Pauline, Christine Wilhelmine, Fürstin zur Lippe

Pauline, Christine Wilhelmine, Fürstin zur Lippe, Christine Wilhelmine, Fürstin zur Lippe, Tochter des Fürsten von Anhalt-Bernburg, geb. den 23. Februar 1769, gehörte zu den edelsten, geistvollsten Frauen eines Zeitalters, welches wenig Regenten aufzuweisen haben dürfte, die in ihrem hohen Berufe es dieser Frau gleich thaten. Zu Ballenstädt auf einer Bergeshöhe am Fuße des Harzes, wo eine reizende, kräftige Natur sie umgab, verlebte Pauline die Jahre ihrer Kindheit, und beurkundete frühzeitig Talent und Liebe zu den Wissenschaften, in deren Heiligthum sie unter der Leitung sehr geschickter Lehrer geführt wurde. Minder glücklicher Erfolg krönte Paulinen's Mühe in den schönen Künsten, in denen sie es nie zu einiger Fertigkeit bringen konnte. Die nicht den Studien zugehörigen Stunden brachte sie größtentheils an der Seite ihres Vaters zu; bald, indem er Regierungsgeschäfte betrieb, deren Last sie ihm in späteren Jahren zu erleichtern suchte; bald auf Jagdzügen in den Forsten des Harzes. Auf diese Weise mußte der Geist der Jungfrau eine die weibliche Zartheit fast überbietende Haltung, und ihr Charakter eine männliche Festigkeit und Starke gewinnen. Mächtige Anregung fand P's Neigung zur Politik durch den Ausbruch der französischen Revolution; sie verfolgte mit aufmerksamen Blicken den Gang derselben, und erstarkte dadurch in Grundsätzen, die für ihre ganze künftige Handlungsweise ein entschiedenes Uebergewicht gewannen. Je tiefer die Schrecken der Gräuelscenen ihr Gefühl, ihren religiösen Sinn verwundeten, um so mehr befestigte sie sich in der Ueberzeugung, daß es den Fürsten nothwendig sei, die Volkswillkür zu bekämpfen, daß Nachgiebigkeit des Regenten den Staat zum Verderben führe, und daß man beliebte Redeformen von Staatsverfassung und Staatsbürgern nur gebrauchen müsse, um die Zügel der Regierung mit desto sicherer Hand zu leiten. Wie nahe sich hier Irrthum und Wahrheit liegen, zeigt die neueste Geschichte auf jedem ihrer Blätter. Den 2. Januar 1796 vermählte sich P. mit dem regierenden Fürsten Friedrich Wilhelm Leopold zur Lippe, den sie selbst in einem ihrer Briefe an Gleim als einen redlichen, edeldenkenden Mann schildert. Sie fand in ihrem neuen Verhältnisse, sowohl in der Achtung ihres Gemahles, als in der allgemeinen Anerkennung ihres persönlichen Werthes, Glück und Zufriedenheit. Dem Gatten und dem Lande ward sie zwiefach theuer, da sie bald als Mutter zweier Söhne des Fürstenhauses Fortdauer sicherte. Aber nur zu schnell wurde ihr eheliches Glück zerstört. Nach kaum sechsjähriger Ehe starb ihr Gemahl den 4. Februar 1802, und die Witwe trat jetzt auf den Grund des Testamentes, nach erfolgter Bestätigung des Kaisers, die vormundschaftliche Regierung an; zwar ohne laut ausgesprochenen Widerstand der Stände, nicht aber ohne Widerwillen derselben, da jene Bestimmung den früheren Hausgesetzen entgegen war. Unermüdliche Thätigkeit – die erste Bedingung für einen Regenten, der seinen hohen Beruf ganz erfüllen will – und Selbstständigkeit, waren die hervorleuchtenden Eigenschaften, mit denen P. ihre neue Laufbahn betrat. Insbesondere widmete sie ihre Aufmerksamkeit der hilflosen Menschheit: mit dem regsamsten Eifer verfolgte sie hierbei ein System, dessen Reise, Anordnung und Zusammenhang, keine Aufopferung scheuend, zu großen Resultaten führen mußte. Sie begründete Institute, durch die ihre schönen Pläne verwirklicht wurden, nämlich eine allgemeine Verbesserung des Armenwesens zu Detmold und eine Pfleganstalt für kleine Kinder, eine Erwerbs- und Freischule, ein freiwilliges Arbeitshaus, ein Kranken- und Waisenhaus, wie auch ein Schullehrerseminarium. Die größte Weisheit lag in der Verbindung, in welcher die einzelnen Zweige dieser verschiedenen Anstalten zu einander standen. Dennoch würde P. noch Größeres vollbracht haben, wenn nicht die Landstände einstimmig der Ansicht gewesen wären, daß dergleichen Anstalten nur größern Staaten mit reichern Hilfsquellen überlassen werden mußten. So sah sich die edle Fürstin nicht selten in der Ausführung ihrer menschenfreundlichen Pläne gestört. Hierzu kamen die wichtigen Weltereignisse, die den kleinen, gleichwie auch die größeren Staaten in beengende Verhältnisse warfen. – Der Verband