika und Europa, der ganzen damals bekannten Welt, als Sieger ausbreiten, und einen nie mehr zu verwischenden Einfluß auf die fortschreitende Kultur des Abendlandes ausüben. Und wie in diesem sonnenheißen Lande gleichsam in einem festen Schmuckschrein die herrlichsten Thäler und Gebirge, an welche die heilige Sage ihre kostbarsten Perlenschnüre anreihet (Sinai, Horeb), die fruchtbarsten Ebenen mit den edelsten Früchten, und eine überhaupt unvergleichliche Natur mit der üppigsten Vegetation neben Sandwüsten und rauhen Felsen, eingeschlossen werden, so gebar es auch die herrlichsten Geistesschätze, die in glühendster Farbenpracht prangenden, die süßesten Düfte aussendenden Blüthen der Poesie, der Frauenhuld und Liebe und der Tapferkeit. Wer weiß nicht, daß die ritterlichen Tugenden, welche das frühere kräftige Mittelalter zieren, von den Arabern stammen? Trotz dem kamen die Araber mit keinem andern Volke in Berührung und eben deßhalb ist ihre Geschichte bis zu jener Periode auch ziemlich dunkel. Freiheitsliebe, Einfachheit der Sitten und patriarchalische Lebensweise waren sonst hervorstehende Züge und charakterisiren sie auch jetzt wieder, nachdem sie lange schon ihre große und einflußreiche Rolle auf der Weltbühne ausgespielt haben, und weil jene Tugenden das Leben einförmig gestalten, und um deßhalb keine Bildner der Geschichte sind, so haben die jetzigen Araber so wenig eine Geschichte, wie die vor Muhamed. – Ihre Geschichtschreiber nennen die Ureinwohner Arabiens Bajediten, (Verlorne). Die spätern Araber, von denen die heutigen abstammen, theilen sich in zwei große Stämme, in die echten Araber oder Joktaniden, und in Mostaraber, (gemischte, eingepfropfte). Die meisten zogen als Nomaden umher. In Jemen allein bildete sich ein Staat und hier herrschten Fürsten aus dem Geschlechte Hamyar's, Hamyariten oder Homelriten genannt über 2000 Jahre. Die Stiftung dieses Reichs fällt ungefähr 3000 Jahre vor Muhamed. Auf jeden Fall hat in den frühesten Zeiten ein Zusammenhang zwischen Indien und Arabien Statt gefunden, und Letzteres erhielt dorther seine Bildung; auch zeigen sich in den frühern morgenländischen Schriftstellern Spuren eines solchen Zusammenhanges und einer Wichtigkeit der Araber, die auf verloren gegangne Geschichtsereignisse hindeuten. Nach den arabischen Schriftstellern selbst haben sie einst von der Tatarei bis nach Afrika geherrscht, und die Hyksos, welche zu Moses Zeiten Aegypten einige Jahrhunderte beherrschten, waren Araber. Alle Eroberungsversuche der Babylonier, Assyrer, Aegypter, der Perser, Alexander's des Großen und der Römer scheiterten an der eigenthümlichen Lage des Landes, obgleich die beiden Letztern einen Theil davon unterjochten. Arabien galt unter den Kaisern als römische Provinz. Jahrhunderte lang dauerten die ritterlichen Kämpfe der einzelnen Stämme gegen ihre Unterdrücker, bis diese selbst erschlafften. Mitten in diesen Fehden blühete die Poesie auf, und nahm bald einen schwärmerischen Charakter an. Die Religion der alten Araber war der Sternendienst, viele wurden Juden, ohne daß der Mosaismus allgemein geworden wäre. Eben so verhielt es sich mit dem Christenthum, welches früh zahlreiche Anhänger und Bekenner in Arabien fand. Doch bestand der alte Sternendienst immer noch fort. Der letzte König der Dynastie der Homeiriten, Naowasch, König von Jemen, war ein Jude und verfolgte die Christen. Da zog der Negusch von Habesch (König der Aethioper), der ein Christ war, gegen ihn. Die Araber wurden geschlagen, und ihr König stürzte sich, Unterwerfung verschmähend, ins Meer. Jemen wurde nun von äthiopischen Statthaltern regiert. Die siegreichen Aethioper brachten damals (im Jahre 502) den Arabern die Kinderblattern mit, welche sich von da über die ganze Erde verbreiteten. – Ein Gegenstand religiöser Verehrung war auch seit alter Zeit der schwarze Stein, die Kaaba genannt, in dem großen Thurme Saba zu Mekka, und weil viele Wallfahrten dahin unternommen wurden, so kam allmälig der Stamm der Koreischiten zu Mekka, welcher die Wallfahrer vor den Räubern schirmend leitete und dafür Belohnung empfing, zu Macht und Reichthum. Ein Zweig dieses Stammes war das Geschlecht Halesch, aus welchem der kühne, poetische, geist- und feuervolle Muhamed (s. d.) entsprang. Durch Klugheit und Muth vereinigte er alle bis jetzt zerspaltenen Stämme und Geschlechter zu