der deutschen Reichsverfassung, der bis dahin den kleinen deutschen Staaten politische Sicherheit gab, löste sich auf. Die schwankende Hoffnung, durch einen norddeutschen Bund einen Theil des Vaterlandes gegen die eindringende Franzosenherrschaft gesichert zu sehen, ging mit der Besiegung Preußens auf den Schlachtfeldern von Jena und Auerstädt gänzlich verloren. Die Pflicht der Selbsterhaltung ließ der Regentschaft eines kleinen Staates, wie der Lippe'sche, keine Wahl der Mittel. P. ließ sich den 18. April 1807 ohne Zögern in den rheinischen Bund aufnehmen, der ihr Souverainetät und unabhängige Staatsgewalt ertheilte. Daß jedoch die Stimmung der seit jenem Zeitpunkte nicht mehr einberufenen Lippe'schen Landstände nicht die günstigste war, bedarf wohl keiner Erwähnung. Sie ließ übrigens die ganze Landesverfassung unangetastet, und suchte die Erhaltung des Staates in einer kraftvollen Selbstregierung. In vielen entscheidenden Augenblicken, in denen eine Berathung mit den Ständen nur zu weitläuftigen Erörterungen geführt haben würde, konnte die Fürstin allein durch schnelles Entschließen und rasches Handeln das Land vom Verderben retten, bei welchem in Bezug auf den damals alle mächtigen französischen Kaiser noch besonders die Achtung entschied, welche er der Fürstin Regentin auf vielfache Weise zu erkennen gab. Das Lippe'sche Land hatte daher, außer einigen unvermeidlichen Durchmärschen, nichts von dem Ungemache zu leiden, das den nördlichen Theil Deutschlands so empfindlich traf. Unter diesen Verhältnissen trat P. der großen Katastrophe von 1813 entgegen. Man hielt die Fürstin für eine blinde Verehrerin des gestürzten Kaisers, und deßhalb für eine Feindin der Wiederherstellung Deutschlands. Aber auch hier entschied sie sich rasch und mit Nachdruck, und trat schon am 29. November zu Frankfurt am Main dem Bündnisse der hohen Verbündeten bei. Kaum war aber der Friede nach Außen gesichert, als P. im Innern ihres Landes den Dämon der Zwietracht zu bekämpfen hatte. Während des Kriegs gegen Frankreich bereits regten sich die Stande, um ihre vermeinten Regierungsrechte geltend zu machen. Sie erhoben Beschwerden über die seit acht Jahren unterbliebene Haltung des Landtages, und forderten die Wiederherstellung der alten landständischen Verfassung. Der Fürstin rasche Handlungsweise, die sie auch gern in der Anordnung einer neuen Constitution ihres Fürstenthums bewahrt hätte, ward einige Zeit durch die Erwartung gehemmt, daß vom Bundestage nähere Bestimmungen über Art und Weise der verheißenen landständischen Verfassungen erfolgen würden. Als sich dieses aber verzögerte, säumte die Regentin nicht, und widmete, nach dem Vorbilde anderer edler Fürsten, der schwierigen Aufgabe ihre ganze Aufmerksamkeit. Allein was sie auch in dieser Hinsicht unternehmen mochte, es scheiterte an der geringen Bereitwilligkeit der Stände. Man verwickelte sich in weit aussehende Verhandlungen, in deren Verfolge die Fürstin dem Wunsche entsagen mußte, die Annahme einer neuen Verfassungsurkunde zu Stande zu bringen, denn sie nahte dem Ziele ihrer Regentenlaufbahn. Den 4. Julius 1820 übergab sie ihrem Sohne Paul Alexander Leopold die Regierung, genoß aber die längst ersehnte Ruhe nur kurze Zeit und vollendete bereits am 29. December 1820. Ihr Beispiel lehrt uns, welch' reiche Frucht ein Menschenleben bei geregelter Thätigkeit zu fördern vermag. Bei vielseitigen Kenntnissen machte sie es sich stets zur Pflicht, die Regentschaft auch persönlich zu führen. Sie las, prüfte und ordnete Alles mit ungewöhnlicher Geisteskraft und unermüdlichem Eifer; verfolgte den Grundsatz, nie auf halbem Wege stehen zu bleiben, und obgleich sie sich stets ein hohes Ziel steckte, erreichte sie es doch oft. Außer diesen großen Eigenschaften besaß P. eine seltene Kenntniß der alten und neuen Sprachen, und versuchte sich mit Gluck im Gebiete der Literatur. Nebst einigen Dichtungen sind mehrere andere Werke von ihr im Druck erschienen, die meist ernsten und politischen Inhaltes, die Pläne vorbereiteten, die sie als Frau und Fürstin zu verfolgen sich zum Ziele setzte, und einen hohen Begriff von ihrer Einsicht und Klugheit geben.

E. v. E.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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