einem Volke, gab ihm eine gemeinschaftliche, orientalisch sinnliche, phantastische Religion und eine Verfassung, hauchte ihm seine wilde, schwärmerische Begeisterung ein, und riß es, wie im gewaltigen Sturme, zur größten welthistorischen Wichtigkeit empor. Die morschen Staaten des Orients waren zum Falle reif; das junge, von Muhamed's Geist geborne Volk zog, von kühnem Drange beseelt, auf ritterliche Abenteuer aus, und befruchtete die Welt mit dem empfangenen Geiste Wie eine Wetterwolke, das siegbringende Schwert des Propheten vor sich hertragend, drangen die Araber bis in die Mitte der pyrenäischen Halbinsel vor. Muhamed's kräftigte Nachfolger, Khalifen genannt, vollendeten sein begonnenes Werk und es blühete, bis die ursprüngliche einfache Lebensweise in Ueppigkeit überging und einzelne Satrapen sich des Ansehns der Khalifen bemächtigten, und endlich ein rohes kräftiges Eroberervolk, die Türken, die Herrschaft der Araber in Asien und Afrika brach, während sie von den Christen aus Spanien verjagt wurden. Die Geschichte der Araber beginnt mit dem Jahre der Hedschra (der Flucht Muhamed's nach Medina) den 16. Juli 622, eine neue Zeitrechnung, und zerfällt in eine innere und äußere. Wir haben es hier nur mit der erstern zu thun, weil die Geschichte des Khalifats in den verschiedenen Dynastien in Asien, Afrika und Europa unter dem Artikel Mauren (s. d.) vorkommt. Anfangs hielten sich die Khalifen in Arabien auf, aber seit Ali's, des vierten Khalifen Fall, verlegte Moawiah, seine Residenz nach Damaskus, und Arabien, sich wieder selbst überlassen, zerfiel in seine alten Stämme und Horden. Im 11. Jahrhundert eigneten sich die Häupter des Stammes Soleik den Imamstitel zu, im 15. Jahrhundert zeichnete sich der mächtige Stamm der Thaher aus, dann suchten die ägyptischen Sultane Hoheitsrechte über Arabien auszuüben, bis die Türken im 16. Jahrhundert die Mamluckenregierung stürzten und Jemen unter ihre Botmäßigkeit brachten, welche aber in der Mitte des 17. Jahrhunderts wieder abgeschüttelt wurde. Alljährlich strömte eine große Menge Muhamedaner nach Mekka zum Grabe des Propheten, und an der arabisch-persischen Küste wurde viel Handel getrieben. Darauf und auf die unbedeutenden Kämpfe einzelner Emirs beschränkt sich Arabiens Geschichte bis zum Jahr 1770, wo Abdul Wahab die Dynastie der Wechabiten (s. d.) begründete, welche sich ungeachtet mancher Unglücksfälle und einer noch zu Ende des Jahres 1817 an ein ägyptisches Heer verlornen Schlacht, gegen die Angriffe des persischen und türkischen Monarchen, so wie des ägypt. Statthalters bis jetzt erhalten hat, unbestraft von den übrigen zahlreichen Bekennern des Islam für die Entheiligung des Grabmahls des Propheten. Seit 1818 mußte Jemen dem Vicekönig von Aegypten Tribut zahlen. – Wie reich an Poesie und wahrem Schöpfergeiste dieses Land ist, geht aus der außerordentlich starken Literatur hervor. Alle Zweige des menschlichen Wissens haben die Araber nicht nur bearbeitet, sondern wirklich weit vorwärts gebracht. Beinahe Alles, was wir an astronomischen Kenntnissen besaßen, bis zum Erwachen der Wissenschaft durch Keppler, Tycho de Brahe, Copernikus, Galilei, Newton, Otto von Guerike etc. danken wir den Arabern. Bon ihnen aus ging auch die Geographie, Medicin und Chemie, Mathematik, Geschichte, Physik und Philosophie. In Spanien allein legten sie siebzehn Universitäten, außer einer großen Anzahl höherer und niederer Schulen an. Einige zwanzig der größten Gelehrten machten nach einander weite Reisen, um kennen zu lernen, was außerhalb dem Bereich ihres Wissens war; und nicht einzelne Männer nur, das Volk selbst und die Khalifen waren die Beförderer des Guten, Großen, Nützlichen. Zu bedauern ist, daß ihr Koran sie auf der Stufe hält, auf der sie vor 5–6 Jahrhunderten standen. Sie sind nicht weiter gegangen, als die scholastische Philosophie und die Prädestinationslehre ihnen erlaubte, aber wie weit auch dieß trotz der Beschränkung reichte, beweist der Ueberrest der Bildung, der durch dreihundertjährige Mühe in Spanien nicht hat ganz unterdrückt werden können; obwohl mit den von Philipp II. vertriebenen Mauren Gelehrsamkeit, Kunst und Wissen von dem Boden wich, der nicht mehr werth schien, diese köstlichen Pflanzen zu tragen.

St.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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